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    Würzburg

    "Wir dürfen keine Gesundheitsfabrik werden"

    Die Krankenhauslandschaft verändert sich. Wie katholische Krankenhäuser ihr Profil zeigen können, erläutert die Geschäftsführerin des katholischen Krankenhausverbandes, Bernadette Rümmelin.

    Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass es zu viele Krankenhaus-Standorte in Deutschland gebe. Foto: dpa

    Frau Rümmelin, eine starke Verringerung der Klinikanzahl von aktuell knapp 1 400 auf deutlich unter 600 Häuser würde die Qualität der Versorgung für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern. Zu diesem Ergebnis kommt eine jüngst veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung. Wie sehen Sie das?

    Diese Einschätzungen teile ich nicht. Wir müssen über Reformen diskutieren, aber die Studie bringt uns dabei nicht weiter. Sie schlägt vor, mehr als die Hälfte der Kliniken zu schließen. Das würde die Erreichbarkeit der medizinischen Versorgung drastisch beschränken sowie für Patienten und Mitarbeitende längere Wege bedeuten. Die übrigen Standorte müssten zu Großkliniken ausgebaut werden. Das würde nicht nur Milliarden Euro für Investitionen verschlingen, sondern wohl auch zu einer Versorgung im Akkord führen. Denn weniger Kliniken heißt doppelt so viele Behandlungsfälle pro Haus. Zwar soll laut Studie die Fallzahl in den Krankenhäusern durch mehr ambulante Behandlungen deutlich reduziert werden. Doch geben die Autoren selbst zu, dass die ambulanten Strukturen das derzeit überhaupt nicht leisten können.

    Ganz weit hergeholt sind die Argumente der Studie aber doch auch nicht. In einer aktuellen Analyse des Science Media Centers (SMC) und des Projekts Weisse Liste wurde gerade erst festgestellt, dass 40 Prozent der Krankenhäuser die gesetzlich vorgegebenen Mindestmengen für komplexe Operationen im Jahr 2017 nicht eingehalten haben. Das kann sich für Patienten in Notfällen äußerst schwer auswirken. Kann man mit Zentralisierung hier nicht doch die Qualität der Behandlungen verbessern?

    Auch bei dieser Analyse sollte man genau hinsehen. Es gibt Notfälle, in denen ein Eingriff am Klinikum vor Ort vorgenommen werden muss. Da kann der Arzt nicht erst fragen, wo man bei der Mindestmenge statistisch gerade steht. Das wird hier nicht ausgewiesen. Grundsätzlich gilt, dass bei Routinefällen eine hohe Qualität auch in Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung Standard ist.

    Wo Spezialwissen oder Sonderausstattung nötig ist, führt an Zentralisierung kein Weg vorbei. Das findet in den Regionen aber längst statt. So gibt es bei Herzinfarkt oder Schlaganfall vielerorts klare Absprachen mit dem Rettungsdienst, dass diese Patienten direkt an Kliniken gebracht werden, die dafür besonders ausgerüstet sind.

    Die Diskussion um die Krankenhauslandschaft in Deutschland ist nicht neu. Immer wieder wird in Fachkreisen moniert, dass das deutsche System teuer sei und im internationalen Vergleich nur mittelmäßige Ergebnisse liefere. Wo sehen sie Ansätze, hier zu Verbesserungen zu kommen?

    Ein Ansatz sind regionale Verbünde und Netzwerke von Kliniken. Das bringt wohnortnahe Gesundheitsversorgung und Spezialisierung in Einklang. Die katholischen Häuser engagieren sich dabei sehr, über 70 katholische Krankenhausverbünde betreiben damit mehr als 700 Betten. Darüber hinaus gibt es 128 Standorte, die Mitglied in Trauma-Netzwerken sind. An 47 Standorten gibt es „Stroke Units“, also Spezialstationen für Schlaganfall-Patienten. Bei den Kosten liegt Deutschland im internationalen Vergleich in der Tat relativ weit oben. Ein Grund dafür ist, dass die Patienten in unserem System weniger Hürden haben, wenn sie einen Facharzt oder ein Krankenhaus aufsuchen wollen.

    Immer wieder wird das Beispiel Dänemark positiv hervorgehoben. Dort gebe es sehr viel weniger Krankenhäuser, die Gesundheitskosten seien deutlich niedriger – und trotzdem sei die Gesundheitsbilanz vorbildlich gut. 330 Kliniken hätte Deutschland noch, nähme man sich Dänemark zum Vorbild. Kann Dänemark ein Vorbild sein?

    Dänemark hat ein komplett anderes, staatliches Gesundheitssystem. Hier werden die Patienten konsequent gelenkt und können sich nicht selbst einem Facharzt oder in einem Krankenhaus vorstellen. Die wenigen Kliniken funktionieren wie Gesundheitsfabriken, in denen das Menschliche schnell unter die Räder kommt. Wollte man wirklich Teile davon übernehmen, müsste zunächst gesellschaftlich debattiert werden, ob wir die Patienten ebenso rigide steuern wollen, wie es in Dänemark der Fall ist.

    Die Studie der Bertelsmann Stiftung macht klar: Krankenhäuser mit 100 Betten sind zu klein, um den medizinischen Anforderungen gerecht zu werden. Aber wie groß sollten die Häuser denn idealerweise sein?

    An einer Zahl lässt sich das kaum festmachen. Klar ist, nicht jedes kleine Haus kann erhalten bleiben. Aber für die Daseinsvorsorge und gleichwertige Lebensverhältnisse auf dem Land sind an einigen Orten kleinere Kliniken unverzichtbar. Für solche bedarfsnotwendigen Häuser müssen dann auch die Rahmenbedingungen stimmen, damit sie dauerhaft existieren können.

    Als katholischer Krankenhausverband bekennen Sie sich zu einem christlichen Menschenbild. Was macht für Sie ein katholisches Krankenhaus aus?

    Den kranken Menschen in seiner Ganzheit zu sehen, nicht nur als „die Hüfte auf Zimmer 9“, das ist aus meiner Sicht zentral. Neben guter medizinischer Qualität und Pflege dürfen wir die menschliche Zuwendung nicht aus dem Blick verlieren. Daher waren wir Vorreiter bei der Einführung von Ethikkomitees und engagieren uns stark bei der Palliativversorgung. Wichtig ist aber auch, den religiösen Bedürfnissen der Patienten Raum zu geben. Denn Heilung betrifft Körper und Seele.

    Unser Profil prägen alle Mitarbeitenden, die sich um die Patienten kümmern. Durch ihre Zugewandtheit tragen sie zu einem ganzheitlichen Heilungsprozess bei. Daher müssen die Träger dafür sorgen, dass in jedem Team ein guter Geist herrscht. Mit dieser Haltung wirken wir dann auch nach außen in die Gesellschaft.

    Immer wieder wird das Existenzrecht katholischer Krankenhäuser auch kirchenintern infrage gestellt, da Personalmangel und finanzielle Zwänge zur Aufweichung des religiösen Profils geführt hätten. Was sagen Sie diesen Kritikern?

    Krankenhäuser dürfen nicht zu Gesundheitsfabriken werden. Patienten stehen oft vor existenziellen Fragen, bisweilen zu Sterben und Tod. Hier wird das Krankenhaus zum Ort gelebter Kirche.

    Den letzten Weg gemeinsam mit Patienten und Angehörigen zu gehen, ist eine besondere Aufgabe im Klinikalltag. Dann ist Seelsorge besonders gefragt. Das gilt zumal in einer Gesellschaft, in der die Menschen im Alltag immer weniger Kontakt mit der Kirche haben.

    Gibt es überhaupt noch das geeignete Personal, um das katholische Profil glaubhaft zu leben?

    Bei aller Personalnot auf dem Arbeitsmarkt entscheiden sich immer wieder Menschen ganz bewusst dafür, in einem katholischen Haus zu arbeiten. Ihnen ist der ganzheitliche Ansatz wichtig. Das gilt übrigens auch für Menschen anderen Glaubens, denen wir dann unsere Haltung nahebringen.

    Was nehmen der Patient und der Angehörige von diesem Hintergrund von dem katholischen Profil mit nach Hause?

    Das ist sicherlich sehr unterschiedlich und lässt sich schwer verallgemeinern. Aber wenn sich der Mensch mit Leib und Seele angenommen und gestärkt fühlte, dann haben wir einen guten Job gemacht.

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    Die Studie

    Die Untersuchung der Bertelsmann-Studie ist vor zwei Wochen veröffentlicht worden. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Kliniken von 1 400 auf deutlich unter 600 Häuser gesenkt werden solle. So könne die Versorgungsqualität für Patienten und die Personalausstattung bei Ärzten und Pflegepersonal verbessert werden. Widerspruch kam etwa von dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach Auch der stellvertretende Unionsfraktionschef Georg Nüßlein (CSU) protestierte: „Wir haben zu viele Betten, das heißt nicht, dass wir zu viele Krankenhäuser haben.“

    DT/KNA

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