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    Jährlich grüßt der Milliardär

    Die Oxfam-Studie zu Armut und Reichtum ignoriert weltweite Fortschritte – Eine Analyse. Von Hanno Lorenz

    Jeff Bezos
    Ein gerechter Weg: Sind die Armen arm, nur weil Jeff Bezos mit Amazon zum Milliardär geworden ist? Foto: dpa

    Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und braucht seine Rituale. Pünktlich zu Beginn des Weltwirtschaftsforums hat die Nichtregierungsorganisation (NGO) Oxfam ihre jährliche Studie über Wohlstand und Armut in der Welt veröffentlicht. Der Tenor ist stets derselbe: Die Armen werden immer ärmer, weil die Reichen immer mehr Reichtum anhäufen. Unbestritten ist, dass wir heute in einer Welt leben, in denen die Lebensumstände in Europa oder Nordamerika deutlich anders sind als jene in Afrika oder Asien. Gerade in den USA hat es eine kleine Minderheit von Menschen zu einem schier unglaublichen Reichtum gebracht. Sie sind aber nicht deshalb reich, weil andere arm sind. Oder umgekehrt: Die Armen sind nicht arm, weil andere so reich sind. Genau diese Botschaft wird von Oxfam aber unter die Leute gebracht, und das mit großem Erfolg.

    Aber sind die Armen arm, weil Jeff Bezos so viele Amazon-Pakete versendet oder für viele im Alltag die Microsoft-Produkte von Bill Gates unverzichtbar geworden sind? Keineswegs. Die Armen sind arm, weil sie in von Krieg geplagten Ländern leben. In Staaten, deren korrupte Regierungen wenig bis nichts von Menschen- und Eigentumsrechten halten und konsequent die falsche Wirtschaftspolitik betreiben. Während Oxfam in der Globalisierung ein großes Übel sieht, sind die Menschen in jenen Ländern am ärmsten, die sich am wenigsten der Globalisierung geöffnet haben. Im Gegensatz dazu haben Länder, die sich in den internationalen Produktionsprozess integriert haben, einen nie dagewesenen Anstieg an Wohlstand und Rückgang an Armut zu verzeichnen. Die Welt wird eben mitnichten immer schlechter, ganz im Gegenteil: Der Anteil der Menschen, die weltweit in bitterster Armut leben, ist von mehr als 44 Prozent im Jahr 1981 auf unter zehn Prozent gesunken. Das ändert nichts daran, dass noch immer zu viele Menschen arm sind und keine Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Wohlstand haben. Heute haben mehr Menschen Zugang zu Trinkwasser, sanitären Einrichtungen, medizinischer Versorgung oder Elektrizität. Die Lebenserwartung der Menschen steigt, immer mehr erfahren eine Grundbildung und können sich ausreichend ernähren. Während sich die Nichtregierungsorganisation über die Zunahme an Milliardären auf der Welt echauffiert, entkommen jede Minute rund 50 Menschen der absoluten Armut. Aus Sicht des Armutsforschers und Nobelpreisträgers Angus Deaton ist das der Globalisierung und den geöffneten Märkten zu verdanken. „Der Welt ist es insgesamt noch nie besser gegangen als heute, auch wenn sie sich derzeit in einer ziemlichen Unordnung präsentiert“, meint Deaton. All diese positiven Entwicklungen halten Oxfam nicht davon ab, ein immer düsterer werdendes Bild der Welt zu zeichnen und die Spaltung der Gesellschaft in „extrem reich“ und „extrem arm“ zu beklagen. So würden 26 Milliardäre so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Welt zusammen. Das stimmt – wenn man sich wie Oxfam einer umstrittenen Methodik bedient und die Nettovermögen (Vermögen minus Schulden) der Menschen als Vergleich heranzieht. Diese Art der Darstellung führt zu absurden Verwerfungen. So gilt ein hervorragend verdienender Hochschul-Absolvent, der noch einen Studentenkredit laufen hat, ärmer als ein mittelloser Bauer, der ein karges Leben in einem Entwicklungsland führt. Während also viele Europäer und Nordamerikaner aufgrund ihrer Nettoverschuldung laut Oxfam zu den ärmsten zehn Prozent der Welt zählen, trifft das in China kaum zu, weil sie eben weder Vermögen noch Schulden haben. Oxfam selbst ist mit einem Spendenaufkommen von rund einer Milliarde Euro und 400 Millionen Euro auf der hohen Kante reicher als 3,8 Milliarden Menschen zusammen. Will man den Armen helfen, braucht es nicht neue Zölle und Steuern. Sondern mehr Rechtsstaatlichkeit und mehr Globalisierung, um mehr Menschen die Flucht aus der Armut und den Aufbau eines bescheidenen Vermögens zu ermöglichen. Genau darum sollte sich das alljährliche Oxfam-Spektakel eigentlich drehen.

    Der Autor ist Ökonom beim unabhängigen Wiener Thinktank Agenda Austria.

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