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    Kolumne: Gewaltiges Potenzial

    Über die Risiken und Chancen von künstlicher Intelligenz. Von Holger Zaborowski

    Holger Zaborowski
    Holger Zaborowski. Foto: privat

    „Künstliche Intelligenz“ – oder „KI“ – ist eines der großen Themen der gegenwärtigen wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Debatte. Zusammenfassend werden damit alle Versuche bezeichnet, die „Intelligenz“ des Menschen technologisch nachzubilden. Vom Taschenrechner über Computer und Smartphones bis hin zu autonomen Fahrzeugen, Robotern und Drohnen reicht die Welt „künstlicher Intelligenz“. Eine enorme Transformation ist im Gange, die Auswirkungen auf viele Bereiche hat: auf die alltägliche Lebenswelt, auf Wirtschaft, Politik, Religion, das Bildungssystem oder die Medizin.

    Ein Leben ohne „künstliche Intelligenz“ kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. An viele Neuerungen hat man sich schnell gewöhnt. Sie erleichtern bestimmte Aspekte des menschlichen Lebens: sei es die Kommunikation miteinander, das Einkaufen oder das Buchen von Flugtickets, die Suche nach Informationen, die Übersetzung von Texten oder die Ausübung von mühsamen oder gefährlichen Tätigkeiten. Viel Positives hat sich entwickelt.

    Die Zukunftspotenziale „künstlicher Intelligenz“ sind gewaltig. Die Welt, so wird oft suggeriert, werde dank ihrer menschlicher. Neben den Utopien stehen die Dystopien einer Welt, die von Maschinen, die nun ihre eigenen Wege gehen, beherrscht wird. Die Technik, so stehe zu befürchten, mache sich den Menschen untertan. Oder es komme umgekehrt zu eine Vergöttlichung des Menschen durch Hybridformen von Mensch und Maschine. „Künstliche Intelligenz“ fasziniert – und irritiert.

    Doch muss man nicht so weit in die Zukunft schauen, um die Schattenseiten „künstlicher Intelligenz“ zu sehen. Den Rechnern, die wie eine Haushälterin oder ein persönlicher Sekretär das Alltagsleben organisieren, stehen Militär- und Kampfroboter gegenüber, die radikal das Wesen des Krieges (und des Friedens) verändern. Wo auf der einen Seite neue Technologien zuvor ungeahnte Maße demokratischer Partizipation erlauben, führen dieselben Technologien zu einer Verrohung des öffentlichen Diskurses. Wenn komplexe Sachverhalte auf das Maß von Kurznachrichten reduziert werden, sind ideologischen Interessen Tür und Tor geöffnet. Und die Möglichkeit, immer erreichbar zu sein, führt zum unmenschlichen Imperativ, immer erreichbar sein zu sollen. Nicht nur die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen dabei. Auch die Privatsphäre ändert sich, wenn Daten zu einem heiß gehandelten Gut werden. Ganz zu schweigen von den Veränderungen in der Berufs- und Arbeitswelt im digitalen Zeitalter.

    Was geschieht mit jenen, die dem Fortschritt nicht folgen können oder wollen? Was geschieht mit dem Schutzraum der Privatsphäre? Wird es letztlich einfach nur andere Arbeitsplätze geben oder weniger? Werden Menschen immer mehr oder weniger arbeiten? Wird endlich genug für alle da sein oder nur noch sehr viel für sehr wenige Menschen? Verschieben sich Macht- und Herrschaftsgefüge, entwickeln sich neue Hierarchien durch die neuen Technologien oder entstehen ganz andere Formen demokratischer Partizipation? Die Gesellschaft steht hier vor grundlegenden Fragen.

    Außer Atem hinkt die ethische Reflexion den neuesten technologischen Entwicklungen hinterher. Traditionelle Modelle ethischer Reflexion stoßen angesichts der Geschwindigkeit und Radikalität des Fortschritts an Grenzen. Nicht immer ist deutlich, welche Ideen zur Anwendung von „künstlichen Intelligenz“ bald verwirklicht werden können und welche auf Dauer im Reich des Phantastischen bleiben werden. Jenseits von Hysterie auf der einen und Gleichgültigkeit auf der anderen Seite sind Sachlichkeit, Augenmaß und Menschlichkeit gefordert. Keine leichte, doch eine notwendige Aufgabe stellt sich: den technischen Fortschritt so zu gestalten, dass die Technik zum Wohle des Menschen da ist und nicht umgekehrt der Mensch der Technik dient und dass in allem Handeln die Freiheit des Menschen bewahrt bleibt.

    Der Autor ist Professor für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und deren Rektor

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