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    Wie pleite ist Kuba?

    Was Kubas Regierung in den vergangenen Tagen tröpfchenweise ankündigte, ruft bei vielen böse Erinnerungen hervor. Möglicherweise schon ab Montag müssen die elf Millionen Kubaner wieder mit stundenweisen Stromabschaltungen leben. Bereits um ein Drittel reduziert wurde der ohnehin spärliche öffentliche Verkehr in Havanna. Noch weniger Züge als zuvor verkehren jetzt zwischen der Hauptstadt und dem Osten der Insel. Hinzu kam der martialische Aufruf „Sparen oder Tod“ in den staatlich kontrollierten Medien. Von „Gürtel enger schnallen“ ist die Rede und von angeblich exzessivem Stromverbrauch der Bürger.

    Was Kubas Regierung in den vergangenen Tagen tröpfchenweise ankündigte, ruft bei vielen böse Erinnerungen hervor. Möglicherweise schon ab Montag müssen die elf Millionen Kubaner wieder mit stundenweisen Stromabschaltungen leben. Bereits um ein Drittel reduziert wurde der ohnehin spärliche öffentliche Verkehr in Havanna. Noch weniger Züge als zuvor verkehren jetzt zwischen der Hauptstadt und dem Osten der Insel. Hinzu kam der martialische Aufruf „Sparen oder Tod“ in den staatlich kontrollierten Medien. Von „Gürtel enger schnallen“ ist die Rede und von angeblich exzessivem Stromverbrauch der Bürger.

    So hat es schon einmal begonnen. Das war 1991. Nach dem Zusammenbruch des damaligen Bündnispartners, der Sowjetunion, gingen in Kuba förmlich die Lichter aus. 85 Prozent der von den Russen überbezahlten Exporte fielen weg. Staats- und Parteichef Fidel Castro rief die „Spezialperiode in Friedenszeiten“ aus. Sie wurde bis heute nicht offiziell beendet. Hinzugekommen sind jedoch mehrere schwere Hurrikane, zuletzt im vergangenen Herbst mit geschätzten zehn Milliarden US-Dollar Schäden, sowie die aktuelle Weltwirtschaftskrise. Es sei „eine Krise zur anderen Krise“ dazugekommen, schreibt der oppositionelle Ökonom und frühere Castro-Mitarbeiter Oscar Espinosa Chepe aus Havanna.

    Für das laufende Jahr kündigte Kuba etwa eine Milliarde US-Dollar weniger Einnahmen von Devisen an, nachdem deren Hauptquellen, der Nickelexport und der Tourismus, rückläufig sind. Die Exporteinnahmen sinken damit um mindestens ein Viertel, dabei sind sie jetzt schon zu tief. Im ersten Quartal kamen auf jeden im Export verdienten Dollar Importe für vier Dollar. Eine solch katastrophale Außenhandelsbilanz steht kein Land der Welt lange durch, erst recht nicht Kuba.

    Das Defizit zwischen steigenden Importen und sinkenden Exporten deckte bisher Venezuela. Seit 2003 nimmt das südamerikanische Land für Kuba damit die Rolle der früheren Sowjetunion ein. Bisher schickte Venezuela täglich schätzungsweise 92 000 Fass Öl zu Vorzugspreisen nach Kuba. Im Gegenzug hat Kuba fast 30 000 Ärzte und andere Fachkräfte nach Venezuela entsandt. Während die Kubaner dort mit 50 US-Dollar Monatslohn abgespeist werden, erhält Havanna für sie Milliardenbeträge. Sollten sie wegfallen, wäre das laut Ökonom Espinosa katastrophal für Kuba. Er schreibt: „Wenn diese Kooperation beendet würde, wäre das für Kuba schlimmer als der (frühere) Wegfall der sowjetischen Subventionen.“

    Genau eine solche Wirtschaftskatastrophe sieht Horacio Medina Herrera, früherer Manager in Venezuelas staatlicher Ölgesellschaft PDVSA, auf Kuba zukommen. Nachdem Venezuelas Öleinnahmen dieses Jahr um etwa die Hälfte gefallen sind, sind die Kubasubventionen in Gefahr. Medina vermutet hinter Kubas jüngsten Sparappellen, dass die Regierung bereits über kommende Kürzungen informiert ist. „Sie bereiten sich auf sehr schwierige Jahre vor, was die Unterstützung aus Venezuela betrifft“, sagte Medina gegenüber dem unabhängigen Kubaportal „Cubaencuentro“.

    Seit Monaten häufen sich die Anzeichen einer drohenden Zahlungsunfähigkeit Kubas. Ausländische Lieferanten berichten von erheblichen Zahlungsverzögerungen. Die kanadische Pebercan, die in Kuba 16 Jahre lang Öl gefördert hatte, flog im Januar raus, nachdem sie auf Bezahlung von rund 100 Millionen Dollar Schulden der Kubaner gedrängt hatte. Mit den deutschen Kubaexporteuren und ihren Banken wird es wahrscheinlich im Juni zu neuen Umschuldungsverhandlungen kommen.

    Der deutsche Kubakenner Wilhelm Boucsein weist die Gerüchte über eine angebliche Pleite Kubas entschieden zurück. „Das wird sich nicht dramatisieren“, zeigt er sich auf Anfrage überzeugt. Der Wirtschaftsrepräsentant Bayerns in Kuba verhalf deutschen Exporteuren in den letzten Jahren zu einigen interessanten Geschäften mit der sozialistisch regierten Insel. MAN lieferte die Dieselgeneratoren für Fidel Castros sogenannte Energierevolution. BMW stattete Kubas Auslandsdiplomaten mit standesgemäßen Fahrzeugen aus. Auch für die Zukunft sieht Boucsein „neue Aktivitäten aller Art“ auf Kuba, unter Beteiligung der deutschen Wirtschaft.

    Die Hoffnungen Boucseins und anderer Wirtschaftsexperten gründen sich auf die zaghaft begonnene Entspannung zwischen den USA und Kuba. Sie könnten der Insel massive Mehreinnahmen im Tourismus bringen. Denn im April lockerte US-Präsident Barack Obama das US-Embargo gegenüber Havanna und erlaubte den fast zwei Millionen kubastämmigen US-Amerikanern mehr Reisen und mehr Geldüberweisungen nach Kuba.

    Allerdings ist der erhoffte Touristenansturm aus Miami bisher ausgeblieben. Hinzu kommt, dass der erkrankte Revolutionsführer Fidel Castro die auf Normalisierung gerichtete Außenpolitik seines Bruders und Amtsnachfolgers Raúl Castro ganz offensichtlich hintertreibt. „Das größte Hindernis für eine Annäherung zwischen Kuba und den USA heißt Fidel Castro“, sagte Mexikos früherer Außenminister Jorge Castaneda am Donnerstag gegenüber den Medien in Caracas, wo er sich anlässlich einer internationalen Konferenz befand.

    Ökonom Espinosa zeigt sich darum pessimistisch: „Die zentralisierte Wirtschaft und die absolute totalitäre Kontrolle sind eine unüberwindbare Hürde“, schreibt der Oppositionelle und warnt vor den Folgen zu langen Zögerns: „Heute ist es offensichtlich, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: der graduelle Beginn radikaler Änderungen, die das Land aus der Krise führen (...), oder die Unbeweglichkeit, die noch größere Hoffnungslosigkeit hervorruft und das Chaos provoziert.“

    Von Matthias Knecht