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    Tücken der Exportwirtschaft

    Um sechs Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wahrscheinlich schrumpfen. Das ist der größte Rückgang seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Zugleich zeigt sich, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr weniger wachsen wird – zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Beide Daten hängen miteinander zusammen: Der Grund für den Einbruch der deutschen Wirtschaft ist der Wachstumsrückgang an den Weltmärkten. Ausgerechnet die Ursache ihres Erfolges wird den deutschen Wirtschaft zum Verhängnis: Es ist die Exportweltmeisterschaft der Deutschen. Wenn in den vergangenen Jahren ein Sektor der deutschen Wirtschaft wuchs, dann war es der Export: In den Jahren 2004 und 2005 ging praktisch das gesamte Wirtschaftswachstum auf das Konto des Exports, in den Jahren danach knapp die Hälfte. Seitdem gehen die Bestellungen aus dem Ausland zurück – und mittlerweile atemberaubend schnell: Im Januar lag die Exportquote um 21 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum, die Auftragseingänge des Maschinenbaus brachen sogar um fast die Hälfte ein.

    Um sechs Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wahrscheinlich schrumpfen. Das ist der größte Rückgang seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Zugleich zeigt sich, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr weniger wachsen wird – zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Beide Daten hängen miteinander zusammen: Der Grund für den Einbruch der deutschen Wirtschaft ist der Wachstumsrückgang an den Weltmärkten. Ausgerechnet die Ursache ihres Erfolges wird den deutschen Wirtschaft zum Verhängnis: Es ist die Exportweltmeisterschaft der Deutschen. Wenn in den vergangenen Jahren ein Sektor der deutschen Wirtschaft wuchs, dann war es der Export: In den Jahren 2004 und 2005 ging praktisch das gesamte Wirtschaftswachstum auf das Konto des Exports, in den Jahren danach knapp die Hälfte. Seitdem gehen die Bestellungen aus dem Ausland zurück – und mittlerweile atemberaubend schnell: Im Januar lag die Exportquote um 21 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum, die Auftragseingänge des Maschinenbaus brachen sogar um fast die Hälfte ein.

    Denn die Krise der Weltwirtschaft hat tiefere Ursachen als das Finanzloch in der amerikanischen Immobilienwirtschaft. In den Vereinigten Staaten wurde die Krise nur ausgelöst. Das Wachstum in Amerika und Asien, in Russland und dem übrigen Osteuropa war in erster Linie kreditfinanziert: Es war ein Wachstum auf Pump, nicht nachhaltig und wurde zu einem guten Teil von Spekulationen und Erwartungen getragen. Jetzt ist die Blase geplatzt: Schuldnern und Gläubigern wird die Rechnung präsentiert. Die Weltwirtschaft erlebt ihre schwerste Krise seit dem „Schwarzen Freitag“ von 1929. Es ist ungewiss, wie es mit der Globalisierung und der Weltwirtschaft weiter gehen wird.

    Natürlich werden zurzeit Milliarden und Abermilliarden an Euros und Dollars in die Weltwirtschaft gepumpt – doch vor allem mit dem Ziel, die Weltwirtschaft zu stabilisieren und Zusammenbrüche zu verhindern. Aber den meisten Beteiligten ist klar, dass künftig nachhaltiger gewirtschaftet, mehr gespart und mehr Geld zurückgelegt werden muss. Doch wenn die bisherigen Kunden künftig stärker sparen müssen, bedeutet das: Der deutsche Export wird künftig geringer ausfallen als bisher.

    Die Vereinigten Staaten funktionierten bislang als Konjunkturmotor für den Rest der Welt: Die Zinsen waren niedrig, die Sparquote tendierte gegen Null – doch gleichzeitig ging der Kapitalzustrom unvermindert weiter: China etwa investierte massiv in amerikanische Staatsanleihen. Jetzt haben sich die Vereinigten Staaten mit einem achthundert Milliarden Dollar schweren Konjunkturpaket so massiv verschuldet wie noch nie in ihrer Geschichte: Künftig werden die Amerikaner gar nicht daran vorbeikommen, zu sparen.

    Eine höhere Sparquote bedeutet aber weniger Importe: Doch wenn die Sparquote in den Vereinigten Staaten steigt, werden die Amerikaner weniger Güter aus anderen Volkswirtschaften einführen. Und bei diesen Waren dürfte es sich nicht nur um T-Shirts aus China und Indien handeln, sondern auch um Maschinen, Autos und Industrieanlagen, kurz um Qualitätsprodukte aus Deutschland. Höhere Sparquoten – und bei einer Volkswirtschaft wie den Vereinigten Staaten dürften schon Steigerungen um fünf Prozent mehrere hundert Milliarden Dollar ausmachen - , verbunden mit geringeren Importen – und das Jahr für Jahr – wird auf der Gegenseite, bei den Exporteuren, erhebliche Rückgänge auslösen: Wollen sie nicht in absehbarer Zeit Insolvenz anmelden, kommen die deutschen Exportunternehmen an Restrukturierungen gar nicht vorbei: Sie müssen Kapazitäten zurückfahren und viele Mitarbeiter entlassen. Noch versuchen viele von ihnen, durch Kurzarbeit den Kern ihrer Belegschaften zu halten. Knapp 690 000 Kurzarbeiter gibt es derzeit in Deutschland – vor allem im exportlastigen Maschinenbau setzen Unternehmen auf dieses Mittel. Doch auch wenn die Politik die Kurzarbeit auf 24 Monate verlängert hat, ist für manches Unternehmen bereits jetzt klar, dass es nicht unbeschadet aus der Krise herauskommen wird.

    Zudem: Die Krise verleitet schon jetzt viele Staaten, vor allem an die Arbeitnehmer und Unternehmen im eigenen Land zu denken und ihnen ihre Hilfen und Rettungsmaßnahmen zu reservieren. Dem Welthandel, der weltweiten Arbeitsteilung, wäre damit nachhaltig geschadet, vor allem einer exportorientierten Volkswirtschaft wie der deutschen.

    Noch relativ ruhig, aber das Zittern hat bereits begonnen

    Trotz der Krise ist die Stimmung beim Verbraucher immer noch relativ stabil. Dafür sorgen die niedrige Inflation und die geringer ausfallenden Energiepreise. Und – das ist wohl der entscheidende Punkt: Ganz hat die Krise den Arbeitsmarkt noch nicht erreicht. Der Absturz auf dem Arbeitsmarkt kann aber schneller erfolgen als erwartet. Ein ewiges Gegensteuern durch immer neue Abwrackprämien oder eine weitere Verlängerung der Kurzarbeit kann sich der Staat auf die Dauer nicht leisten. Mit achteinhalb Millionen weniger Arbeitsplätzen in Europa rechnet die Europäische Kommission in diesem und im kommenden Jahr. 2007 und 2008 waren in der Europäischen Union noch neuneinhalb Millionen neue Jobs entstanden. Was Deutschland betrifft, erwartet die Kommission eine steigende Arbeitslosenquote von achteinhalb Prozent in diesem Jahr – und zehneinhalb Prozent im Jahr 2010, wenn die Weltwirtschaft nicht deutlich und schnell wieder Tritt fasst.

    Dass sich Deutschland nicht auf den Lorbeeren seiner Exportmeisterschaft ausruhen sollte, davor haben Experten schon immer gewarnt. Aber kann die Krise der Weltwirtschaft tatsächlich Grund für die deutsche Wirtschaft sein, sich von ihrer Exportausrichtung zu verabschieden? Dass ein solcher Schritt schwere soziale Verwerfungen und Wohlstandsverluste auslösen würde, zeigt der Vergleich mit Volkswirtschaften, die eher binnenwirtschaftlich ausgerichtet sind, wie den Vereinigten Staaten: Hier ist die Lohnspreizung weit stärker. Das heißt: Die Unterschiede zwischen arm und reich fallen weit drastischer aus als in Deutschland. Wohlstand und sozialer Ausgleich lassen sich offensichtlich leichter sichern, wenn eine Volkswirtschaft sich stärker auf den Export konzentriert als auf den Binnenmarkt: Schon weil der Weltmarkt viel größer ist als der Markt im eigenen Land, findet ein Unternehmen international viel leichter Kunden und Abnehmer.

    Zur Exportorientierung gibt es keine Alternative. Zwar müssen sich die Deutschen auf geringere Wachstumsraten beim Exportgeschäft einstellen. Aber eines ist auch klar: Eine Volkswirtschaft, die wachsen will, muss investieren. Und die Produktion und der Export von Investitionsgütern, also von hochwertigen Maschinen und Industrieanlagen, sind Erfolgsrezepte der deutschen Wirtschaft. Es sieht nicht danach aus, dass es unmöglich ist, dieses wirtschaftliche Standbein weiter zu stärken – sobald sich die Weltwirtschaft erholt hat.

    Von Reinhard Nixdorf