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    Wohlstand, was ist das?

    Fast jeder Platz ist besetzt im Foyer im Paul-Löbe-Hauses, dem Maschinenraum des Deutschen Bundestags, direkt neben dem Reichstagsgebäude. Das Parlamentsfernsehen hat Kameras aufgebaut, im Publikum sitzt sogar Hans Eichel, der frühere Bundesfinanzminister, und auf dem Podium müht sich eine österreichische Professorin um lupenreines Hochdeutsch. Der Anlass: ein Symposium der „Wohlstandsenquete“.

    Es gab Zeiten, da genügte die Zigarre von Ludwig Erhard, um Wohlstand zu illustrieren. Heute befasst sich eine Enquete d... Foto: dpa

    Fast jeder Platz ist besetzt im Foyer im Paul-Löbe-Hauses, dem Maschinenraum des Deutschen Bundestags, direkt neben dem Reichstagsgebäude. Das Parlamentsfernsehen hat Kameras aufgebaut, im Publikum sitzt sogar Hans Eichel, der frühere Bundesfinanzminister, und auf dem Podium müht sich eine österreichische Professorin um lupenreines Hochdeutsch. Der Anlass: ein Symposium der „Wohlstandsenquete“.

    Vor der Professorin steht ein Laptop und neben ihr ein Monitor, und wenn sie eine Taste drückt, schieben sich neue Folien auf den Monitor, die zeigen sollen: Immer mehr Wachstum, das kann nicht sein. Die Erde ist klein, die Rohstoffe sind knapp, „die Zeiten unbegrenzter Ressourcen sind vorbei“; man fragt sich, wann das anders gewesen sein soll. Jedenfalls, ist sich die Professorin sicher, müssen „wir“ mit weniger Ressourcen produzieren, „im Sinne einer Weiterentwicklung“; am Ende geht ihr die Puste aus, sie vernuschelt ihren letzten Halbsatz.

    Es war im Dezember 2010, als der Bundestag die Einsetzung der Enquete mit dem sperrigen Namen „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ beschloss. CDU und CSU stimmten dafür, auch SPD und FDP, die „Grünen“ ebenfalls, nur die Linke enthielt sich; soviel Einigkeit ist selten im Hohen Haus. Den Vorsitz übernahm Daniela Kolbe, SPD-Abgeordnete, damals 30 Jahre alt, Herbert-Wehner-Bildungswerk, „Sozialistische Jugend“, klassische Parteikarriere. „Wir stehen vor großen Herausforderungen“, heißt es in dem Antrag; unklar bleibt, wer mit „wir“ gemeint ist – Bürger oder Politiker. „Die Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der Wirtschaft ... beunruhigen die Menschen“, so Bundestagsdrucksache 17/3853. Dies habe eine Diskussion über „gesellschaftlichen Wohlstand, individuelles Wohlergehen und nachhaltige Entwicklung angestoßen“, genauer über die Frage, „ob die Orientierung auf das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausreicht, um Wohlstand, Lebensqualität und gesellschaftlichen Fortschritt angemessen abzubilden“.

    Das BIP ist bislang wichtigster Maßstab für die Wirtschaftsleistung; mit ihm stehen und fallen Regierungen weltweit. Nimmt das BIP ab, bilden sich Warteschlangen vor den Beratungsplätzen der Arbeitsagenturen, sprechen Ökonomen von „Schrumpfung“. Mit dem Wachstum steigt der Wohlstand: Dieses eherne Gesetz der Volkswirtschaft wollten viele schon beseitigen. Visionäre waren dabei, Romantiker, Ökologen und Außenseiter der Ökonomie. Ein Dennis L. Meadows hat in den 1970ern einen Bericht veröffentlicht, der die „Grenzen des Wachstums“ aufzeigen sollte und einen Weltuntergang ankündigte, der bisher ausgeblieben ist. Auch Meadows war schon Gast der Enquete, einer von vielen. Wissenschaftler weltweit fordern neue Bewertungsmaßstäbe für Wohlstand, für Glück. Die „Friends of the Earth“ erfanden den „Happy Planet Index“, der sagt, Costa Rica sei 2009 das glücklichste Land der Welt gewesen; trotz Kinderprostitution und des Aussterbens der Ureinwohner im Land.

    Zur „Doro 88“, wie die Dorotheenstraße 88 im Bundestagsjargon heißt, ist der Zuweg sandig; eine Baustelle verläuft auf der gesamten Länge des Bürgersteigs. Im dritten Stock residiert Klaus Uppenkamp, Sekretär der Enquete, verantwortlich für das Organisatorische. Uppenkamp hat fünf wissenschaftliche Mitarbeiter, dazu ein paar Schreibkräfte. Der eigentliche Input aber kommt von den Sachverständigen; einige von ihnen gehören zur Creme de la Creme der Wissenschaft. „Sachverständiger“ zu sein, verheißt Prestige. Was würde man mit einem neuen „Wohlstandsindikator“ tun, wenn man ihn definiert hat, Herr Uppenkamp? „Verschiedene Ministerien haben schon Interesse signalisiert.“ Auch das Statistische Bundesamt könnte den Wohlstand in Deutschland mit der neuen Methode messen wollen.

    „Wir hatten Probleme mit den Sozialisten“, seufzt Stefanie Vogelsang (CDU), Vorsitzende der Enquete-eigenen „Projektgruppe zur Entwicklung eines einheitlichen Indikatorensatzes“. Vogelsang hat Volkswirtschaft studiert, war stellvertretende Bezirksbürgermeisterin im Berliner Problembezirk Neukölln und hat kürzlich erfolgreich blockiert, dass Deutschlands Wohlstand künftig mit einem „Einheitsindikator“ gemessen wird: Soundsoviel Prozent soziale Gerechtigkeit, soundsoviel Prozent gesellschaftliche Teilhabe, etwas sozialer Frieden und Ökologie – linke Abgeordnete hätten sich eine „Einheitsformel“ gewünscht für die Frage, wie Wohlstand bestimmt wird. Das Ergebnis eines harten Kampfes: Nur ein „Indikatorenbündel“ wird es künftig geben, was nichts anderes heißt, als dass sich auch weiterhin jeder den Maßstab aussuchen kann, den er mag.

    „Neue Wohlstandsindikatoren? Die neueste Masche.“ Christian Watrin, 82, emeritierter Wirtschaftsprofessor, war Präsident der Mont Pelerin Society. Mit 65 ist ihm das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen worden, mit Verweis auf seine „anerkannte wissenschaftliche Expertise“. Heute muss Watrin kein Blatt mehr vor den Mund nehmen: Die Wissenschaft laufe Trends hinterher, die die Politik zu fördern wünscht. „Politiker sind gezwungen zu lügen. Sie wollen immer beweisen: Uns geht's soviel besser.“ Für „Täuschungsmanöver“ könne man neue Indikatoren exzellent gebrauchen, zum Beispiel, um zu vertuschen, dass der Bundesrepublik wegen des Euros eine Hyperinflation drohe: „Mir ist flau im Magen, wenn ich sehe, dass wir schon längst nicht mehr mit Milliarden rechnen, sondern mit Billionen“, sagt Watrin.