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    Was bleibt von der Treuhand?

    Rückblick auf eine Schlüsselphase. Von José Garcia

    Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost
    Aufschwung Ost – wie sieht die Bilanz nach drei Jahrzehnten aus? Foto: dpa

    „Es war ein Chaos.“ Mit dieser kategorischen Aussage beschreibt Ken-Peter Paulin, der von 1990 bis 1995 als Direktor für den Bereich Fahrzeugbau bei der Treuhandanstalt arbeitete, die Zustände in der Anstalt zu Beginn ihrer Tätigkeit. Paulin nahm vergangene Woche zusammen mit zwei ehemaligen Treuhand-Mitarbeiterinnen an einer Podiumsdiskussion im Berliner Detlev-Rohwedder-Haus teil, wo die Treuhand von 1991 bis 1994 ihren Sitz hatte: Brigitta Kauers, ostdeutsche Mitarbeiterin in den Abteilungen Grundsätze und Öffentlichkeitsarbeit sowie Andrea Eggers, westdeutsche Nachwuchsmanagerin bei der Treuhandanstalt. Die Podiumsveranstaltung „Traumjob Treuhand? Akteure im Dialog mit der Forschung“ fand anlässlich der Veröffentlichung der Dissertation von Marcus Böick „Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990–1994“, der ersten Studie zu Aufgaben und Personal der Treuhandanstalt, statt; sie wurde vom Bundesfinanzministerium und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gemeinsam organisiert, um aus dieser doppelten Sicht eine erste zeitgeschichtliche Einordnung der Privatisierungsbehörde vorzunehmen. Die Treuhandanstalt sei ein „omnipräsentes Nichtthema“, so Böick. Sie sei zwar in der Öffentlichkeit, vor allem in Ostdeutschland, immer präsent gewesen. Seit dem Jahr 2000 habe sie jedoch für die soziologische und politikwissenschaftliche Forschung an Interesse eingebüßt. Ein Interesse, das die Historiker noch nicht an ihr gefunden hätten. Nach fast drei Jahrzehnten seit Beginn ihrer Arbeit sei es allerdings an der Zeit, sich aus Sicht der Zeitgeschichte mit der Treuhand auseinanderzusetzen. Die Wahrnehmung bewege sich laut Böick zwischen zwei Extremen: In Westdeutschland überwiege die „Heldengeschichte, die nicht hätte besser laufen können“. In Ostdeutschland gebe es eher die negative Meinung, die Treuhand „als große Abwicklungsbehörde des westdeutschen Kapitalismus“ anzusehen.

    Blick für die Schattierungen schärfen

    Böick verwahrt sich dagegen, die nur extremen Ansichten über die Treuhandanstalt fortzuschreiben, denn die Geschichte der DDR-Transformation habe sehr viele Schattierungen. Darüber hinaus weist er auf die Vielfalt ihrer Mitarbeiter hin, die „Treibende und Getriebene zugleich“ seien. Daher die sehr verschiedenen Perspektiven, die verschiedenen Innen- wie auch Außenansichten der Treuhandanstalt. Denn sie zeichneten sich durch ihre Heterogenität aus: „Ost und West, Männer und Frauen, Junge und Alte“. Es sei eine sehr besondere Situation gewesen. Für Ken-Peter Paulin war die Treuhand, im Rückblick „der vernünftigste Weg, den wir gehen konnten.“ „Alles andere“, so seine Bilanz nach über 20 Jahren, „wäre viel teurer, und ich glaube auch maroder geworden“.

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