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    Champagner für China, Schwarzbrot für Europa?

    „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, so lautet eine chinesische Verwünschung. China erlebt gerade interessante Zeiten. Nur noch zehn Prozent der 1,2 Milliarden Bürger sind arm in absoluter Hinsicht, bald löst China die USA als weltgrößte Wirtschaftsnation ab. Und am achten August finden die Olympischen Spiele zum ersten Mal im Reich der Mitte statt. China hat Auftrieb. Verdrängt es dabei den erfolgsverwöhnten Westen von seinem Platz an der Sonne? „Chinas Wachstum vs. Wohlstand im Westen“ lautete der provokative Titel, mit dem die Studenten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin nun zur Diskussion luden.

    „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, so lautet eine chinesische Verwünschung. China erlebt gerade interessante Zeiten. Nur noch zehn Prozent der 1,2 Milliarden Bürger sind arm in absoluter Hinsicht, bald löst China die USA als weltgrößte Wirtschaftsnation ab. Und am achten August finden die Olympischen Spiele zum ersten Mal im Reich der Mitte statt. China hat Auftrieb. Verdrängt es dabei den erfolgsverwöhnten Westen von seinem Platz an der Sonne? „Chinas Wachstum vs. Wohlstand im Westen“ lautete der provokative Titel, mit dem die Studenten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin nun zur Diskussion luden.

    Alle Unklarheiten konnte das von Bestsellerautor, Chinakenner und Dokumentarfilmer Frank Sieren geleitete Podium IIIb des Humboldt-Forums nicht ausräumen, doch wurden in der kurzweiligen und zum Glück auch kontroversen Diskussion drei Dinge deutlich, die zu bedenken sind, wenn über China geredet wird. Erstens: Nein, China wird wohl nie den flächendeckenden Wohlstand erreichen, wie wir ihn derzeit genießen. Wir aber wohl bald auch nicht mehr. Zweitens: China kann nur über gemeinsame Interessen, nicht durch Zwang eingebunden werden. Drittens: Alles hat mindestens zwei Seiten: Ein wachsendes China ist nicht nur ein großer Konkurrent, sondern vor allem ein riesiger Markt. „Lernt Chinesisch!“ Diesen Tipp gab Ulrike Reisach, die oberste China-Expertin von Siemens, den anwesenden Nachwuchskräften. Es könne gut sein, dass unsere Kinder sich bei chinesischen Firmen bewerben werden, sagte Reisach. Aus chinesischer Perspektive sei der jetzige Boom ohnehin kein überraschender Aufstieg, sondern nur die Korrektur eines unseligen Missstands. Schließlich sei man bis vor einigen hundert Jahren technologisch wie politisch dem Westen lange überlegen gewesen. Im 15. Jahrhundert war China kurz davor, zur beherrschenden Kolonialmacht am Indischen Ozean aufzusteigen.

    Von dieser großen Vergangenheit zehrt das nationale Selbstbewusstsein immer noch, die Opiumkriege, die Gängelung durch die Briten, der Bürgerkrieg der Kommunisten und die verlorenen Jahrzehnte durch Maos Herrschaft, all das sei nur eine vorübergehende Schwächeperiode gewesen. Gefühlte Größe reicht aber nicht aus, warf Margot Schüller ein. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Giga-Institut für Asien-Studien blieb bei den Zahlen. Das Pro-Kopf-Einkommen in China liegt bei 2 000 Dollar, der durchschnittliche Europäer hingegen verdient 35 000 Dollar. „Der Weg ist noch ziemlich weit“, bemerkte Schuller trocken.

    Nicht wenn beide Seiten aufeinander zugehen, konterte Sven Giegold. In beiden Ländern werde es Gewinner und Verlierer der Globalisierung geben, prophezeite der Sprecher der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Attac. Einige prosperierende Regionen in China werden deshalb mit Partnerregionen in Europa aufschließen und munteren Handel treiben, während weite Landstriche in Europa und China abgekoppelt von der weltweiten Dynamik vor sich hin vegetieren werden. Die internationalen Unterschiede schwinden, glaubt Giegold, die Differenzen innerhalb der Nationalstaaten hingegen nehmen zu.

    Die Perspektive seien deshalb nicht weltweite Handelskriege, sondern ein von aller westlichen Dominanz befreiter, ausgewogener globaler Marktplatz, auf dem die Teilhabe an den begrenzten Ressourcen fair ausgehandelt wird. Das sichert allen Teilnehmern einen zwar materiell bescheidenen, aber zukunftssicheren Wohlstand, ist sich Giegold sicher. Für diese Vision gab es Applaus aus dem Publikum. Es ehrt die Veranstalter, dass sie nicht nur Ökonomen, sondern mit Giegold auch einen ihrer schärfsten Kritiker aufs Podium gebeten hatten. Der Diskussion tat das auf jeden Fall gut.

    „Wir werden doch unsere BMWs nicht freiwillig aufgeben“, schoss Moderator Sieren zurück, der Wünschenswertes und Machbares gern säuberlich trennte. „Wenn wir wohlhabend bleiben wollen, ist genau das anzuraten“, entgegnete Giegold. Beim globalen Wettlauf gehe es schon längst nicht mehr um das höchste Wirtschaftswachstum, sondern darum, wer die Welt aus dem Klimaschlamassel herausführt. Und um diese Führungsrolle zu übernehmen, müsse man im eigenen Land mit gutem Beispiel vorangehen. Wohlstand ist im Verständnis von Giegold also nicht der BMW vor der Tür, sondern die geringe Kohlendioxidbelastung auf dem Emissionskonto. Der Umweltschutz, das ist für Giegold die große Klammer, die die Welt in Zukunft zusammenhalten soll. „Mittelfristig hat China da die gleichen Interessen wie wir.“ Deshalb sei es nur klug, China mehr Mitbestimmung in den globalen Gremien wie der WTO zu geben.

    Bloß nicht, meinte Margot Schüller. „Die Frage ist doch: Spielt China fair? Im Augenblick tut es das nicht.“ So schütze China die eigenen Märkte, schere sich aber international weder um Landesgrenzen noch um Gesetze. Bei Staatsaufträgen seien deutsche Firmen in China nach wie vor nicht zugelassen, bei der Einführung des digitalen Polizeifunks in Deutschland bietet das chinesische Vorzeigeunternehmen Huawei aber munter mit. Bei Huawei zeigt sich auch ein anderes Verhaltensmuster, das westliche Firmen zur Weißglut treibt: Was gut ist, wird kopiert.

    Vor einigen Jahren verkaufte Huawei Netzwerkkomponenten, die in Hardware als auch Software den Produkten der Konkurrenz von Cisco bis aufs Haar glichen. Aber niemand kann China, das bald die USA als größte Wirtschaftsmacht ablösen wird, mehr irgendwelche Vorschriften machen. Es bleibt nur die Hoffnung, dass sich im Laufe der Entwicklung auch diese Asymmetrien ausgleichen werden. „Die großen chinesische Unternehmen haben mittlerweile ja selbst Angst, dass sie irgendwo im eigenen Land jemand billiger kopiert“, bemerkte Ulrike Reisach mit einem Lächeln.

    Die Phase des Kopierens könnte außerdem bald vorbei sein, meinte Reisach. Das musste ihr eigenes Unternehmen Siemens schmerzlich erfahren. Um die Jahrhausendwende herum gehörte Siemens noch zu den großen Handyherstellern. Die Konkurrenz saß in Finnland oder den USA, „aus China erwarteten wir gar nichts. Und dann haben die innerhalb von zwei Jahren den ganzen Markt aufgerollt“, berichtete Reisach. Und zwar mit selbst entwickelten Modellen.

    Wie soll der Westen nun auf die Aufsteiger aus dem Osten reagieren? In Innovationen investieren und China als Chance und neuen Markt auffassen, sagt Ulrike Reisach. Die Chinesen in internationale Abkommen und Vertragswerke einbinden, sagt Margot Schüller. Nicht ins nationale Konkurrenzdenken verfallen, sondern gemeinsam an einer nachhaltigen Weltwirtschaft bauen, sagt Sven Giegold. Ein Sprichwort aus China passt jetzt gut. „Jedes Ding hat drei Seiten: Eine, die Du siehst, eine, die ich sehe, und eine, die wir beide nicht sehen.“

    Von Christoph Mayerl