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    Wackelkandidat Weltwirtschaft

    Köln (DT) Die internationalen Börsen fahren Achterbahn, die amerikanische Wirtschaft schwächelt bedrohlich und fast täglich kommen neue Details der inzwischen weltweiten Finanzkrise ans Licht. Selten war die Weltkonjunktur so vielen Unsicherheiten auf einmal ausgesetzt. Längst wissen auch Wirtschaftsexperten nicht mehr so recht, was sie davon halten sollen – die einen fürchten eine globale Rezession, andere üben sich in Gelassenheit.

    Köln (DT) Die internationalen Börsen fahren Achterbahn, die amerikanische Wirtschaft schwächelt bedrohlich und fast täglich kommen neue Details der inzwischen weltweiten Finanzkrise ans Licht. Selten war die Weltkonjunktur so vielen Unsicherheiten auf einmal ausgesetzt. Längst wissen auch Wirtschaftsexperten nicht mehr so recht, was sie davon halten sollen – die einen fürchten eine globale Rezession, andere üben sich in Gelassenheit.

    Normalerweise sind die Börsen ein recht verlässlicher Frühindikator. Steigen die Aktienkurse auf breiter Front, dann signalisiert das gute Ertragsaussichten für die Unternehmen, also Wachstum und Arbeitsplätze. Kursverluste dagegen künden von sinkenden Investitionen, von Jobabbau und Wohlstandsverlusten. Seit einigen Monaten jedoch haben die Börsen ihre Funktion als Konjunkturbarometer verloren. Weltweit schlagen die Leitindizes Kapriolen – im Tagesrhythmus folgen auf drastische Kursverluste unerklärliche Kursgewinne und umgekehrt.

    „Aufgrund der hochschlagenden Emotionen sollte man sich vom Aktienmarkt nicht die Konjunkturprognose schreiben lassen“, rät deshalb Christof Römer, Weltwirtschaftsforscher beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Wie viele seiner Kollegen richtet er seinen Blick weniger auf die Finanz-, sondern mehr auf die Realwirtschaft. Und wie fast immer gilt ihr Hauptaugenmerk auch heute der Volkswirtschaft Nummer eins, den Vereinigten Staaten. Was die Konjunkturauguren dort gerade beobachten, macht allerdings genauso nervös wie das Auf und Ab an den Börsen: Im vierten Quartal 2007 stieg das reale Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten gerade mal um 0,1 Prozent, und für das Jahr 2008 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Wachstum von insgesamt 1,5 Prozent – für amerikanische Verhältnisse ist das alles andere als viel.

    Sorgen bereiten vor allem die ansonsten so kauffreudigen Verbraucher. Achtzig bis neunzig Prozent des US-Wachstums entfallen normalerweise auf den privaten Konsum, doch die Immobilien- und Finanzkrise scheint den Amerikanern die Kauflaune derzeit gründlich zu verhageln. Weil ihre Häuser dramatisch an Wert verlieren, tun sie neuerdings etwas, was ansonsten nicht gerade ihre Stärke ist: Sie drehen jeden Dollar zweimal um.

    Wie ernst die Lage ist, zeigen internationale Umfragen

    Wenn aber die größte Importnation den Gürtel enger schnallt, hat das für den Rest der Welt spürbare Folgen. Der IWF rechnet deshalb für 2008 mit einem deutlich niedrigeren Weltwirtschaftswachstum. In der Eurozone verlangsamt sich das Wachstumstempo um einen ganzen Punkt auf 1,6 Prozent, Japan verliert 0,4 Prozentpunkte und auch im wachstumsverwöhnten China ist der prognostizierte Rückgang um 1,4 Punkte kein Pappenstiel.

    Wie ernst die Lage ist, zeigt eine aktuelle Umfrage der Frankfurter Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PWC) unter mehr als 1 100 Vorstandsvorsitzenden internationaler Unternehmen. Laut „Frank-furter Allgemeine Zeitung“ sehen die Konzernchefs in der möglichen Weltrezession eine der drei größten Bedrohungen für das weitere Wachstum ihrer Unternehmen. Neben den Vorständen aus den Vereinigten Staaten geben sich insbesondere die Bosse aus Westeuropa skeptisch – mehr als sechzig Prozent von ihnen machen sich Sorgen über einen Abschwung. Die große Ausnahme ist ausgerechnet Deutschland. Hier fürchten nur vierzig Prozent der Konzernlenker ein deutliches Abflauen der Konjunktur.

    Die Bundesregierung dagegen gibt sich vorsichtiger: „Ein Risiko besteht darin, dass sich der Wachstumsschwerpunkt nicht im erwarteten Maße von der Außenwirtschaft hin zur Binnenwirtschaft und dort insbesondere zum privaten Konsum hin verschiebt“, heißt es reichlich kryptisch im gerade veröffentlichten Jahreswirtschaftsbericht. Statt zwei Prozent, wie im Vorjahr prognostiziert, rechnet Bundeswirtschaftsminister Glos für 2008 jetzt nur noch mit 1,7 Prozent Wachstum.

    Doch ob nun Rezession oder nur Wachstumsdelle – die Krise wird über kurz oder lang vorübergehen. Eine andere Entwicklung dagegen wird die Weltwirtschaft auf Jahre hinaus in Atem halten: die geradezu revolutionäre Umschichtung der weltweiten Währungsreserven, sprich der Verfall des Dollar und der wirtschaftlichen Leitfunktion der Vereinigten Staaten. Bereits seit zwanzig Jahren leben die Amerikaner weit, sehr weit über ihre Verhältnisse. Um ihr Leistungsbilanzdefizit, das im Wesentlichen auf einem gigantischen Handelsbilanzdefizit beruht, von derzeit rund achthundert Milliarden Dollar zu finanzieren, verkaufen die Amerikaner massenhaft staatliche Schuldverschreibungen. Allein im vergangenen Jahr absorbierten die USA mit 857 Milliarden Dollar rund die Hälfte des weltweiten Kapitalexports.

    Ganz oben auf der Gläubigerliste stehen asiatische Notenbanken, allen voran die chinesische. Pekings Währungsreserven, hauptsächlich angelegt in US-Staatsschuldpapieren, haben mittlerweile die Marke von 1,5 Billionen Dollar überschritten. „Nie zuvor hing das Schicksal des Dollar so sehr am seidenen Faden“, warnen deshalb die Ökonomen des IW Köln. Denn wenn das Ausland nicht mehr bereit sei, das riesige US-Defizit über Käufe von Schuldverschreibungen zu finanzieren, werde sich der Verfall des Dollar „massiv beschleunigen“.

    Gute Gründe, dass der Dollar die Leitwährung bleiben wird

    Drehen China und andere Kapitalgeber den Geldhahn zu, kommt eine Abwärtsspirale ohnegleichen in Gang: Zuerst geht den Vereinigten Staaten das Kapital aus, die Zinsen steigen, Investitionen sind kaum noch zu finanzieren und der Konsum der hochverschuldeten Verbraucher gerät zu einem Rinnsaal.

    Die zweite Welle zielt auf die Geldgeber selbst: Weil sie vom amerikanischen Konsumrausch kräftig profitiert haben – China ist der zweitgrößte Handelspartner der Vereinigten Staaten – drohen ihnen bei einer kapitalbedingten US-Rezession massive Exportausfälle.

    Noch sprechen allerdings einige Gründe dafür, dass der Dollar auch weiterhin die globale Leitwährung bleibt. Die Asiaten brauchen ein hohes Wachstum, um genügend neue Jobs zu schaffen und so die aufkeimenden sozialen Spannungen im Zaum zu halten – also werden sie vorerst die US-Währung weiterhin stützen. Und die Staaten im Nahen Osten brauchen einen starken Greenback, weil sonst ihre in Dollar notierten Öl-Einnahmen an Wert verlieren.

    „Am Dollar hängt die Welt“, schrieb „Der Spiegel“ im November vergangenen Jahres. Die Frage ist nur: wie lange noch?

    Von Andreas Wodok