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    Ein Land der Sparer

    Sparen ist eine spezifische Tugend der Deutschen – das zeigt eine Ausstellung. Von Andrea Schulze

    Der Nationalsozialismus instrumentalisierte die Sparneigung vieler Deutscher für seine Zwecke: Gute, „schaffende Arbeit“... Foto: DHM

    Sparer! Seid beruhigt wegen Eurer Sparguthaben, Bankguthaben und Kriegsanleihen.“ Die Botschaft auf einem Plakat des Sparkassenverbands von 1918 findet sich neunzig Jahre später nahezu wörtlich in einem Pressestatement zur Sicherheit deutscher Spareinlagen wieder, das angesichts der Bankenkrise Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück am 5. Oktober 2008 gaben: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“ Ungeachtet der geschichtlichen Entwicklung mit Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise und historisch niedrigen Zinsen scheint das Sparen in Deutschland durchgängig zu einer unhinterfragten Tugend geworden zu sein. Über das Sparen als Wirtschaftsfaktor wurde viel erforscht und publiziert – „Deutschland spart sich sein Wachstum kaputt“, titelte beispielsweise pointiert die „Süddeutsche Zeitung“ im Juni 2017. Und „The Economist“ nannte am 7. Juli 2017 die deutsche Spardoktrin „The German Problem“. Der Spardrang der deutschen Haushalte, des Staates und der Unternehmen ist zwar allgemein bekannt. Eine Betrachtung des Sparens unter kulturellen und soziopsychologischen Geschichtspunkten gab es bislang jedoch nicht. Insofern betritt die vom Deutschen Historischen Museum (DHM) in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse gestaltete Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“, die in der Ausstellungshalle im Neubau des DHM stattfindet, Neuland. Die Schau ist bis zum 26. August zu sehen. Man zeige die mehr als 200-jährige Geschichte des Sparens als deutsche Tradition, betonte DHM-Präsident Raphael Gross. „Sie erzählt auch etwas von der Geschichte der Auffassung, dass es sich beim Sparen um eine besondere, eine Art moralische Tugend handelt.“ Auf die Frage einer Journalistin führte Ausstellungskurator Robert Muschalla aus, es sei „ein naheliegender Gedanke“, dass diese Haltung mit dem Protestantismus, mit einer „innerweltlichen Askese“ im Sinne von Max Weber zusammenhänge. Allerdings sei diese Aussage insofern zu relativieren, als Sparen ebenso traditionell katholische Landschaften betreffe. Muschalla bezeichnet die chronologisch aufgebaute Ausstellung als „sozialpsychologische Untersuchung“. Ein gesellschaftsrelevanter Aspekt des Sparens wird bereits bei den Vorformen des institutionalisierten Sparens deutlich, als im Spätmittelalter in italienischen Städten die sogenannten „Monti di Pieta“ (wörtlich: „Berge der Barmherzigkeit“) von Mitgliedern des Franziskanerordens gegründet wurden. Solche Pfandleihkassen dienten der Gemeindefinanzierung. Sie ermöglichten aber auch Personen mit kleinem Vermögen regelmäßige Einkünfte, weil sie Armen in Notzeiten Kredite zu geringen Zinsen gewährten. Die Ausstellung geht ebenso darauf ein wie auf die Knappschaften, die Bergleute in der Frühen Neuzeit gründeten, um durch regelmäßige Abgaben gemeinschaftlich Rücklagen für Notfälle anzusparen. Die eigentliche Geschichte der Sparkassen beginnt in Deutschland als Institution der Armenfürsorge 1778 in Hamburg. Beeinflusst von den Ideen der Aufklärung wurde die Auffassung vertreten, dass eigenverantwortliche Vorsorge den Ausgang aus der Armut ermögliche, wobei die Sparer zu Fleiß und Sparsamkeit erzogen werden sollten: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Anhand unterschiedlicher Ausstellungsobjekte – von Urkunden wie dem „Entwurf zu einem Statut für die in der Haupt- und Residenz-Stadt von der Stadtverordneten-Versammlung gestifteten Sparcasse“ aus dem Jahre 1819 über Gemälde und Zeichnungen, beispielsweise „Schalterraum der Berliner Sparkasse im Mühlendammgebäude“ von 1894 sowie Plakate und Sparkarten bis hin zu Spardosen und -büchsen aus den Jahren 1900 bis 1949 – verdeutlicht die Ausstellung die unterschiedlichen Akzentsetzungen je nach Zeitraum. Karl Marx bezeichnet im ersten Band seines Hauptwerks „Das Kapital“ (1867) die Sparsamkeit als eine „Kardinaltugend“ des Kapitalismus. Aber auch die Unternehmer erkannten die Bedeutung. Alfred Krupp gründete eine Fabriksparkasse: Wer Ersparnisse zu verlieren habe, sei weniger empfänglich für revolutionäre Ideen. Mit dem Ersten Weltkrieg werden Ersparnisse in Kriegsanleihen eingesetzt. Damit wurde ein wichtiges Instrument zur Kriegsfinanzierung geschaffen. In der Weimarer Republik wurden Kriegsanleihen durch Reichsbankkredite ersetzt, die das Reich finanzieren sollten. Durch die inflationäre Ausweitung der Geldmenge wurden die Sparguthaben fast vollständig entwertet. Dennoch nahm die Neigung vieler Deutscher trotz Krieg, Hyperinflation und auch Bankenkrise nicht ab.

    Die Nationalsozialisten konstruierten einen Unterschied zwischen guter „schaffender“ Arbeit und dem vermeintlich bösen, „raffenden jüdischen Finanzkapital“. Das Sparen diente zur Rüstungsfinanzierung, da die Finanzinstitute angewiesen wurden, Sparguthaben in Staatspapieren anzulegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg förderten beide deutschen Staaten das Sparen. Heute ist die Sparneigung zwar ungebrochen, aber auch regional verschieden. „Das Vorurteil, das im Südwesten mehr gespart wird“, habe die Recherche bestätigt, sagte dazu Robert Muschalla.