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    Maß und Mitte halten

    Seine Verortung im Wirtschaftsleben wäre einfach beschrieben: Vorstandsvorsitzender eines weltweit agierenden Konzerns mit 20 Tochterunternehmen, rund 800 Niederlassungen und etwa 23 000 Beschäftigten. Doch Notker Wolf ist kein Konzernlenker, sondern Mönch. Gleichwohl muss er in seiner Funktion als Abtprimas der Benediktiner oftmals unternehmerisch denken und handeln. Dabei kommt dem 70 Jahre alten Ordensmann zugute, dass er sich schon früh mit den Gedanken und Visionen des ehemaligen Bundeskanzlers und Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard auseinandergesetzt hat und, mehr noch, von dessen Grundgedanken und Visionen zur Sozialen Marktwirtschaft nachhaltig geprägt wurde. „Als Mitte zwischen Sozialismus und reinem Kapitalismus hat die Soziale Marktwirtschaft den gesellschaftlichen Zusammenhang gestärkt und erheblich dazu beigetragen, dass die Wirtschaft wieder Tritt gefasst hat“, sagte Wolf dieser Tage in Brauweiler mit Blick auf die Wirtschafts- und Finanzkrise.

    Notker Wolf OSB (m.) mit Wolfgang Clement (r.) und Hans D. Barbier (l.). Foto: CH

    Seine Verortung im Wirtschaftsleben wäre einfach beschrieben: Vorstandsvorsitzender eines weltweit agierenden Konzerns mit 20 Tochterunternehmen, rund 800 Niederlassungen und etwa 23 000 Beschäftigten. Doch Notker Wolf ist kein Konzernlenker, sondern Mönch. Gleichwohl muss er in seiner Funktion als Abtprimas der Benediktiner oftmals unternehmerisch denken und handeln. Dabei kommt dem 70 Jahre alten Ordensmann zugute, dass er sich schon früh mit den Gedanken und Visionen des ehemaligen Bundeskanzlers und Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard auseinandergesetzt hat und, mehr noch, von dessen Grundgedanken und Visionen zur Sozialen Marktwirtschaft nachhaltig geprägt wurde. „Als Mitte zwischen Sozialismus und reinem Kapitalismus hat die Soziale Marktwirtschaft den gesellschaftlichen Zusammenhang gestärkt und erheblich dazu beigetragen, dass die Wirtschaft wieder Tritt gefasst hat“, sagte Wolf dieser Tage in Brauweiler mit Blick auf die Wirtschafts- und Finanzkrise.

    Wolfs Eintreten für die soziale Markwirtschaft hat die Verantwortlichen der in Bonn ansässigen Ludwig-Erhard-Stiftung veranlasst, den Ordensmann in diesem Jahr mit der „Ludwig-Erhard-Medaille für Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft“ zu ehren. Die Verleihung fand im barocken Kaisersaal der ehemaligen Benediktinerabtei Brauweiler in Pulheim bei Köln statt. Abtprimas Wolf habe die Diskussion über die Soziale Marktwirtschaft belebt und bereichert, hieß es in der Begründung. „Wenn man sieht, was heute an Irrtümern in der Politik möglich ist, kommt es besonders darauf an, an den Geist der Bürgerlichkeit und des Wettbewerbs im Sinne des alten Meisters Erhard zu erinnern“, hob der Stiftungsvorsitzende, Hans D. Barbier, hervor.

    Diesen Geist der Bürgerlichkeit, der Leistung und Eigenverantwortung, aber eben auch das Axiom der Subsidiarität hat der ehemalige Lehrer und spätere Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie stets betont. „Notker Wolf schont weder Politiker noch Gewerkschafter, er ist immer ganz nah bei den Menschen“, würdigte der ehemalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident sowie spätere Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement als Laudator die leicht verständlichen, unverstellten Diskussionsbeiträge des Benediktiners. Clement, seit seinem SPD-Austritt vor zwei Jahren nach eigenem Bekunden „Sozialdemokrat ohne Parteibuch“, zitierte Wolfs Auffassung, dass die Aufklärung die Freiheit an die erste Stelle der Werteskala gesetzt habe und zog in diesem Zusammenhang eine Linie zu Brandt und Gauck. Willy Brandt habe dies in seiner Abschiedsrede an seine Partei ähnlich formuliert. Und der protestantische Pfarrer und Bürgerrechtler Joachim Gauck habe, lange Zeit in Unfreiheit lebend, mehr von der Freiheit gelernt, „als mancher von uns, der in Freiheit aufgewachsen ist und sie selbstverständlich nimmt“.

    Abtprimas Wolf hatte in seinem jüngsten Buch die deutschen Besitzstandswahrer kritisiert und Alternativen aufgezeigt, um durch mehr Freiheit zu einer zukunftsorientierten Gesellschaft zu werden. „Arbeiten, egal was, ist immer noch besser als staatliche Unterstützung“, zitierte Clement den Preisträger und skizzierte dessen Gedanken, „mit geschärftem Gewissen einen eigenen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten statt auf den Staat zu warten“. Respekt vor dem Individuum, soziale Verantwortung, Abneigung gegen Maßlosigkeit seien zutiefst benediktinische Werte, die Europa geprägt hätten, so Clement. „Wir können wissen, wer wir sind und haben keinen Grund zum Pessimismus“, zitierte der ehemalige Politiker abschließend den Preisträger und dankte ihm für sein Vorbild.

    Europa war das Stichwort, auf das Wolf in seinen Dankesworten besonders einging. Europa solle seine Werte in die Globalisierung einbringen, so der Abtprimas. „Die schlichten anthropologischen Sichtweisen, die in der kleinen schmalen Regel des heiligen Benedikt beschrieben werden, sind es, die Europa mitaufgebaut und mitgestaltet haben.“ Nur dann seien Mönche wahre Mönche, wenn sie von der Hände eigener Arbeit lebten, griff der Wolf exemplarisch einen Satz der Regel seines Ordensvaters auf und verwies auf die Gegenwart: „Das Problem vieler Arbeitsloser besteht darin, dass sie sich nicht mehr in ihrem Selbstwert erfahren, denn es geht um die Selbstwerterfahrung des Menschen bei seiner Arbeit.“ In diesem Sinne mache auch die Freude am Gestalten und an Leistung einen echten Unternehmer in seinem Verhältnis zu seinen Mitarbeitern aus. „Der Gedanke des Sozialen und der Selbstverwaltung heißt, jemanden dazu zu befähigen, sich selbst zu erhalten.“ Leistung und Eigenverantwortung seien Prinzipien aus der Regel des heiligen Benedikt, „und sie sind unverzichtbare Bestandteile der Sozialen Marktwirtschaft“, so Wolf.

    Er werde auch weiter in diesem Sinne unbequem bleiben, versicherte der Ordensmann und verwies zugleich auf China. „Je mehr sich China bei uns einkauft, umso mehr wird China auch versuchen, sein System des Protektionismus bei uns einzubringen. Hier bedarf es eines besonderen Selbstbewusstseins unseres Abendlandes.“ Dieses abendländische Selbstbewusstsein ist nicht nur in der Wirtschaft gefragt. Zeitlos gültig heißt es in der 1967 abgefassten Gründungsurkunde der Ludwig-Erhard-Stiftung: „In einer Zeit, in der ein verwerflicher Opportunismus und ein verderblicher Konformismus sich immer weiter ausbreiten, gilt es, die Werte verantwortlicher Gesinnung und menschlicher Gesittung zu stärken und neu zu beleben.“