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    Berlin

    „Keine Orte der Einsamkeit“

    Pflege- und Seniorenheime sind Orte der Nächstenliebe und keine Verwahranstalten, meint Bernhard Langner, Altenpfleger und Leiter des Qualitätsmanagements mehrerer Einrichtungen in Berlin.

    KINA - Extra-Geld wegen Corona
    Bernhard Langner wünscht sich mehr Sensibilität für die Situation in Seniorenheimen in der Corona-Krise. Foto: dpa

    Pflege- und Seniorenheime sind Orte der Nächstenliebe und keine Verwahranstalten, meint Bernhard Langner, Altenpfleger und Leiter des Qualitätsmanagements mehrerer Einrichtungen in Berlin.

    Herr Langner, die SARS-CoV-2-Pandemie hat den Fokus auf Berufe und Tätigkeiten gelenkt, die bisher gesellschaftlich eher ein Schattendasein führten und nun als systemrelevant erkannt werden. Darunter auch Pflegekräfte in Krankenhäusern, Pflege- und Seniorenheimen. Freut Sie das?

    Natürlich tut es Angehörigen der Pflegeberufe gut, wenn von Balkonen geklatscht wird und Bund und Länder Sonderzahlungen in Aussicht stellen. In Berlin fährt der Berlkönig Mitarbeitende von Krankenhäusern in den Nachtstunden kostenfrei zur Arbeit und nach Hause. Und auch die Politik spart derzeit nicht mit Lob, das in Regierungserklärungen und Reden dargebracht wird. Doch es gibt auch eine immer wiederkehrende Rhetorik – so auch in der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin am 23. April 2020 – die überaus ärgerlich ist.

    Klären Sie uns auf!

    Die vermeintliche Feststellung, durch die Besuchsbeschränkungen in Seniorenheimen würden die Bewohnerinnen und Bewohner vereinsamen.

    "In Seniorenheimen wird gemeinsam das Leben gelebt!" Bernhard Langner

    Das ist eine schallende Ohrfeige für hunderttausende Mitarbeitende in den über 14 000 Seniorenheimen in ganz Deutschland, die täglich 24 Stunden für die Menschen da sind. Da fragt man sich schon, was ist das eigentlich für eine Sicht auf Seniorenheime, die sich in solchen Meinungsäußerungen kundtut?

    Und haben Sie eine Antwort?

    Selbstverständlich. Seniorenheime sind keine totalen Institutionen, und auch keine reinen Verwahranstalten für pflegebedürftige, meist hochaltrige Menschen. In Seniorenheimen leben Menschen gemeinsam, pflegen Sozialkontakte zu Mitbewohnern und Mitarbeitenden der unterschiedlichsten Berufe.

    Pflegefachkräfte, Pflegekräfte, Betreuungsassistenten und Hauswirtschaftskräfte sind nicht nur für die Verrichtung vorgegebener Tätigkeiten vor Ort, sondern leisten auch einen Dienst am Menschen, der viel zu oft nicht erkannt oder gar nicht gesehen wird. Sie sind für Gespräche da, trösten und geben Hoffnung. Berühren Körper, Geist und Seele. Sie erkennen die Bedürfnisse der Bewohner in allen Lebensbereichen, angefangen bei Schmerzen, Hunger und Kälte bis zu existenziellen Nöten, wie dem Wunsch zu sterben, den Sinn des Lebens zu finden oder Lebensbilanz zu ziehen. Und sie reagieren darauf. Die Mitarbeitenden begleiten die Bewohner in den vielleicht schwersten Jahren ihres Lebens.

    Soll das heißen, die Angehörigen werden gar nicht vermisst?

    Natürlich gibt es eine Reihe von Bewohnerinnen und Bewohnern, die jetzt ihre Angehörigen, Freunde und Bekannten vermissen. Und ich finde es bewundernswert, wie viele Besucher sich um die Bewohner kümmern, wenn es keine Kontaktbeschränkungen gibt. Und natürlich haben Verbindungen über Telefon, Skype oder das Winken vom Straßenrand eine ganz andere Qualität als der persönliche Kontakt.

    Und deshalb wird es für alle eine sehr große Freude sein, wenn der persönliche Kontakt wieder möglich wird. Doch ein beobachtbares Phänomen wurde bislang weder von Politikern noch in der Presse angesprochen.

    Nämlich?

    Durch den Wegfall der Besuche ist eine besondere Ruhe in den Seniorenheimen eingekehrt. Bewohnerinnen und Bewohner mit einer Demenz zeigen deutlich weniger Unruhesymptome. Auch bei den Mitarbeitenden ist dies zu beobachten. Natürlich gibt es Angst vor einer Ansteckung und in manchen Köpfen spielen sich Horrorszenarien ab. Doch insgesamt sind die Mitarbeitenden vor Ort deutlich entspannter und besonnener als in manch anderer belastenden Arbeitssituation. Ein interessantes Phänomen, das sicher lohnt, auch wissenschaftlich untersucht zu werden.

    Können Sie das an einigen Beispielen verdeutlichen?

    Die jetzige Situation hat bei den Mitarbeitenden ganz neue Fähigkeiten und Fertigkeiten wachgerufen. Da färben Pflegekräfte den Bewohnerinnen die Haare und drehen Lockenwickler ein, backen gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern Kuchen, skypen mit Angehörigen und halten den Kontakt. Kleingruppen und Einzelbeschäftigung nehmen einen größeren Stellenwert ein. Alle Berufsgruppen werden in Spaziergänge im Garten eingebunden.

    Klingt beinah nach Idylle …

    Soll es nicht, sondern „nur“ zeigen: Seniorenheime sind in der Regel keine Orte der Einsamkeit. Sie sind Orte des Lebens und der Gemeinschaft, Orte der Sinnstiftung und Sinnfindung, Orte an denen Nächstenliebe erfahrbar wird. In Seniorenheimen wird gemeinsam das Leben gelebt! Das wird bisher zu wenig gesehen.

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