• aktualisiert:

    Kolumne: Anfragen an die Arbeitswelt

    Im Jahr 2011 wurde in sozialkatholischen Kreisen in zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen an die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ erinnert, die Papst Leo XIII. vor einhundertzwanzig Jahren veröffentlichte. Solches Gedenken ist mehr als die – wertvolle – Vergewisserung des eigenen Herkommens. Es geht darum, die wegweisenden Impulse und Orientierungen für ein sozial gerechtes Zusammenleben aus der Frühzeit der Industriegesellschaft in unsere Tage zu übersetzen. In dieser Absicht die alten Texte wiederzulesen, bedeutet, sie mit der veränderten Wirklichkeit der Erwerbsarbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu verknüpfen. Die Frage lautet: Inwiefern kann „Rerum novarum“ – unbeschadet der Tatsache, dass viele Aussagen zeitbedingt und durch den seitherigen Gesellschaftswandel „überholt“ sind – auch für die Gegenwart Impulskraft entwickeln?

    Professorin Marianne Heimbach-Steins. Foto: KNA

    Im Jahr 2011 wurde in sozialkatholischen Kreisen in zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen an die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ erinnert, die Papst Leo XIII. vor einhundertzwanzig Jahren veröffentlichte. Solches Gedenken ist mehr als die – wertvolle – Vergewisserung des eigenen Herkommens. Es geht darum, die wegweisenden Impulse und Orientierungen für ein sozial gerechtes Zusammenleben aus der Frühzeit der Industriegesellschaft in unsere Tage zu übersetzen. In dieser Absicht die alten Texte wiederzulesen, bedeutet, sie mit der veränderten Wirklichkeit der Erwerbsarbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu verknüpfen. Die Frage lautet: Inwiefern kann „Rerum novarum“ – unbeschadet der Tatsache, dass viele Aussagen zeitbedingt und durch den seitherigen Gesellschaftswandel „überholt“ sind – auch für die Gegenwart Impulskraft entwickeln?

    Was eine Relecture von „Rerum novarum“ zeigt

    Eine genaue Relecture zeigt: Nicht wenige Forderungen von damals, menschenwürdige Lebensverhältnisse und gerechte Partizipationschancen für die lohnabhängig arbeitende Bevölkerung zu sichern, besitzen gerade jetzt hohe Aktualität. Sie machen auf drängende Herausforderungen unserer Wirtschaftsgesellschaft aufmerksam. Drei Beispiele mögen dazu einladen, das Experiment einer aktualisierenden Lektüre fortzusetzen:

    Erstens: Wenn die Enzyklika die wechselseitigen Pflichten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern behandelt, vernachlässigt sie nicht das Machtgefälle zwischen beiden Gruppen. Sind die Arbeiter gehalten, den Arbeitgebern keinen Schaden zuzufügen und ihre Interessen gewaltfrei geltend zu machen, so sind die Arbeitgeber verpflichtet, die persönliche Würde der Arbeiter zu achten und sie nicht „wie Sklaven“ (Nr. 16) zu behandeln. Konkret brandmarkt die Enzyklika es als „unwürdig [...], Menschen bloß zu eigenem Gewinne auszubeuten und sie nur so hoch anzuschlagen, als ihre Arbeitskräfte reichen“ (Nr. 16); es geht nicht an, sie „nicht wie Menschen, sondern wie Sachen“ zu behandeln (Nr. 33). Angesichts von Ein-Euro-Jobs, systematischer Ersetzung von regulären Beschäftigungsverhältnissen durch Leiharbeit, Niedrigstlöhne und sonstige prekäre Beschäftigungsverhältnisse ist es weder überflüssig noch unzeitgemäß, die Achtung der Würde des arbeitenden Menschen einzufordern.

    Zweitens: Die „Arbeitsherren“ unterliegen, so die Enzyklika, der Gerechtigkeitsverpflichtung, „Jedem das Seine“ zukommen zu lassen – durch einen angemessenen Lohn und durch verträgliche Arbeitsbedingungen. Die Verlagerung der Verantwortung für die Lebensunterhaltssicherung der arbeitenden Menschen auf den Staat widerspricht dem Subsidiaritätsgedanken ebenso wie jenem der „Billigkeit des Lohnmaßes“ (Nr. 17). Von hier her fällt Licht auf die Paradoxien der jüngsten Debatte um flächendeckende Mindestlöhne: Einerseits wird das Engagement der Politik in dieser Frage von interessierter Seite als unbotmäßige Einmischung in die Tarifautonomie zurückgewiesen, andererseits aber soll der Staat kompensieren, was die „Arbeitsherren“ den Lohnempfängern vorenthalten. Wo bleibt da die Gerechtigkeitsverpflichtung auf der Ebene der Tarifparteien?

    Menschen nicht um den Ertrag ihrer Mühen betrügen

    Drittens: Der Staat wird unter dem Vorzeichen des Gemeinwohls (Nr. 26) in die Pflicht genommen: Zugunsten des Wohlergehens aller wird jeder Art von Klientelpolitik eine klare Absage erteilt. Faktisch unterschiedlichen Beteiligungsmöglichkeiten der Einzelnen muss der Staat Rechnung tragen: durch „verteilende Gerechtigkeit“ (27) und durch die besondere Sorge dafür, dass die arbeitende Bevölkerung verantwortlich am gesellschaftlichen Prozess teilhaben und „ein weniger schweres Leben führen“ kann (Nr. 27). Dazu gehören neben einer vorsorgenden Bildungs- und Sozialpolitik eine solide Finanz- und Steuerpolitik (Nr. 35), auf dass die arbeitenden Menschen nicht um den Ertrag ihrer Mühen betrogen werden.

    Professor Dr. Marianne Heimbach-Steins ist Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Münster/Westfalen.