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    Paderborn

    Kolumne: Von der Klimagerechtigkeit

    Schüler und Schülerinnen der "Fridays for Future"-Bewegung beweisen eine Weitsicht sondergleichen. Ihr Sinn für Gerechtigkeit geht manchem Erwachsenen noch immer ab.

    Teilnehmer des Globalen Klimastreiks in Berlin. Foto: Christophe Gateau (dpa)

    Zur Klimagerechtigkeit und Nachhaltigkeit gibt es von mehreren Sozialethikern wahrlich dicke Abhandlungen. Erwähnen möchte ich pars pro toto Andreas Lienkamps verdienstvolle Habilitation „Klimawandel und Gerechtigkeit“ (2009). Auch die Deutschen Bischöfe haben sich klug beraten (lassen) und schon 2006 herausgegeben: „Der Klimawandel: Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit“. Natürlich verdienen hier mitten im Zentrum der Debatte die Wissenschaftler beim IPCC als Weltklimarat eine besondere Erwähnung für die fachliche Seite ebenso wie die „Scientists for Future“. Die Enzyklika „Laudato si“ (2015) von Papst Franziskus hat klug die ökologische Frage mit den sozialen Herausforderungen von Armut weltweit verbunden und weiß trotz aller düsteren Katastrophenszenarien mit einer verheißungsvollen Vision von der „Sorge für das gemeinsame Haus“ zu motivieren.

    Die wissenschaftlichen Daten, die empirischen Fakten, die gut abgewogenen Prognosen, ja sogar die sozialethische Reflexion haben also der Argumente ausreichend gewechselt. Sie zeigen mit unerbittlicher Härte, warum eine christliche Lebensweise, politische Weichenstellungen und unternehmerische Entscheidungen aus christlichem Geist aufgefordert sind, ihre Auswirkungen auf die Erdüberhitzung radikal zur Kenntnis zu nehmen und – noch wichtiger! – ihr Leben, Ess-, Mobilitäts- und Konsumgewohnheiten, ihre Produktionsweisen und vieles mehr ganz neu aufzustellen.

    Die Jungen beweisen Sinn für den kairos

    Es gibt einen Punkt, da ist nicht das „Fürwahrhalten von Glaubenssätzen“, sondern konsequentes Handeln gefragt. In jeder Demokratie sind dies Wahlberechtigte, die diesen Druck aufbauen müssen, wenn Zaghaftigkeit, Verstrickungen in Interessenskonflikte oder ideologische Scheuklappen ein konsequentes, der Dringlichkeit der Sachlage angemessenes Handeln verhindern.

    Nun gehen bei den „Fridays for Future“ ausgerechnet jene auf die Straße, denen das Wahlrecht noch immer vorenthalten wird. Die Schüler und Schülerinnen beweisen damit eine Weitsicht sondergleichen. Vielleicht ist dies auch dem geschuldet, dass sie unzweifelhaft am längsten und am heftigsten betroffen sein werden von den Folgen einer Politik des Unterlassens und Zögerns. Sie beweisen damit einen Sinn für Gerechtigkeit, für den „kairos“, also den richtigen Zeitpunkt fürs Handeln (oder theologisch gesprochen für die Antwort auf den Ruf Gottes zur Umkehr).

    Ja, ich habe bei den „Parents for Future“-Tagen und den eindrucksvollen Demonstrationen beim „globalen Klimastreik“ mit der ganzen Familie gestanden – neben den mutigen Jugendlichen mitdemonstriert. Weil es manchmal die Demut braucht, anzuerkennen, dass Andere und formal weniger Qualifizierte, Jüngere und Entschiedenere mit treffsicherem sozialethischem Gespür und viel konsequenter für ihre Überzeugungen streiten/streiken – Überzeugungen, die dieses Lebenshaus für alle lebenswert machen kann. Und um politischen Druck aufbauen, statt nur auf die reine Wirkung wirklich guter Argumente zu hoffen. Und ja, im privaten Leben bemühe ich mich, radikaler zu leben, was ich als richtig erkannt habe.

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