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    Kolumne: Wider die Ausbeutung

    Als „blinden Fleck“ bezeichnete Martin Rhonheimer, Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, kürzlich in der F.A.Z. die Rolle, die die katholische Soziallehre den Unternehmern zuweist. Dieser zufolge ist unternehmerische Tätigkeit zwar lobenswert, wenn sie Arbeitsplätze schafft und dem Gemeinwohl dient. Zugleich negiert die katholische Soziallehre aber auch, dass ein solches Unternehmertum in einem freien Wirtschaftssystem möglich sei. Bereits vor gut zweieinhalb Jahren hatte Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium dargelegt, dass es „naiv“ sei, auf „die Güte derer, die die wirtschaftliche Macht in den Händen halten“, sowie „auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems“ zu vertrauen.

    Friederike Welter. Foto: privat

    Als „blinden Fleck“ bezeichnete Martin Rhonheimer, Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, kürzlich in der F.A.Z. die Rolle, die die katholische Soziallehre den Unternehmern zuweist. Dieser zufolge ist unternehmerische Tätigkeit zwar lobenswert, wenn sie Arbeitsplätze schafft und dem Gemeinwohl dient. Zugleich negiert die katholische Soziallehre aber auch, dass ein solches Unternehmertum in einem freien Wirtschaftssystem möglich sei. Bereits vor gut zweieinhalb Jahren hatte Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium dargelegt, dass es „naiv“ sei, auf „die Güte derer, die die wirtschaftliche Macht in den Händen halten“, sowie „auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems“ zu vertrauen.

    Betrachtet man den deutschen Mittelstand, so kann man Professor Rhonheimer nur zustimmen, wenn dieser feststellt, dass die aktuelle katholische Soziallehre auf die Idee fixiert ist, dass Privateigentum nicht die Lösung, sondern das Problem sei. Denn mittelständische Unternehmer in Deutschland zeichnen sich in der Regel weder durch „skrupellose Profitgier“ noch durch Anhäufung von „Reichtümern durch Ausbeutung der Arbeit anderer Menschen“ aus. Mit diesen Worten hat kürzlich Papst Franziskus während einer Messe im Vatikan die negative Sichtweise der katholischen Soziallehre auf das Unternehmertum in freien Wirtschaftssystemen nochmals unterstrichen.

    Hierzulande gilt ein Unternehmen als mittelständisch, wenn – unabhängig von der Größe – die Eigentums- und Leitungsrechte in der Hand des Unternehmers beziehungsweise von bis zu zwei Familien liegen. Durch diese Konstellation haben unternehmerische Fehlentscheidungen und Fehlverhalten nicht nur schwerwiegende Auswirkungen für das Unternehmen, sondern auch für das familiäre Vermögen. In der Regel zielen daher die Inhaber mit ihren strategischen Entscheidungen darauf, die Existenz ihres Unternehmens langfristig zu sichern. Davon profitieren auch die Beschäftigten, wie die niedrige Mitarbeiterfluktuation beispielsweise bei den sogenannten „Hidden Champions“ beweist. Je besser es den Arbeitgebern jedoch gelingt, ihre Beschäftigten zu halten, desto höher ist deren spezifisches Fachwissen und desto enger sind ihre Beziehungen zu den Kunden und Lieferanten. Auf der anderen Seite ist aber auch der Anreiz für die Unternehmensleitung höher, in die Weiterqualifizierung ihrer Mitarbeiter zu investieren – was letztlich wieder dazu führt, dass sie sich mit „ihrem Arbeitgeber“ identifizieren und ihr „Bestmögliches“ zur wirtschaftlichen Entwicklung beizutragen suchen. All dies bestätigt, was die mittelständischen Unternehmer selbst betonen: Ihnen sind nicht nur wirtschaftliche Ziele wichtig, sondern auch die Gemeinwohlorientierung.

    Ein anderes Beispiel: Während der vergangenen Finanz- und Wirtschaftskrise wirkte der Mittelstand als „beruhigender Stabilisator“: So entließen die großen Familienunternehmen nachweislich deutlich weniger Beschäftigte als die großen Nicht-Familienunternehmen, obwohl sie erheblich stärkere Umsatzeinbußen hinnehmen mussten. Allerdings zahlte sich ihr mitarbeiterorientiertes Verhalten auch in der anschließenden konjunkturellen Erholung aus: Die schnell steigenden Auftragseingänge konnten zügig abgearbeitet werden, sodass die familiengeführten Unternehmen 2010 und 2011 schon wieder höhere Umsätze als die großen managergeführten Unternehmen vorwiesen.

    Unternehmer können auf die beschriebenen Weisen aber nur dann agieren, wenn auch die gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ein positives unternehmerisches Klima begünstigen, in dem die wirtschaftliche Betätigung jedes Einzelnen gewünscht ist und auch belohnt wird. Ein Wirtschaftssystem, das auf dieser Basis beruht, wirkt zugleich integrierend, wie die Vielfältigkeit des deutschen Mittelstands belegt: Gleich ob jung oder alt, männlich oder weiblich, Deutscher oder Migrant – jeder hat heutzutage die Chance, sich selbstständig zu machen, wenn er eine geschäftsreife Idee hierfür besitzt. Unternehmertum ist in Deutschland somit alltäglicher geworden.

    Wer aus eigener Kraft hierzulande unternehmerisch handelt, übernimmt nicht nur das Risiko, sondern auch Verantwortung – im Kleinen wie im Großen: für das eigene Unternehmen, die dort Beschäftigten und für eine zukunftsfähige Wirtschaft und Gesellschaft. Unternehmertum muss also nicht per se ausbeuterisch sein.

    Die Autorin ist Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und zugleich Inhaberin eines Ökonomielehrstuhls in Siegen.