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    Pandemie

    Zu kurz gegriffen

    Das vermeintliche Erfolgsmodell Kurzarbeit erzeugt bei Betroffenen zunehmend Sorgen. Die finanziellen und psychischen Belastungen über viele Monate gehen an die Substanz.

    Das Kurzarbeitergeld in der Coronakrise wird oft als Erfolgsmodell bezeichnet. Als Überlebenshilfe für Unternehmen trifft das zu. Die Sicht der von Kurzarbeit Betroffenen ist oft eine andere.

    Laut Schätzungen des ifo-Instituts waren im Dezember 2020 noch rund 2,39 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Eigentlich ist das ein einmaliges Überlebensmodell. Wenn es in Krisen weniger gibt, hilft der Staat und gleicht den Arbeits- und Lohnausfall aus. Die Arbeitsagentur ersetzt 60 Prozent des entgangenen Lohns (bei Eltern 67 Prozent). Ab dem vierten Bezugsmonat erhöht es sich auf 70 Prozent (77), ab dem siebten Bezugsmonat auf 80 Prozent (87) des ausgefallenen Nettoentgelts. Die höchsten Zahlen der Kurzarbeit in der aktuellen Pandemie gab es im Mai vergangenen Jahres. Damals waren es 7,3 Millionen Beschäftigte, die in den vermeintlichen Genuss der Kurzarbeit kamen. Denn ein wirklicher Genuss ist die für viele bereits fast ein Jahr andauernde Zeit nicht.

    Mittel zur Jobrettung

    Das von Unternehmen als „hervorragendes Mittel, um Jobs zu retten“ gepriesene Instrument bringt für zahlreiche Arbeitnehmer Belastungen mit sich, die sich nicht nur finanziell, sondern auch auf die Psyche auswirken. Dabei fehlt vielen Betroffenen der Mut, offen über ihre Nöte und Sorgen zu reden. Im Gespräch mit der Tagespost beschreibt eine Projektassistentin in einem kleinen Unternehmen ihre Lage. Aus Sorge vor Repressalien möchte die Mittfünfzigerin, die bereits seit dem 1. April 2020 in Kurzarbeit ist, allerdings nicht namentlich genannt werden. „Mich bringt die aktuelle Situation an die Grenze des Ertragbaren“, beschreibt sie. Die finanzielle und psychische Belastung gehe von Monat zu Monat mehr an die Substanz.

    Es fehlt was in der Kasse

    Gut 60 Prozent der bisherigen Arbeitszeit der betroffenen Arbeitnehmerin entfallen durch die Kurzarbeit. Neben dem Kurzarbeitergeld zahlt ihr der Arbeitgeber eine Aufstockung von 100 Euro. Dennoch fehlen ihr am Ende des Monats von den etwa 1 600 Euro netto, die sie vor der Kurzarbeit verdient hat, jeden Monat gut 100 Euro in der Kasse. „Das ist wirklich ein spürbarer Einschnitt“, beschreibt sie. Bei den geringeren Einnahmen bleiben die Kosten schließlich gleich. „Ob man mit dem Auto zu einem vierstündigen oder einem achtstündigen Arbeitstag fährt, ist deinem Portemonnaie egal“, ergänzt sie traurig. Den Vermieter interessiert es ebenso wenig, dass netto weniger in der Kasse ist, wie den Metzger, den Supermarkt oder die Autowerkstatt.

    KAB fordert Aufstockung auf 100 Prozent

    Die massiven Einkommensverluste und die Folgen für die von der Kurzarbeit Betroffenen bereiten der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) Sorge. Deshalb fordert der Sozialverband eine Aufstockung auf 100 Prozent des eigentlichen Lohns durch die Unternehmen. Im Fall finanzieller Schieflage der Firma könne die Aufstockung durch die Bundesregierung erfolgen. Die Forderung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) geht in eine ähnliche Richtung. Unternehmen sollen, nur dann von Sozialabgaben entlastet werden, wenn sie das Kurzarbeitergeld auf 90 Prozent aufstocken. Und die Einkommenseinbuße ist nicht die einzige Sorge der Arbeitnehmerin in Kurzarbeit. Nach ihrer Steuererklärung droht ihr eine heftige Nachzahlung. „Ich gehe davon aus, dass es mindestens 800 Euro sein werden, die das Finanzamt allein für 2020 nachkassiert“, beschreibt sie. Grund dafür ist der sogenannte Progressionsvorbehalt beim Kurzarbeitergeld. Er sorgt dafür, dass steuerfreie Einkünfte den Steuersatz für den regulären Lohn und sonstige Einkünfte der Beschäftigten erhöhen können.

    Steuernachzahlungen drücken

    Solche nicht steuerpflichtigen Zahlungen sind zum Beispiel das Kurzarbeitergeld oder eine Aufstockungszahlungen durch den Arbeitgeber. „Für mich bedeutet das, dass ich neben dem monatlich fehlenden Geld noch zusätzlich etwa 100 Euro weglegen müsste, um das Geld fürs Finanzamt anzusparen“, ergänzt die Arbeitnehmerin. „Hier muss politisch etwas passieren“, ist nicht nur die Forderung des DGB. Er fordert schon länger eine Aussetzung des Progressionsvorbehalts. „Wir brauchen eine Steuerbremse“, heißt es dort. Das Kurzarbeitergeld bringe den Arbeitnehmern bereits erhebliche Einkommenseinbußen. Sie sollten nicht zusätzlich mit Steuernachzahlung belastet werden. Die Koalition müsse endlich handeln, um weitere Härten für die Beschäftigten in Kurzarbeit zu verhindern.

    Eine solche Regelung würde der von uns befragten Arbeitnehmerin ein wenig weiterhelfen. Aber die finanzielle Situation ist nicht die einzige Belastung, die sie drückt. „Man ist irgendwie gar nicht mehr in die Betriebsabläufe eingebunden“, beschreibt sie. Statt 38 Wochenstunden ist sie von Montag bis Donnerstag nur noch 16 Stunden im Unternehmen. Sie habe kaum noch Kontakt zu den Kunden, könne viele Bestellvorgänge oder Reklamationen nicht nachvollziehen. „Ich habe meine Arbeit immer geliebt, auch weil ich einen eigenen Aufgabenbereich hatte, der Gestaltungsräume mit sich brachte. In der Kurzarbeit ist das alles weggebrochen.“

    Motivation wird zum Problem

    Da falle es schwer, die Motivation und die Freude an der Arbeit zu halten. „Dazu kommt die Ungewissheit darüber, ob nicht am Ende der Kurzarbeit doch noch die Arbeitslosigkeit droht.“ Sie findet es auch ungerecht, dass in ihrem Unternehmen, wie in anderen Fällen, von denen sie gehört hat, das Instrument der Kurzarbeit zur Gewinnoptimierung genutzt wird. „In einem kleinen Unternehmen, wie dem unseren, macht es schon etwas aus, wenn ein erheblicher Teil der Lohnzahlung und des Arbeitgeberanteils an den Sozialversicherungsbeiträgen nicht mehr gezahlt werden müssen.“

    Wenn man dazu sehe, dass die Umsätze des Unternehmens eben nicht einbrechen, stelle man sich schon die Frage, ob das so alles richtig sei. Insbesondere dann, wenn die Chefs bei Beginn der Kurzarbeit, als es um die Zustimmung der Mitarbeiterin ging, von einem Vierteljahr gesprochen und ihr die Option eingeräumt hätten, das auch alles wieder rückgängig zu machen. „Davon war dann allerdings schnell keine Rede mehr, als die Möglichkeit zur Kurzarbeit bis Ende 2021 verlängert wurde“

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