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    Entwicklungshelfer blicken kritisch auf ihre Arbeit

    Berlin (DT) Die Entwicklungszusammenarbeit muss dringend reformiert werden, fordert Reinhard Hermle. Er weiß, wovon er spricht. Hermle war lange Jahre Entwicklungshilfeexperte beim bischöflichen Hilfswerk Misereor und Vorstand des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (Venro). Nun arbeitet er als Entwicklungspolitischer Berater für die Hilfsorganisation Oxfam, die gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) am Donnerstag in Berlin ein Symposion zum Thema „Wie wirksam ist die Entwicklungspolitik?“ abhielt. Seit Jahren steht die Entwicklungszusammenarbeit immer wieder in der Kritik. Diese reicht vom Zweifel an der Effektivität der Arbeit bis zum Vorwurf, die Hilfe setze falsche Anreize und schade letztlich mehr als sie nütze.

    Berlin (DT) Die Entwicklungszusammenarbeit muss dringend reformiert werden, fordert Reinhard Hermle. Er weiß, wovon er spricht. Hermle war lange Jahre Entwicklungshilfeexperte beim bischöflichen Hilfswerk Misereor und Vorstand des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (Venro). Nun arbeitet er als Entwicklungspolitischer Berater für die Hilfsorganisation Oxfam, die gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) am Donnerstag in Berlin ein Symposion zum Thema „Wie wirksam ist die Entwicklungspolitik?“ abhielt. Seit Jahren steht die Entwicklungszusammenarbeit immer wieder in der Kritik. Diese reicht vom Zweifel an der Effektivität der Arbeit bis zum Vorwurf, die Hilfe setze falsche Anreize und schade letztlich mehr als sie nütze.

    An den Bedürfnissen der Armen orientieren

    Der Direktor des DIE, Dirk Messner, sieht ein Grundproblem für wirksame Entwicklungszusammenarbeit in der „großen Zahl der Akteure“, wie er es vornehm ausdrückt. Anderes gesagt, die Zusammenarbeit ist in Teilen längst zu einer Hilfsindustrie geworden, einem Markt, auf dem sich Anbieter nicht selten gegenseitig auf die Füße treten. Entwicklungsländer müssen sich durch einen Wust an Anträgen und Formularen kämpfen, da jedes Land, aber auch supranationale Institutionen wie die Europäische Union oder die Vereinten Nationen ihre eigenen Ansätze, Kriterien und Vorgehensweisen haben. Statt Dutzende bilaterale, multilaterale oder private Geberagenturen in unüberschaubaren Koordinationsrunden zusammenzubringen, verlangt Messner, die Organisationen zu reduzieren und die Hilfe unter den Gebern besser abzustimmen.

    Schon die vor zwei Jahren verabschiedete Paris-Erklärung wollte diesen Missstand beheben. Sie verlangt, dass Geberländer und multilaterale Hilfsorganisationen ihre Arbeit koordinieren und sich stärker an Strukturen der Empfängerländer orientieren. Bislang scheinen die Ergebnisse aber noch dürftig. Zudem garantiert ein reibungsloserer Ablauf der Entwicklungshilfe noch nicht deren Effektivität.

    Hermle verlangt vor allem, dass sich die Hilfe vorrangig an den Bedürfnissen der Armen orientiert und nicht an politischen, wirtschaftlichen oder strategischen Interessen der Geberländer. Schwerpunkte sind für ihn dabei die Gesundheitsfürsorge, Grundbildung und Ernährungssicherung, ländliche Entwicklung sowie der Ausbau sozialer Sicherungssysteme.

    Ferner müsse sich die Hilfe stärker an den politischen Rahmenbedingungen in Empfängerländern ausrichten. Als isolierter Ansatz ohne Einbettung in eine entwicklungsfreundliche Gesamtpolitik sei Entwicklungszusammenarbeit überfordert, mahnt der Oxfam-Vertreter.

    Messner fordert hier ohnehin mehr „Bescheidenheit“ und warnt vor Illusionen mit Blick auf den Erfolg von Entwicklungshilfe, zumal eine wesentliche Voraussetzung hierfür die gute Regierungsführung sei. Bei Ländern mit Korruption und mangelnder Rechtsstaatlichkeit könne Entwicklungshilfe zumeist nur Nothilfe leisten und dafür sorgen, dass sich die Lage der Bedürftigen nicht weiter verschlechtere. Dort, wo sie greife, sei langer Atem verlangt, meint der DIE-Direktor etwa mit Blick auf Afghanistan. Für ihn ist dieses Land auch ein Beispiel für die Schwierigkeit, den Erfolg von Entwicklungszusammenarbeit zu bemessen. Oft handele es sich bei der Hilfe um „Risikoinvestitionen“. Das betreffe schon die Frage, mit wem man in den Empfängerländern zusammenarbeite. Ein hundertprozentiger Beweis für Erfolg ist nach seiner Überzeugung jedenfalls nicht zu erbringen.

    Doch trotz „beträchtlicher Schwachstellen“ zweifeln weder Hermle noch Messner am Sinn der Entwicklungszusammenarbeit – soweit die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehört für Hermle auch eine angemessene Finanzierung. Hier sieht er vor allem die G8-Staaten in der Pflicht. Sie hatten die Entwicklungshilfe auf ihren Treffen im schottischen Gleneagles und im Ostseebad Heiligendamm zum Topthema gemacht.

    Allerdings fließen die Finanzen bislang nicht wie zugesichert, beklagt der Oxfam-Vertreter. Nach Schätzungen von Oxfam wird die Diskrepanz zwischen Versprechen und Auszahlung allein für die G8 bis 2010 bei 30 Milliarden Dollar liegen. Dazu trage auch Deutschland bei, trotz der Aufstockung um 750 Millionen Euro in diesem Jahr. Nach Hermles Einschätzung ist es in keiner Weise sicher, dass diese Aufstockung wie in Heiligendamm zugesagt auch im Bundeshaushalt 2009 fortgeschrieben wird.

    Von Christoph Scholz