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    Bonn

    Sinn für die Soziallehre

    Wolfgang Clement war Katholik. Er interessierte sich für den Solidarismus des Jesuiten-Paters Heinrich Pesch und den Personen-Begriff von Papst Johannes Paul II..

    Politiker Wolfgang Clement
    Wolfgang Clement wurde am vergangenen Dienstag durch einen Staatsakt geehrt. Foto: dpa

    In der Nacht vom 26. zum 27. September verstarb wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag in seiner Wohnung in Bonn-Bad Godesberg der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (1998-2002) und spätere Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit im zweiten Kabinett Schröder (2002-2005), Wolfgang Clement. Am vergangenen Dienstag wurde er mit einem Staatsakt in Bonn geehrt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte zum Lebenswerk des Verstorbenen, Clement habe stets das Ziel angestrebt, Deutschland zukunftsfähig zu machen. Dafür arbeitete er als Wirtschaftsminister Nordrhein-Westfalens im Sinne des Strukturwandels in der ehemaligen Stahl- und Kohleregion und als Mitbegründer der Hartz-IV-Reformen unter Bundeskanzler Schröder. Clement entfernte sich aber dabei mit und in seinen Vorstellungen von Sozialer Marktwirtschaft immer mehr von denen seiner Partei, was schließlich nach dem rechtlichen Scheitern eines Parteiausschlussverfahrens dazu führte, dass Clement 2008 aus der SPD ausgetreten ist.

    Geprägt durch die Katholische Soziallehre

    Welche Gründe Clement bei seinen gesellschafts- und sozialpolitischen Überzeugungen leiteten, wurde einer interessierten Öffentlichkeit deutlicher als je zuvor bewusst, als er am 21. Juli 2017 in Bonn-Bad Godesberg vom Förderverein des „Verband der Wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine Unitas e. V.“ mit dem Heinrich-Pesch-Preis für Sozialwissenschaften und soziale Tätigkeit ausgezeichnet wurde. Hier zeigte sich, inwieweit auch Clement durch Gedanken der Katholischen Soziallehre geprägt war.

    Der Preisverleihung ging eine Eucharistiefeier voraus, in der ich in der Predigt unter anderem. das christliche Menschenbild im Denken von Heinrich Pesch (1854-1926) herausstellte. Einem wichtigen Vordenker der Katholischen Soziallehre. Sie fand in der Godesberger Kirche St. Andreas statt. Wenige Monate zuvor hatte Wolfgang Clement mit seiner Frau Karin und fünf Töchtern in St. Evergislus seine Goldene Hochzeit gefeiert und liturgisch begangen. Auf dem nachfolgenden Festakt würdigte der Historiker und ehemalige Thüringer Staatssekretär Jürgen Aretz den Preisträger als „Bürger unter Bürgern“. Wolfgang Clement sprach in seiner Dankesrede über „Die Soziale Marktwirtschaft. Grundlagen unseres wirtschaftlichen Erfolges und unseres Sozialstaats“.

    Der Mensch im Gemeinschaftsgefüge

    Als heutiger Ehrenvorsitzender des Heinrich-Pesch-Preis e. V. habe ich dem Preisträger zu seinem 80. Geburtstag am 7. Juli herzliche Segenswünsche übermittelt und ihm mein kürzlich durch die Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichtes Interview über die Weiterentwicklung der Katholischen Soziallehre durch Papst Johannes Paul II. beigelegt.

    Am 12. August antwortete Wolfgang Clement dazu in einem Brief an mich unter anderem mit folgenden bemerkenswerten Aussagen: „In dem Interview, das Sie Ihrem Gruß beifügten, wofür ich eigens danke, habe ich Ihre Ausführungen zu den Beiträgen von Papst Johannes Paul II. zur Weiterentwicklung der kirchlichen Soziallehre natürlich mit ganz besonderer Aufmerksamkeit gelesen. Im Gedächtnis bleiben wird mir namentlich der Begriff der ,Subjekthaftigkeit' der Gesellschaft, den der polnische Papst allen Tendenzen zur Verstaatlichung entgegen hält, also die Betonung der höchst eigenen Rolle der Gesellschaft und der in ihr wirkenden Personen und Gemeinschaften gegenüber dem Staat.“

    Subsidiarität ist gesellschaftliche Grundvoraussetzung

    Weiter führt Clement aus: „In meiner Wahrnehmung sind wir auch hierzulande gegenwärtig, aber nicht nur unter dem Einfluss von ,Corona', auf einem Weg, der die Bedeutung von Eigenverantwortung und Eigeninitiative, von Selbstorganisation und Selbsthilfe in der Gestaltung einer freien Gesellschaft zunehmend ignoriert. An die Stelle notwendigen Vertrauens in die Bürger, die Schulleiter, die Tarifparteien, die Unternehmenslenker treten mehr und mehr staatliche Regulierungen, ob im Arbeits-, Tarif-, Energie-/Klima- oder Unternehmensrecht. Ich halte das für eine überaus problematische Entwicklung und finde auch aufgrund gesammelter Erfahrungen, dass die Gewährleistung des Subsidiaritätsprinzips eine entscheidende Voraussetzung ist für das Gelingen einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Mit unserer „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ werden wir dieses Thema gewiss nicht aus den Augen verlieren.“ Diese wenige Wochen vor seinem Tod formulierten Ausführungen kann man wohl als das gesellschaftspolitische Testament von Wolfgang Clement betrachten und hoffen, dass es die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ nach seinem frühen Heimgang treu und kreativ weiterträgt.

    Der Autor ist emeritierter Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Uni Bonn und Ehrenvorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft.

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