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    Duell auf Augenhöhe

    Martin Rhonheimer und Peter Schallenberg debattierten: „Muss Reichtum Sünde sein?“. Von Sebastian Sasse

    Martin Rhonheimer und Peter Schallenberg
    Martin Rhonheimer (l.) und Peter Schallenberg. Foto: Fugger-Forum

    Konkurrenz belebt das Geschäft. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch im Wettbewerb der Argumente. Den Beweis dafür lieferten Martin Rhonheimer und Peter Schallenberg bei einer Veranstaltung der ganz ungewöhnlich Art: Die beiden Experten für christliche Gesellschaftlehre bestritten gemeinsam eine Debatte zu der Frage: Muss Reichtum Sünde sein? Beim Augsburger Fugger Forum, das die Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftung regelmäßig einlädt, lieferten sich die beiden Professoren ein schlagkräftiges, pointiertes, zuweilen humorvolles, vor allem aber immer faires Duell. Das Publikum – die Veranstaltung war ausverkauft – hörte gut zwei Stunden konzentriert zu und genoss ganz offensichtlicht den kultivierten Schlagabtausch der beiden Experten. Die Anregung für diese Exzellenz-Debatte hatte übrigens eine Debatte in der „Tagespost“ geliefert, in der Rhonheimer und Schallenberg schon einmal miteinander die Klingen gekreuzt hatten - die zwei sind übrigens Duzfreunde.

    Die Positionen waren dabei klar besetzt: Peter Schallenberg, Leiter der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, übernahm den kapitalismuskritischen Part. Martin Rhonheimer,, Professor für Ethik und politische Philosophie, setzte sich die Aufgabe, den Kapitalismus gegen die aus seiner Sicht ungerechtfertigte Kritik vieler Stimmer aus dem christlichen Bereich zu verteidigen.

    Dabei schien auf den ersten Blick zwischen beiden Positionen gar kein großer Unterschied zu bestehen: Denn Rhonheimer wie Schallenberg stehen zur Sozialen Marktwirtschaft – und zwar durchaus der, die mit großem „S“ geschrieben wird. Allerdings führen sie unterschiedliche Faktoren an, wenn es darum geht zu zeigen, was denn das Soziale an unserem Wirtschaftssystem ausmacht. Für Schallenberg ist es ganz klar der Sozialstaat. In ihm sieht er nicht eine Leistung der europäischen Kulturgeschichte, sondern auch ein weltweites Exportprodukt. Überall auf der Welt versuche man, sich an dem Modell der Bundesrepublik zu orientieren. Und dies sei auch ganz im Sinne der Katholischen Soziallehre.

    Für Martin Rhonheimer hingegen ist der soziale Charakter unseres Wirtschaftssystems vor allem die Folge des Engagements des einzelnen Unternehmers. Und der Markt ist es, die Konkurrenz mit Mitbewerbern, zwingt ihn zur Innovation, zur Effektivität, zur Gewinnorientierung. Wenn man so will: Der Markt zwingt den Unternehmer dazu, sein Kapital einzubringen. Das Kapital aber, das er zusätzlich daraus schlägt, investiere er aber natürlich auch in seine Mitarbeiter. Wenn es also der breiten Bevölkerung heute wirtschaftlich und sozial so gut gehe wie nie zuvor in der Geschichte, dann sei das kein Ergebnis, das dem Kapitalismus abgetrotzt werden musste. Im Gegenteil. Nur, so Rhonheimer, habe die Katholische Soziallehre genau diesen Zusammenhang noch nicht wirklich anerkannt.

    Dies hänge wohl auch mit ihrer Entstehungszeit zusammen. In der Phase der Industriellen Revolution habe vor allem die Industriearbeiterschaft Not gelitten. Ihnen nahmen sich die Heroen der Katholischen Soziallehre, wie etwa der Mainzer Bischof Ketteler an. Was man nicht verstanden hätte: Dass die Verelendung der Massen schon bald ausgesetzt habe und die Arbeiterschaft immer stärker auch von dem wirtschaftlichen Aufschwung mitprofitiert habe, sei keine Folge einer Zähmung des Kapitalismus gewesen. Sondern vielmehr habe der unternehmerische Entwicklungsdrang der Prosperität insgesamt gedient.

    Der Staat gleicht einer Mutter

    Schallenberg hingegen setzte diesem sehr emphatischen Unternehmerbild einen anthropologischen Realismus entgegen. Indem er, im Grunde klassisch konservativ, auf die Erbsünde verwies. Letztlich sei sie der Grund dafür, warum der Staat sowohl gesellschaftlich wie auch wirtschaftlich regulierend eingreifen müsse. denn sonst gebe es keine Gerechtigkeit. Schallenberg erinnert an die Vorstellung von Augustinus vom „status justitiae“. Diese Gerechtigkeit zu sichern, sei die Aufgabe des Staates. Schallenberg verglich dabei den Staat mit einer Mutter, die ihre Kinder zur Barmherzigkeit erziehen wolle. Zu Beginn müsse sie durchaus erzieherischen Druck ausüben – im Falle des Staates wären dies etwa Steuern – bevor das Kind die barmherzige Sicht vollend selbst verinnerlicht habe.

    Am Ende der Debatte – gewissermaßen dem „Genius loci“ geschuldet – zeigte sich auch eine Art Kompromiss an. Die Geschichte der Familie Fugger unterstreicht schließlich deutlich, wie unternehmerischer Erfolg mit hoher sozialer Verantwortung und karitativem Engagement Hand in Hand gehen kann.

    Die Debatte war aber auch in anderer Sicht aufschlussreich: In einer Zeit in der Diskussion schnell unsachlich werden, in Sozialen Netzwerken Hasskommentare geschrieben werden, zeigte sich hier, wie erkenntnisreich, dabei aber auch unterhaltsam der Austausch von Argumenten zur Sache sein kann. Gerade auch im Hinblick auf kirchenpolitische Debatten scheint dieses Veranstaltungsformat hilfreich. Denn hier zeigt sich deutlich: Auch zwei katholische Priester können in Sachfragen durchaus unterschiedlicher Meinung sein, kräftig miteinander debattieren. Und doch ändert dies doch nichts an ihrem Katholisch-Sein.

    Rhonheimer wie Schallenberg – in ihrem Argumentationsstil durchausunterschiedlich, der eine eher dozierend, manchmal etwa schelmisch der andere – unterstrichen diesen Eindruck, indem sie sich wie rhetorische Sportsmänner gaben. Fair, aber schon mit dem Ziel im Sinn, den Lorbeerkranz für das beste Argument mit nach Hause zu tragen. Freilich eine Siegerkürung gab es am Ende nicht. Der Sieger der Debatte war denn auch der Zuhörer.

    So kann man als Bilanz dieses Abends in Augsburg ziehen: Der Markt für solche Exzellenz-Debatten ist sicher groß. Insofern ist eine Fortsetzung zu wünschen. Die Zuhörer, die zum Schluss beiden Diskutanten kräftig applaudierten, würden sich sicherlich freuen.

    Bearbeitet von Sebastian Sasse

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