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    München

    Gesundheit neu denken

    Wir brauchen einen Ideenwettbewerb um die Zukunft des Gesundheitswesens, weiß unser Gastautor Klaus Holetschek.

    Kliniken wappnen sich für steigende Zahl an Corona-Patienten
    Die Corona-Krise kann ein Anstoß sein, über eine Neugestaltung unseres Gesundheitswesens nachzudenken. Dazu müsste es ei... Foto: dp

    Auch wenn die SARS-CoV-2-Pandemie Deutschland bislang weniger hart getroffen hat, als viele andere Staaten, mussten wir feststellen, wie anfällig unser Gesundheitssystem ist. Jede Krise bietet auch die Chance, aus den gemachten Erfahrungen zu lernen, Fehler zu korrigieren, Gutes besser und ins Wanken geratene Strukturen durch krisenfestere zu ersetzen. Ich kenne niemanden, der behauptet, in Deutschland sei das weder möglich noch nötig. Warum also nutzen wir die Krise nicht, um unser Gesundheitssystem noch besser aufzustellen?

    Ein Gesundheitssystem für Schönwetter-Medizin

    Tatsächlich liegt in unserem Gesundheitssystem vieles im Argen. Und es gibt manches, das weder so bleiben kann noch sollte. Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, sich diesbezüglich ehrlich zu machen? Und wenn wir das tun, müssen wir uns dann nicht eingestehen, dass in unserem Gesundheitssystem Einiges längst unverantwortlich auf Kante genäht ist? Was sagt es zum Beispiel über die Wertschätzung aus, die wir den im Gesundheitssystem Tätigen entgegenbringen, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, die von ihnen benötigte Schutzkleidung im erforderlichen Umfang vorzuhalten? Oder hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun? Und: Wird unser oft gerühmtes Prinzip der Selbstverwaltung nicht vielleicht doch überschätzt? Ist es, wenn wir ehrlich sind, nicht letztlich auf eine Schönwetter-Medizin ausgelegt?

    Ich meine, wir sollten den Mut haben, Gesundheit völlig neu zu denken. Ohne Vorgaben und Schere im Kopf. Auch Bund und Länder sind hier gefragt. Denn es leuchtet schlechterdings nicht ein, dass der Staat, wenn er in der Krise Steuerung und Verantwortung übernehmen muss und kann, in Nicht-Krisenzeiten auf seine Organisationshoheit und Steuerungsfunktion in der gesundheitlichen Daseinsvorsorge verzichten soll. Warum zum Beispiel denken wir Gesundheit eigentlich nicht auch einmal von den Leistungsempfängern her, statt immer nur von den Leistungserbringern? Und warum fördern wir eigentlich letztlich Krankheit, statt Gesundheit? Wenn wir uns entschieden, es künftig umgekehrt zu machen, welchen Stellenwert hätte dann Prävention?

    Prävention hat einen hohen Stellenwert

    Als Vorsitzender des Landesgesundheitsrates in Bayern, der den Bayerischen Landtag und die Bayerische Staatsregierung in sämtlichen Fragen des Gesundheitswesens berät und als ehemaliger Bürgerbeauftragter weiß ich, dass das Thema Prävention für viele Bürger einen hohen Stellenwert besitzt. Immer mehr Menschen wenden – nicht nur in Bayern – viel Zeit und Engagement auf, um möglichst gesund zu leben und sich fit zu halten. Für viele Bürgerinnen und Bürger sind gesunde Ernährung, Gesundheitssport und ausreichend Schlaf keine bloßen Hobbys oder Luxus mehr, sondern ein Lebensstil. Einer, der viel Disziplin und manchen Verzicht erfordert und obendrein die Solidargemeinschaft entlastet. Nur belohnt wird er in unserem Gesundheitssystem bislang nicht. Muss das sein? Wenn ja, wer hat das festgelegt, wer darüber abgestimmt? Und: Geht es nicht auch anders? Werden wir gleich gegängelt, wenn unser Gesundheitssystem Prävention künftig groß statt weiter klein schriebe? Gibt es nicht vielleicht doch einen gesunden Mittelweg, den wir beschreiten könnten?

    Warum halten wir an diagnosebezogenen Fallpauschalen, den sogenannten DRGs (DRG = Diagnosis Related Groups) fest, obwohl wir aus vielen Studien wissen, dass diese das Personal in Medizin und Pflege in Teilen an den Rand der Verzweiflung treiben und Patienten mitunter schaden? Ist das Absicht oder nur Nebenwirkung? Versündigen wir uns letztlich nicht an den Bürgerinnen und Bürgern, wenn wir zulassen, dass unser Gesundheitssystem die Zuwendung zum Patienten ökonomisch bestraft? Kann es richtig sein, die Interventionszeit von medizinischem und Pflegepersonal zu honorieren, nicht aber das Zuhören und Aufnehmen der Patientenwünsche, das sorgfältige Beraten und Überdenken von Optionen, das jeder Therapieentscheidung notwendig vorausgeht? Ist Pflege im Minutentakt eigentlich noch menschenwürdig? Kann es richtig sein, dass die Angehörigen von Pflegeberufen mehr Zeit für die Dokumentation ihrer Tätigkeiten aufwenden müssen, als mit diesen selbst? Sind wir mit „satt und sauber“ wirklich schon am Ende der Fahnenstange dessen angekommen, was Pflege leisten kann und soll? Dürfen alte und kranke Menschen hier wirklich nicht mehr Phantasie von uns erwarten? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auf all diesen Feldern mehr Ganzheitlichkeit und weniger Geschwindigkeit brauchen.

    Die Angst vor dem Virus

    Benötigen wir nicht längst auch bauliche Veränderungen in unseren Pflege-, Alten- und Seniorenheimen? Ist es wirklich vertretbar beziehungsweise angemessen, vulnerable Personengruppen in Gänze monatelang von ihren Angehörigen zu trennen, weil es keine Quarantänezonen gibt, in denen Infizierte zum Schutz der anderen isoliert werden können? Ist es nicht ein kolossaler Kultur- und Zivilisationsbruch, wenn wir zulassen, dass Menschen einsam und verlassen sterben, weil wir Angst haben müssen, die Bewohner eines ganzen Heims zu infizieren? Sollten wir hier nicht heilsam über uns erschrecken? Kann es sein, dass ein Gesundheitssystem, für dessen Rettung aktuell ein dreistelliges Milliarden-Hilfspaket geschnürt wurde, nicht schon vorher unterfinanziert war? Und falls die Antwort „Ja“ lautet, wäre es dann nicht ökonomisch sinnvoller, dieses jetzt besser auszurüsten, um in der Krise besser dazustehen?

    Ist es fair, systemrelevanten Berufsgruppen wie Pflegerinnen, Physiotherapeuten und Hebammen erst in der Krise Hochachtung und Respekt zu zollen? Haben sie das nicht generell verdient? Müssen wir uns nicht mit aller Kraft und Einfallsreichtum, um die Steigerung der Attraktivität von Gesundheitsberufen sorgen? Sollten wir uns nicht längst über den Aufbau von Personalreserven in Medizin und Pflege Gedanken machen? Und schließlich: Gibt es neben systemrelevanten Berufen nicht auch systemrelevante Güter – Schutzkleidung, Desinfektionsmittel, Antibiotika et cetera –, die wir zukünftig im eigenen Land herstellen sollten, statt sie im Fall eines Falles so mühsam wie überteuert auf leergefegten Weltmärkten zusammenzusuchen?

    „Gäbe es niemanden, der unzufrieden wäre mit dem, was er hat, würde die Welt niemals besser.“ Florence Nightingale

    Halten wir also einfach mal inne. Nehmen wir uns die Zeit und die Freiheit, Gesundheit völlig neu und anders zu denken. Trauen wir uns, in unserem Gesundheitssystem alles auf den Prüfstand zu stellen. Erlauben wir uns, unser Gesundheitssystem selbst aus- und – wo nötig – auch umzugestalten, statt es von Körperschaften öffentlichen Rechts bloß verwalten zu lassen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich will kein staatliches Gesundheitssystem wie in Großbritannien oder Italien, in denen Behörden die medizinische Versorgung regeln. Ich will, dass wir überlegen, wie wir sicherstellen, dass die Menschen das Beste von dem bekommen, was Medizin und Pflege leisten können. Ich will einen Runden Tisch mit den relevanten Akteuren an dem die hier gestellten Fragen und viele anderen so leidenschaftlich wie phantasievoll diskutiert werden.

    An dem darüber nachgedacht wird, ob Gesundheit keine Querschnittsaufgabe und die Gesundheitswirtschaft nicht die neue Leitökonomie sein sollte und welche Beiträge hierbei Prävention, aber auch etwa Digitalisierung und Künstliche Intelligenz leisten können. An dem wir uns darüber verständigen, was uns Gesundheit wert sein sollte und welche Formen des Wettbewerbs wir fördern und welche wir stoppen sollten. Ich bin überzeugt, wir sparen an den falschen Stellen, wenn wir Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Hebammen unzureichend entlohnen und zulassen, dass die Produktion systemrelevanter Güter wie Arzneimittel und Schutzkleidung in Ländern wie China oder Indien ausgelagert werden.

    Kreative Unzufriedenheit als Motor für Innovation

    Die Krankenschwester, Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege und Reformerin des britischen Gesundheitswesens, Florence Nightingale (1820–1910), wusste: „Gäbe es niemanden, der unzufrieden wäre mit dem, was er hat, würde die Welt niemals besser.“ Erlauben wir uns, wie Nightingale, kreativ unzufrieden zu sein. Kreative Unzufriedenheit hat nichts gemein mit bloßer Nörgelei, sondern ist ein starker Motor für Innovation. Noch ist Zeit, aus unseren Fehlern zu lernen und unser Gesundheitssystem besser und krisentauglicher zu machen. Auf die lange Bank sollten wir das nicht schieben. Denn das nächste Virus kommt bestimmt. Starten wir daher, am besten noch heute, einen gesunden Wettbewerb der Ideen. Rufen wir die vor uns liegende Dekade zu einem Jahrzehnt der Gesundheit aus. Die SARS-CoV-2-Pandemie hat gezeigt: Es gibt viel zu tun. Packen wir es an!

    Der Autor ist Vorsitzender des Landesgesundheitsrates Bayern und Staatssekretär im bayerischen Bau- und Verkehrsministerium.

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