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    Mönchengladbach

    Kolumne: Kinderinteressen in den Mittelpunkt

    Der Bund soll insgesamt zwei Milliarden Euro für Investitionen in die Ganztagsbetreuung zur Verfügung stellen.

    kolumne: Kinderinteressen in den Mittelpunkt
    Der Autor ist Bundesgeschäftsführer des Bundesverbandes des Familienbundes der Katholiken.Die Kolumne erscheint in Koope... Foto: privat

    Die institutionelle Kinderbetreuung ist wieder einmal der Alleskönner der Politik. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, bis 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder zu schaffen.

    Ganztagsbetreuung mit vielen Erwartungen

    Nach einem aktuellen Gesetzentwurf des Bundesfamilienministeriums soll der Bund insgesamt zwei Milliarden Euro für Investitionen in die Ganztagsbetreuung zur Verfügung stellen. Eine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, welche Erwartungen mit der Ganztagsbetreuung verknüpft werden: Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Eltern, mehr Gleichstellung durch bessere Erwerbschancen für die Mütter, mehr Steuereinnahmen und weniger Sozialleistungsausgaben für den Staat, Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, Fachkräftegewinnung und -sicherung für die Wirtschaft, mehr Bildung und Bildungsgerechtigkeit für die Kinder, bessere Integration von Kindern mit Migrationshintergrund.

    Win-Win-Konstellationen, wohin man nur schaut. Für vergleichsweise wenig Geld. Wirklich? Was die Kosten angeht, ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung mit zwei Milliarden Euro Bundesmitteln bei weitem nicht bezahlt. Eine aktuelle Berechnung des Deutschen Jugendinstituts geht von Investitionskosten in Höhe von 7,5 Milliarden Euro und zusätzlichen jährlichen Betriebskosten in Höhe von 4,5 Milliarden Euro aus. Wenn sich der Bund nicht auch substanziell an den laufenden Kosten der Länder und Kommunen beteiligt, wird es den Anspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder nicht geben – so viel ist klar.

    Ganztagsbetreuung im Grundschulalter mit Zielkonflikten

    Zudem stellt sich die Frage, ob die Ganztagsbetreuung wirklich immer im Interesse der Kinder ist. Viele Kinder würden wohl freie Nachmittage und mehr Zeit mit beiden Eltern gegenüber einer 40-Stunden-Woche in der Schule oder im Hort bevorzugen. Gerade einmal jedes fünfte Kind gibt in Umfragen an, sich in der Schule „sehr wohl“ zu fühlen. Zudem ist die Schule wiederum für jedes fünfte Kind mit nahezu täglichen Sorgen um die eigenen Schulleistungen verbunden. Es gibt also bei der Ganztagsbetreuung im Grundschulalter nicht nur Win-Win, sondern auch Zielkonflikte. Im Rahmen der erforderlichen Interessenabwägung müssen die Interessen der Kinder im Mittelpunkt stehen.

    Der Weg, möglichst viele der genannten Interessen in Einklang zu bringen, führt nur über eine hohe Qualität des Betreuungsangebots. Und genau an dieser Stelle hapert es: Unter anderem ist bereits jetzt absehbar, dass es die zur Sicherstellung der Betreuungsqualität erforderlichen Fachkräfte nicht in ausreichender Zahl geben wird. Da schon heute in vielen Kitas Erzieher fehlen, ist ein Maßnahmenpaket zur Aufwertung des Erzieherberufs erforderlich. Zudem bedarf es eines Gesamtkonzepts, wie eine qualitativ hochwertige Ganztagsbetreuung im Grundschulalter gestaltet werden kann. Dazu gehört, dass die Entscheidungsfreiheit der Eltern gewahrt bleibt, sich flexibel für oder gegen die Ganztagsbetreuung ihres Kindes zu entscheiden. Denn nur so können die Familien die im Einzelfall beste Lösung für ihr Kind finden.

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