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    Kolumne: Armut und Verantwortung

    Erwartungsgemäß heftig reagierte die Nationale Armutskonferenz vor wenigen Tagen auf den Vierten Nationalen Reichtums- und Armutsbericht, dessen Präsentation die Bundesregierung auf das neue Kalenderjahr verschoben hat. Die aus Verbänden und auch kirchlichen Organisationen zusammengesetzte Expertengruppe zog als Fazit, dass Armut in Deutschland „politisch gewollt“ sei. Zwar sei die Zahl der als „arm“ Definierten (damit sind Menschen gemeint, die weniger als 60 Prozent des nationalen Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben) nicht gestiegen, doch habe sich die „soziale Schere“ zwischen Arm und Reich weiter geöffnet und vor allem hätten sich die Chancen, der Armut entkommen zu können, deutlich vermindert.

    Professor Markus Krienke. Foto: Archiv

    Erwartungsgemäß heftig reagierte die Nationale Armutskonferenz vor wenigen Tagen auf den Vierten Nationalen Reichtums- und Armutsbericht, dessen Präsentation die Bundesregierung auf das neue Kalenderjahr verschoben hat. Die aus Verbänden und auch kirchlichen Organisationen zusammengesetzte Expertengruppe zog als Fazit, dass Armut in Deutschland „politisch gewollt“ sei. Zwar sei die Zahl der als „arm“ Definierten (damit sind Menschen gemeint, die weniger als 60 Prozent des nationalen Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben) nicht gestiegen, doch habe sich die „soziale Schere“ zwischen Arm und Reich weiter geöffnet und vor allem hätten sich die Chancen, der Armut entkommen zu können, deutlich vermindert.

    Um der Sachlichkeit der Diskussion willen sollten zwei Überlegungen nicht unberücksichtigt bleiben. Erstens ist der den offiziellen Berichten zugrunde gelegte Armutsbegriff relativ. In welchem Ausmaß kann oder sollte aber ein Hartz-IV-Empfänger als „arm“ bezeichnet werden, auch wenn er nach dem oben erwähnten Kriterium formal unter diese Definition fällt? Eine solche Pauschalisierung verkennt nicht zuletzt den Sinn von Hartz-IV, Menschen gerade vor dem Abrutschen in die Armut zu bewahren. Aus ethischer Sicht ist an dieser Definition zudem zu kritisieren, dass sie die Armut faktisch zu einem statistischen Datum abwertet und an der wirklichen politischen Aufgabe vorbeigeht: nämlich zu verhindern, dass soziale Ungleichheit zu wirklichen Abhängigkeiten führt. Denn dies wird letztlich unserem Verständnis von „menschlicher Person“ und „Würde“ nicht ge-recht. Solche Abhängigkeiten drücken sich darin aus, dass die „Armen“ als am Tropf der „Reichen“ hängend oder, wie Caritas in veritate formuliert, als „Last“ der Gesellschaft angesehen werden. Dagegen liegt die ethische Herausforderung in der sozialen Inklusion, das heißt darin, soziale Chancen in der Schule und in der Berufswelt, im privaten wie politischen Bereich allen zu gewähren. Daran müssen sich einerseits die Begüterten der Gesellschaft messen lassen; und andererseits sollten die sozial Schwächeren dies als gesellschaftlich-soziale Chance zur Verbesserung der materiellen Lebenslage begreifen. Nur auf diese Weise sind alle, „Arme“ wie „Reiche“, gleichermaßen in die Pflicht genommen, und aus dem „Armen“ wird eine „Ressource“ für die Gesellschaft.

    Damit ist bereits die zweite Überlegung eingeleitet: Weil Armut auch unweigerlich soziale Exklusion bedeutet, führt dies zur Verfestigung von Armutsstrukturen. Dies meint die zunehmende Unwahrscheinlichkeit einer Reintegration in die Berufswelt bei eingetretener Arbeitslosigkeit oder die verminderten Lern- und Berufschancen von Kindern armer Familien. Wohnt aber damit gewissen gesellschaftlichen Risiken wie dem Verlust des Arbeitsplatzes, die oft nicht in der Macht oder Verantwortung des Einzelnen liegen, sogleich die Gefahr eines sozialen Abstiegs inne, dann weitet sich das „Gespenst der Armut“ über die gesamte mittlere und untere Mittelschicht aus. Es entsteht eine Situation sozialer Unsicherheit, auch wenn aus dem Bericht ebenso hervorgeht, dass die Dynamik eines sozialen Abrutschens am unteren Rand der Mittelschicht keineswegs zugenommen hat.

    Doch bleiben solche Überlegungen im Bereich des Allgemeinen und Abstrakten. Sie schauen nicht in das Antlitz der von sozialer Not Betroffenen. Und hierin liegt der wahre gesellschaftliche Beitrag von Kirchen und Verbänden, die in der Lage sind, „Reichtum“ und „Armut“ nicht nach Bemessungsgrenzen und statistischen Daten zu beurteilen, sondern soziale Anerkennung und Integration durch konkrete Hilfen zu realisieren. Diese eigentliche Realität hinter dem Bericht der Nationalen Armutskonferenz sollte nicht vergessen werden, denn sie fordert von jedem Bürger nicht nur eine Meinung, sondern die Wahrnehmung konkreter sozialer Verantwortung.

    Der Autor lehrt Christliche Sozialethik und Kirchliche Soziallehre in Lugano.