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    Bretton Woods und die Zukunft des Geldes

    Es hat den Anschein, als überschattet das Gedenken an den Ersten Weltkrieg und den D-day die Erinnerung an die Konferenz von Bretton Woods im US-Staat New Hampshire, die sich in diesen Tagen zum siebzigsten Mal jährt. Siebenhundert Delegierte aus 44 Staaten legten auf dieser Konferenz der Vereinten Nationen die Basis für die Wirtschafts- und Währungsordnung der Nachkriegszeit. Heute gilt diese Ordnung nicht mehr. Doch sie zeigt, dass eine offene Weltwirtschaft mit verbindlichen Regeln Freiheit und Wohlstand schafft.

    Vor 70 Jahren: Blick in den Sitzungssaal von Bretton Woods. Foto: dpa

    Es hat den Anschein, als überschattet das Gedenken an den Ersten Weltkrieg und den D-day die Erinnerung an die Konferenz von Bretton Woods im US-Staat New Hampshire, die sich in diesen Tagen zum siebzigsten Mal jährt. Siebenhundert Delegierte aus 44 Staaten legten auf dieser Konferenz der Vereinten Nationen die Basis für die Wirtschafts- und Währungsordnung der Nachkriegszeit. Heute gilt diese Ordnung nicht mehr. Doch sie zeigt, dass eine offene Weltwirtschaft mit verbindlichen Regeln Freiheit und Wohlstand schafft.

    Debattiert wurde über zwei Konzepte: den Plan des Briten John Maynard Keynes und den des Amerikaners Harry Dexter White. Dass sich der Amerikaner durchsetzte, wundert nicht: Viele Delegationen kamen aus Entwicklungsländern, waren Vertreter von Exilregierungen und damit hochgradig abhängig. Und Großbritannien, Bündnispartner und Wirtschaftsmacht, hatte hohe Schulden bei den Amerikanern.

    In der Analyse war man sich einig: Zu solchen Krisen wie nach dem Ersten Weltkrieg durfte es nicht mehr kommen: nicht zur Hyperinflation, nicht zur großen Depression der dreißiger Jahre, die Protektion, Arbeitslosigkeit, Not, Faschismus und Krieg ausgelöst hatte: Ohne Wohlstand kein dauerhafter Friede, ohne freien Handel, freien Kapitalverkehr und stabile Wechselkurse kein Wohlstand.

    Dass feste Wechselkurse an der Spitze der Agenda standen, erklärt sich aus der Geschichte der Währungssysteme: Seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts galt der internationale Goldstandard. Er sorgte für feste Wechselkurse, da jedes Land seine Währung an ein festes Verhältnis zum Gold band. Ungleichgewichte im Handel, etwa wenn ein Land mehr Waren importierte, als es bezahlen konnte, führten unweigerlich zum Abfluss von Gold. Auf diese Weise schaffte die Golddeckung wie von selbst Stabilität. Die Nachteile: Ohne neue Goldfunde drohte Rezession, mit Goldfunden Inflation.

    Länder mit Goldvorkommen waren im Vorteil

    Außerdem hatten Länder mit Goldvorkommen ungerechtfertigte Vorteile, konnten sie doch quasi aus dem Nichts Geld schöpfen und sich überall mit Waren eindecken. Doch ohne Golddeckung, mit reiner Papierwährung, schien Protektionismus unausweichlich zu sein.

    Keynes wollte weg von der Golddeckung: Er plante eine globale Währung, den ,,Bancor“. Seine Überlegungen hatten im Kriegsjahr 1940 begonnen. Der Ökonom fragte sich, weshalb die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland nach 1933 so rasch verschwunden war. Eine Erklärung war, dass die deutsche Wirtschaft Zugang zu Exportmärkten erhielt, obwohl die Reichsmark gar nicht mehr konvertibel war. Der Grund lag in bilateralen Handelsverträgen, die Hitlers Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht mit 25 Ländern abgeschlossen hatte. Sie bewirkten eine Art Tauschsystem: Ein deutscher Unternehmer verkaufte eine Maschine an einen Kunden in Ungarn. Dieser bezahlte in Pengö an die ungarische Zentralbank, der Deutsche bekam seine Reichsmark von der Deutschen Reichsbank. Beide Zentralbanken unterhielten ein Währungskonto, der Kurs war politisch festgelegt. Kurzfristige Handelsüberschüsse und -defizite waren möglich, auf Dauer musste der Warenaustausch aber ausgeglichen sein. Bis heute nennt man diese Art von Handel in England ,,Schachtianism“.

    Keynes erweiterte das Modell Schachts zu einer Welt-Zentralbank, die er „Clearing Union“ nannte. Alle Länder konnten Mitglied dieser Zentralbank werden. Diese verrechnete Handelssalden in einer eigenen Währung, dem „Bancor“. Die Währungen untereinander mussten nicht konvertibel sein, die Umrechnungskurse in Bancor wurden international ausgehandelt. Bei Ungleichgewichten musste nicht nur das Defizit-, sondern auch das Überschussland Strafzinsen zahlen, eine gelegentliche Korrektur der Kurse war möglich. Ungleichgewichte waren damit ausgeschlossen, das System kam ohne Gold aus.

    Im Mittelpunkt von Whites Überlegungen stand dagegen der Dollar mit der Golddeckung als Anker. Alle anderen Währungen sollten mit festen Wechselkursen an den Dollar gebunden werden. Washington verpflichtete sich, Dollar jederzeit in Gold umzutauschen. Protektionismus und Währungskriege waren damit verhindert und die Basis zum Wiederaufbau gelegt. Whites System funktionierte lange Zeit gut – bis seine Widersprüche unübersehbar wurden: Um zu wachsen, war der Welthandel auf immer mehr Dollars angewiesen. Die konnten aber nur in Umlauf kommen, wenn die USA ein Defizit im Außenhandel hinnahmen. Hohe Außenhandelsdefizite aber bedeuteten, dass irgendwann Amerikas Goldreserven erschöpft sein würden. Tatsächlich kündigte Präsident Nixon am 14. August 1971 die Bereitschaft der USA auf, Dollar in Gold zu tauschen. Damit war Whites System am Ende. Seither herrscht freier Währungswettbewerb.

    Übrig blieben Institutionen wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds – und der Dollar als Leitwährung. Immerhin legen viele Länder ihre Devisen in Dollar an, zumal China. Aber gerade dieser permanente Kapitalzufluss hat für neue Krisen gesorgt. Zur Immobilienkrise kam es auch, weil der ständige Kapitalzufluss es Verbrauchern, Unternehmern und dem Staat in den USA erlaubte, sich günstig zu verschulden. Solange die Immobilienpreise stiegen, schien die Rechnung aufzugehen. Erst als die Zentralbank, schon um die Preise unter Kontrolle zu halten, die Zinsen erhöhte, platzte die Blase und die Krise brach los.

    Das Konzept von Keynes, das Überschüsse und Defizite beim Warenaustausch zwischen den Staaten sanktioniert, hätte solche Spekulationsblasen wohl gebremst. So schwelt der Grundkonflikt zwischen den nationalökonomischen Interessen des Leitwährungslandes und den globalökonomischen Interessen der Weltwirtschaft weiter und es fragt sich, ob eine unabhängige Weltwährung nicht für mehr Stabilität sorgen könnte.