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    Wie die Boni in die Unternehmensethik kamen

    Es ist nach wie vor schwer zu erkennen, ob die Regierungen und die Banken inzwischen Entscheidendes aus der internationalen Finanzkrise gelernt haben, sodass mit einiger Sicherheit das Entstehen einer neuen Blase ausgeschlossen werden könnte. Sicherlich, die üppige Zahlung von Boni wird hier und da inzwischen begrenzt, teils durch eine nicht mehr sanft zu nennende Intervention der Politik, teils – wie in London – durch die Erhebung einer Sondersteuer. Doch hat die Deutsche Bank die dadurch entstehenden Belastungen in Form einer Umlage, welche von zahlreichen Mitarbeitern zu tragen war, von den Schultern ihrer in London tätigen Investmentbanker genommen. Weltweit tätige Banken haben eben Mittel, sich der Klammer der Politik zu entziehen.

    Es ist nach wie vor schwer zu erkennen, ob die Regierungen und die Banken inzwischen Entscheidendes aus der internationalen Finanzkrise gelernt haben, sodass mit einiger Sicherheit das Entstehen einer neuen Blase ausgeschlossen werden könnte. Sicherlich, die üppige Zahlung von Boni wird hier und da inzwischen begrenzt, teils durch eine nicht mehr sanft zu nennende Intervention der Politik, teils – wie in London – durch die Erhebung einer Sondersteuer. Doch hat die Deutsche Bank die dadurch entstehenden Belastungen in Form einer Umlage, welche von zahlreichen Mitarbeitern zu tragen war, von den Schultern ihrer in London tätigen Investmentbanker genommen. Weltweit tätige Banken haben eben Mittel, sich der Klammer der Politik zu entziehen.

    Darüber kann man natürlich den Stab brechen. Man kann auch davon sprechen, dass die Gier nach Profit und höheren Einkommen, ähnlich wie vor der Krise, wieder ihre Opfer sucht und gefunden hat, nachdem der Staat mit Hilfe des Steuersäckels das Überleben zahlreicher Banken gewährleistet hat. Doch das, was als Ausgeburt einer kaum tugendhaft zu nennenden – persönlich kaum zu verantwortenden – Gier erscheint, hat in der Geschäftswelt einen anderen, einen systemimmanenten Namen: Boni sind nichts anderes als eine besondere Vergütung für einen besonderen Erfolg. Weil das Unternehmen vom Erfolg eines jeden einzelnen Mitarbeiters unmittelbar profitiert, weil dadurch auch der „shareholder value“ für die Aktionäre entsprechend gesteigert wird, ist damit auch ein Erfolg auf dem Markt – im Wettbewerb – daran zu messen.

    Boni fördern die Leistung des Einzelnen und den Erfolg des Unternehmens

    Der mit dem einzelnen Mitarbeiter geschlossene Arbeitsvertrag ist dabei das zugrunde liegende Leistungsaustauschverhältnis: Leistung von Arbeit gegen Leistung von Entgelt, und wenn es um besondere Leistungserfolge geht, dann eben auch Prämien oder Boni. Das aber ist die klassische win-win-Situation: Beide Seiten profitieren vom Erfolg. Auf der Ebene der Unternehmensethik werden indessen solche Zahlungen von Boni, Prämien und Sonderleistungen der Anreiz-Ethik zugewiesen. Sie meint, etwas verkürzt gesprochen, den Widerspruch zwischen Ethik und Markt aufzuheben. Denn durch die Anreize werden eben höhere Leistungen nicht nur prämiert, sondern generiert. Sie fördern durch die jeweilige Leistung gleichermaßen das private Einkommen des Mitarbeiters wie den Erfolg des Unternehmens im globalisierten Wettbewerb.

    Der Matador dieser Konzeption einer Anreiz-Ethik ist der ehemalige Münchner Philosoph und Wirtschaftsethiker Karl Homan. Sein Schlüsselsatz lautet: „Ethik ohne Anreizanalyse ist nichts wert“. Wenn man ihn für zutreffend erachtet, dann heißt die dort niedergelegte Aussage auch, dass es sich – bezogen auf die einzelnen Mitarbeiter in einem Unternehmen – immer um Anreize und ein daraus offenbar hervorquellendes Ethos handelt, welches nur im Kollektiv beeinflusst werden kann. Es ist also immer systemisch verortet.

    Die Unternehmensspitze entscheidet und die nachgeordneten Stellen verteilen dann nach einem bestimmten Schlüssel den der einzelnen Abteilung zugewiesenen Bonustopf auf die Mitarbeiter. Messzahl ist aber immer nur der unternehmerische Erfolg, die Erreichung der Planziele, und vor allem deren Übertreffen. Das ist nichts anderes als die Erzeugung eines permanenten Leistungsdrucks – gleichgültig, ob durch Prämien, Boni, Aktienoptionen oder höheres Gehalt ausgewiesen.

    Nicht in diese ethische Auswertung der Anreize aber fallen alle die Nachteile und Missstände, die allenthalben zu beobachten sind: Burn-out in jungen Jahren (ein Begriff, den man vor 30 Jahren noch gar nicht kannte), Depressionen, Schlaflosigkeit, Minderwertigkeitskomplexe, gescheiterte Beziehungen und zerbrochene Ehen, gescheiterte Existenzen, Alkoholmissbrauch. Das ist die Kehrseite der Anreiz-Ethik. Doch sie nimmt die Gesellschaft und auch die Wirtschaft gar nicht in den Blick, obwohl ihre Kosten immens sind. Sie werden auch nicht ansatzweise in der Skala der Sollbuchungen registriert, weil die Politik ja nur Wachstum und Mehrung des Wohlstandes ins Visier nimmt. Bescheidenheit und Bescheidung sind nicht Teil unternehmerischer oder gar staatlicher Konzepte. Fast immer ist der Einzelne in einem solch rigiden System nichts anderes als ein überaus bedauernswerter Hamster im Laufrad: Außerhalb des beruflichen Fortkommens und der Mehrung des verfügbaren Einkommens gibt es in dieser Rechnung keine Positionen auf der Habenseite – weder Glück noch Sinn.

    In dieser von Homan entwickelten Sicht einer Anreiz-Ethik ist natürlich auch „Spekulation auf steigende Nahrungsmittelpreise moralisch vertretbar“. Dass gerade diese – moralische – Spekulation jedoch den Entwicklungsländern und damit den Ärmsten der Armen nachhaltig schadet und ihnen die Chancen auf eigenes Wachstum raubt, gelangt nicht in den Blick. Man muss dann nur einen kleinen Schritt weitergehen, um auch die Spekulation in Derivaten und komplexen Verbriefungen – außerhalb der Realwirtschaft – als ethisch unbedenklich zu bewerten. Dabei gilt ja stets die einfache Gleichung: Ein Anreiz ist umso attraktiver, je kurzfristiger die Belohnung sich einstellt. So gesehen ist es aber nur eine schmale Differenzierung, wenn dann die Lehren aus der Krise darauf abstellen – etwa bei der Vergütung der Vorstände – dass die Zielvorgaben nachhaltig und nicht mehr nur kurzfristig sein dürfen. Denn immer liegen ihr die Fesseln der win-win-Situation zugrunde, der Leistungsdruck ist kaum ein anderer.

    Wenn aber ethisches Handeln primär (außerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen) mit Freiwilligkeit zu tun hat und nicht sich selbst oder das Unternehmen, sondern einen Dritten als Person ins Auge fassen muss – genau dies ist ja durch den Imperativ der Liebe verbürgt – dann wird man feststellen müssen: In den unternehmerischen Großgebilden, die heute den globalen Wettbewerb bestimmen, begrenzt sich der Spielraum ethischen Handelns für den einzelnen Mitarbeiter – von Rücksichtnahme und Mitgefühl mit dem Anderen angefangen – auf den schmalen Bereich, in welchem kein unternehmerischer Zwang, keine unternehmerischen Vorgaben im Blick auf die täglich zu realisierenden Handlungsziele bestehen. Es ist nur noch der kleine Bereich des Privaten. Nur noch hier herrschen in knapper Ressource intrinsisch verortete Werte des einzelnen, vielleicht, wenn es hoch kommt, auch eines Chefs als Vorbild.

    Mit einer christlich verstandenen Ethik hat das wenig gemein

    Natürlich kann der mittelständische Unternehmer aus diesem Hamsterrad ausbrechen. Doch ist dies ihm nur dann vergönnt, wenn er mit seinem Unternehmen erfolgreich war und Gewinn erwirtschaftet hat. Über seine Verwendung kann der Unternehmer paternalistisch entscheiden; der Gewinn, den ein den Aktionären gehörendes Unternehmen erzielt, ist hingegen weitgehend fremdbestimmt. Dahinter verbirgt sich der Grundgedanke, dass fremdes Vermögen immer treuhänderisch gehalten ist. Genau diesen Ausgangspunkt macht sich die Anreiz-Ethik zunutze. Mit einer christlich verstandenen Ethik hat diese Sicht freilich kaum etwas gemein. Aber sie ist die Realität der Geschäftswelt, und die Soziallehre täte daher gut daran, die Frage ernsthaft zu stellen, wie denn die Anreiz-Ethik in die dahinterstehenden gesetzlichen Regeln des Marktes und des Erfolges hineingelangen konnten.

    Von Friedrich Graf von Westphalen