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    Würzburg

    Auf Fels gegründet

    Die Kirche muss auch auf dem Synodalen Weg apostolisch bleiben.

    • Ein Geist, der sich im Laufe der Dogmengeschichte selbst widerspricht, kann nicht der Heilige Geist sein. Eine Kirche, die heute das Gegenteil von dem sagt, was sie früher gesagt hat, kann nicht apostolisch sein.
       
    • Das gilt auch für die Beratungen des Synodalen Weges, wo Forderungen im Raum stehen, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen. Etwa mit Blick auf Weiheamt oder Sexualmoral.
       
    • Das Zweite Vatikanum betont, dass die Heilige Schrift allein nicht als apostolisch-unerschütterliches Fundament reicht. Es braucht das Lehramt der Kirche. Warum? Weil christlicher Glaube nicht bloß das Teilen einer Meinung mit anderen ist.

    Wenn der Geist schwindet, wird der Glaube zum Dogma und die Kirche zur Partei!“ Henri de Lubac sagte das mit Blick auf die theologischen Grabenkämpfe der 70er Jahre. Er meinte die sogenannten „Progressiven“ beziehungsweise „Konservativen“! Denn beide Seiten interpretierten das Zweite Vatikanische Konzil als Bruch mit dem apostolischen Glauben der Kirche: Begrüßt wurde der Bruch von denen, die sich vom alten, starren „Dogma“ distanzierten und ein fortschrittliches Programm größtmöglicher Offenheit entwarfen, das der Partei, gar einer Volkspartei, besser dient; beklagt wurde der Bruch von denen, die die Unveränderlichkeit der „Dogmen“ beschworen und bald als extremer Flügel der Partei galten, bis sie ihr eigenes Programm entwarfen und sich abspalteten, indem sie durch Bischofsweihen ohne Auftrag des Papstes die apostolische Sukzession eigenmächtig fortsetzen wollten. Da die Texte radikale Interpretationen nicht stützten, sprachen beide Seiten beim Lesen vom „Geist des Konzils“: vom Geist des Aufbruchs die einen, vom Ungeist des Abbruchs der Kirche die andern.

    Mit „Geist“ ist in dem Wort von de Lubac natürlich der Heilige Geist gemeint: Ohne Ihn wäre Glauben mit der Kirche und Glauben an die una, sancta, catholica et apostolica ecclesia unmöglich. Ein Geist, der sich im Laufe der Dogmengeschichte selbst widerspricht, kann nicht der Heilige Geist sein; genauso wenig wie ein Geist, der das lebendige Wachstum im Glauben der Kirche, das heißt jede die Wahrheit vertiefende Dogmenentwicklung verhindern will. Die römisch-katholische Kirche glaubt an das Wirken des Heiligen Geistes in ihr – von Anfang an bis heute. Nur durch Ihn kann die Kirche heute noch den Glauben der Apostel in die Welt tragen und die Schriften des Neuen Testaments richtig verstehen, leben und auf diese Weise die eine, heilige, allumfassende und apostolische Kirche sein. In ihr ist das Wort Gottes, der Sohn, auch heute noch der Immanuel, der Gott mit uns, der Fleisch angenommen hat und in seinem Leib, der Kirche, lebt und wirkt.

    Das hatte er den Aposteln, die seinen Worten glaubten, weil sie an ihn glaubten, zugesagt, als er sie zur Verkündigung aussandte: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,19f) Und: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26)

    „Die meisten Leute heute finden Reinkarnation gut"

    Die Konzilskonstitution „Dei verbum“ sagt, wie der apostolische Glaube lebendig bleibt: „Es zeigt sich also, dass die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, dass keines ohne die anderen besteht und dass alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen.“ (DV 8)

    Ein konkretes Beispiel dafür, was das mit dem Heil der Seelen zu tun hat: Jüngst argumentierte ein katholischer Gast im Zisterzienserkloster für die Reinkarnationslehre: „Die meisten Leute heute finden Reinkarnation gut“; und „die Bischöfe haben erst im sechsten Jahrhundert auf dem Konzil von Konstantinopel mit knapper Mehrheit beschlossen, dass die Katholiken nicht mehr an die Reinkarnation glauben dürfen!“ Dabei gebe es schon in der Bibel Reinkarnation beim Propheten Eliah. Außerdem nannte der Mann die Human- und die Geschichtswissenschaften als Autorität für seinen Glauben: Sie hätten inzwischen bewiesen, dass es paranormale Phänomene gibt – Menschen, die überzeugt sind, schon andere historische Personen gewesen zu sein; folglich müssten wir unsere Vorstellungen von Normalität überdenken.

    Man muss nicht Theologie studiert haben, um zu erkennen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Wer an die apostolische Kirche glaubt, der weiß: Eine „Kirche“, die heute das Gegenteil sagt von dem, was sie früher sagte, kann offensichtlich nicht apostolisch sein. So ist auszuschließen, dass die Katholiken bis ins sechste Jahrhundert nicht wussten, ob eine Seele mehrfach reinkarniert wird.

    Wer an die apostolische Kirche glaubt, die es nur als die Kirche gibt, die die Lehre der Apostel überliefert, der weiß: Jeder Getaufte, das heißt diese bestimmte, einzigartige Person, darf auf Auferstehung und Verklärung des Leibes zur Gemeinschaft mit Gott und allen Heiligen hoffen – das war schon immer so, das heißt seit die Apostel zum Glauben an die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus kamen! De Lubacs Feststellung könnte daher auch so formuliert werden: „Wenn das Apostolische schwindet, wird der Glaube zum Dogma und die Kirche zur Partei!“

    Christlicher Glaube ist Teilhabe an der Wahrheit

    Aber reicht nicht die Heilige Schrift als apostolisch-unerschütterliches Fundament des Glaubens aus – warum ist, wie „Dei verbum“ betont, ein Lehramt der Kirche notwendig? Um im Beispiel zu bleiben: Die einzige Wiedergeburt, an die in der Kirche je geglaubt wurde, ist die Wiedergeburt aus Wasser und Geist – wer an die Wiedergeburt einer Seele in mehreren menschlichen Inkarnationen glauben wollte, konnte nicht zur Kirche als Leib Christ gehören.
    Aber kann man auch die Glaubenslehre, dass die Taufe nicht nur etwas bedeutet, sondern dass in ihr etwas mit dem Menschen geschieht, eindeutig in den Schriften des Neuen Testamentes finden? Ja, natürlich! Aber warum lehnte dann Karl Barth, ein anerkannter Theologe, diese Glaubenslehre ab? Warum ließ er sich im Streit darüber auch vom Exegeten Heinrich Schlier nicht überzeugen?

    Wenn es kein apostolisches Lehramt der Kirche gäbe, dann wäre der Gläubige in Glaubensfragen auf das Privaturteil angewiesen: Welcher Theologe hat recht? „Glauben“ hieße dann, der Autorität eines Theologen „vertrauen“ beziehungsweise „meinen“, was er meint. Oder soll man auf den durch die Medien vermittelten common sense der Zeitgenossen bauen?

    Dagegen spricht: Christlicher Glaube ist nicht bloß das Teilen der Meinung mit anderen Menschen, und sei es auch die Mehrheit hinter einem Parteiprogramm. Christlicher Glaube ist Teilhabe an der Wahrheit, die Person ist: „Wir wissen aber: Der Sohn Gottes ist gekommen und er hat uns Einsicht geschenkt, damit wir (Gott) den Wahren erkennen. Und wir sind in diesem Wahren, in seinem Sohn Jesus Christus. Er ist der wahre Gott und das ewige Leben.“ (1 Joh 5,20)

    Gäbe es keinen authentischen Interpreten der Überlieferung, dann wäre die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus zwar vor zweitausend Jahren geschehen, aber es ließe sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob und wie genau Gott (der erste Theo-loge) sich mitgeteilt hat oder was er mit uns Menschen tun will.

    Atheismus oder Katholizismus?

    John Henry Newman formulierte dies für die christliche Theologie so: Die Idee einer geschichtlichen Selbstoffenbarung Gottes fordert die göttliche Einsetzung eines authentischen Interpreten, sonst wäre die Offenbarung nur eine halbe oder am Ende gar keine. Ohne Offenbarung gibt es aber keine christliche Theologie. Und weil Newman, wie er in der Apologia pro vita sua zugibt, keiner anderen Religion als der christlichen eine konsistente Erklärung und Lösung für den Zustand des Menschen und seiner Welt zutraut, bliebe für ihn als Alternative nur noch der Atheismus. Kein Wunder also, dass Newman in eine religiöse Krise geriet, als die Bischöfe der Church of England  nicht mehr bereit waren, Bischöfe zu sein. Sie wollten zwar nicht auf die Besoldung, die politischen Ämter und das Sagen in der englischen Staatskirche verzichten. Aber sie wollten ihr Lehramt nicht apostolisch verstehen: Sie verurteilten daher den Versuch der Oxford-Bewegung, die Bekenntnisschriften der englischen Kirche im Sinne der apostolischen Glaubenslehre zu interpretieren.
    Wenn jemand sich der Oxford-Bewegung anschloss, hieß das damals: he turned apostolical. Dagegen wollte die Mehrheit der Bischöfe ein verbindliches, die heilige, (anglo-)katholische Kirche im Glauben einendes Bekenntnis vermeiden. Sie wandte sich der liberalen Theologie zu und plädierte stattdessen für das Privaturteil in religiösen Fragen.

    Ohne in der Nachfolge der Apostel auf deren Lehre verpflichtete Bischöfe konnte Newman die Church of England nicht mehr als die una, sancta, catholica und apostolica ecclesia ansehen. Die Voraussetzung eines vernünftig konsistenten, auf Offenbarung gegründeten Glaubens verschwand. Newman verzichtete daher auf alle Ämter in der Kirche und zog sich zurück, um der Frage nachzugehen: Gibt es die una, sancta, catholica et apostolica ecclesia überhaupt noch oder ist sie im Laufe der Zeit vom Erdboden in die Unsichtbarkeit entschwunden?

    Ist die katholische Kirche die Kirche Christi?

    Er erforschte die Dogmenentwicklung: Wie genau ist der apostolische Glaube im Verlauf der Kirchengeschichte vertieft und weiter entfaltet worden und ihre Lehre organisch aus dem Samen des Evangeliums vom Reich Gottes weitergewachsen? Welche Gesetze und Regeln lassen sich beobachten, die eine organische Entwicklung kennzeichnen – im Gegensatz zu einer Deformation oder einer krankhaften Wucherung?

    Newman kam zu dem Schluss: Die Kirche besteht weiter in der römisch-katholischen Kirche, die tatsächlich und zu Recht den Anspruch erhebt, die una, sancta, catholica et apostolica ecclesia zu sein – solange das so bleibt, wird der Glaube nicht zum Dogma und die Kirche nicht zur Partei.

    Autor Thomas Möllenbeck ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der PTH Münster und Dozent am International Theological Institute Trumau. 

     

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