• aktualisiert:

    Nordhausen

    Mensch und Markt

    Ist der Markt gerecht? Darüber denkt Papst Franziskus in „Fratelli tutti“ nach. Der Markt ist aber weder moralisch noch unmoralisch.

    Handwerk
    Weihnachtliche Handwerkskunst aus dem Erzgebirge. Foto: Pixabay/andreasmetallerreni

    Ist der Markt gerecht?„Der Markt allein löst nicht alle Probleme“, so heißt es in der Enzyklika „Fratelli tutti“. Und dabei bezieht sich Papst Franziskus auch auf das Problem unzureichender Gerechtigkeit in der Welt. Doch ist es tatsächlich die Aufgabe des Marktes, dieses Problem zu lösen? Ist der Markt selbst denn überhaupt gerecht? Die Antwort darauf könnte man im Evangelium nach Matthäus (20,1–15) finden, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Ausgerechnet das Gleichnis, mit dem man wahrscheinlich eher hadern könnte, weil die darin beschriebene Situation auf den ersten Blick vermeintlich ja gerade nicht gerecht ist.

    Für die Arbeit auf dem Weinberg wurde mit den zuerst angeheuerten Arbeitern ein Tageslohn von einem Silbergroschen vereinbart. Im Laufe des Tages wurden immer mehr Arbeiter gebraucht und angeheuert. Als dann am Abend der Lohn ausgezahlt wurde, bekamen die, die seit dem frühen Morgen arbeiteten, den vereinbarten Silbergroschen, aber auch die, die erst eine Stunde vor Arbeitsschluss eingestellt wurden. Als sich ein Arbeiter, der seit dem Morgen gearbeitet hatte, darüber beschwerte, dass dies doch un(ge)recht sei, sagte ihm der Eigentümer des Weinbergs: „Mein Freund, ich tu Dir nicht Unrecht. Bist Du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was Dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie Dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst Du scheel drein, weil ich so gütig bin?“ Bezogen auf die mögliche Gerechtigkeit des Marktes kann uns dieses Gleichnis zwei wichtige Dinge lehren.

    Nicht der Markt ist ungerecht

    Erstens: Egal, ob man die Situation in diesem Gleichnis als gerecht oder ungerecht empfindet, nicht der (Arbeits-)Markt ist gerecht oder ungerecht, sondern der Eigentümer des Weinbergs. Der Markt ist keine Person und er tut auch nichts, wir Menschen tun etwas. Wir bieten etwas an (Angebot), und wir wollen etwas (Nachfrage). Der Markt zeigt uns nur, was wo zu welchem Preis angeboten wird und ob das zu diesem oder einem anderen Preis auch tatsächlich dort nachgefragt wird. Es gab das Angebot des Eigentümers des Weinbergs, für die verbleibende Zeit des Tages zum Preis (Lohn) von einem Silbergroschen arbeiten zu können. Und es gab offensichtlich genügend Arbeiter, die bereit waren, ihre Arbeitskraft zum Preis (Lohn) von einem Silbergroschen für die verbleibende Zeit des Tages zur Verfügung zu stellen. Wäre dem nicht so, müsste der Eigentümer sein Angebot verändern und einen höheren Preis (Lohn) für die Arbeitskraft zahlen.

    Zweitens: Gerechtigkeit ist nicht Gleichheit und deshalb ist Ungleichheit auch keine Ungerechtigkeit. Wahrscheinlich empfinden viele das Verhalten im Gleichnis als ungerecht, weil sie sich so gut in die Rolle des Arbeiters versetzen können, der seit dem frühen Morgen geschuftet hat und im Verhältnis weniger Lohn dafür bekommt als der, der nur für kurze Zeit gearbeitet hat. Wie sähe es aber aus, wenn man sich in die Rolle des Eigentümers des Weinbergs versetzen würde? Das sollte kein Problem sein, denn gerade jetzt vor Weihnachten schlüpfen wir unbewusst oft in die Rolle des Eigentümers und bieten ein paar unserer Silbergroschen an, sagen wir zum Beispiel einfach einmal zehn Stück. Damit könnten wir zum Beispiel ein handgefertigtes Holzspielzeug als Geschenk für eines unser zwei Kinder bei einem Hersteller kaufen, der es von einem deutschen Schnitzer im Erzgebirge schnitzen lässt. Oder wir könnten dafür zwei Exemplare desselben Holzspielzeugs bei einem anderen Hersteller kaufen, der das Holzspielzeug von einem Schnitzer in China schnitzen lässt.

    Was werden die meisten tun? Nun, fast 80 Prozent des in Deutschland verkauften Spielzeugs kommt derzeit aus China, was die Frage wohl beantwortet. Aber eigentlich dürften die, die das Verhalten des Eigentümers im Gleichnis als ungerecht empfinden, nur das Holzspielzeug des deutschen Schnitzers kaufen oder müssten statt zehn gerechterweise zwanzig Silbergroschen für die zwei Holzspielzeuge vom Schnitzer aus China ausgeben. Denn dieser hat ja auch doppelt so lange arbeiten müssen, um zwei statt nur ein Exemplar herzustellen.

    Die Schuld der Konsumenten

    Aber in diesem Fall empfinden die meisten Konsumenten die Ergebnisse des Marktes beziehungsweise den Markt selbst offensichtlich nicht als ungerecht. Wie könnten sie auch, sie haben sie ja schließlich selbst herbeigeführt. Und tatsächlich ist auch in diesem Fall der Markt weder ungerecht noch gerecht. Er zeigt nur, wie ungleich oder gleich die Verhältnisse zwischen allen Beteiligten sind. Er zeigt, wie und wo wir Konsumenten genau das gekauft haben, was wir haben wollten, und wie die Unternehmer genau den Lohn zahlten, den sie gezahlt haben. Wenn uns die Ergebnisse dieses Handelns nicht gefallen, können wir nicht dem Markt die Schuld geben, sondern nur uns selbst. Denn der Markt funktioniert auch ohne Moral, nur gefallen uns die Ergebnisse dann meistens nicht, obwohl sie ja eigentlich das Spiegelbild unserer Wünsche und Verhaltensweisen sind.

    Handeln nach Maß

    Der Markt ist also weder gerecht noch ungerecht. Und das macht auch Sinn, denn schon in der Antike galt Gerechtigkeit als eine der vier Kardinaltugenden, also als etwas, was dem Menschen zuzuordnen ist. Wenn wir tatsächlich mehr Gerechtigkeit wollen, dann müssen wir uns wieder mehr dem tugendhaften Handeln zuwenden. Gerade ein Handeln nach der auch von Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ geforderten Tugend der Mäßigung, verstanden als das richtige Maß zwischen „Zuviel“ und „Zuwenig“, könnte die Ergebnisse des Marktes gerechter werden lassen. Vielleicht ist das kommende Weihnachtsfest ja eine Gelegenheit, tugendhaftes Verhalten wiederzuentdecken.

    Der Autor lehrt als Professor Internationale Betriebswirtschaft an der Hochschule Nordhausen.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

    Hier kostenlos erhalten!

    Weitere Artikel