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    Kolumne: „Mensch kauf doch mal wieder nebenan!“ – Plädoyer für bewussten Konsum und lebendige Innenstädte

    Der Einzelhandel sollte nicht klagen, sondern lieber neue Wege wagen. Von Bernd-M. Wehner

    Bernd-M. Wehner. Foto: privat

    Jeder mag lebendige Innenstädte und gute Einkaufsmöglichkeiten vor Ort. In Zeiten des Onlinehandels ist dies aber keine Selbstverständlichkeit mehr. Von daher ist es schon paradox: Da bedauern die Menschen, dass in den Innenstädten immer mehr Geschäfte schließen und im gleichen Atemzug kaufen sie ihre Waren immer öfter online. Und der Online-Handel boomt: Während das Geschäft mit Weihnachtsgeschenken im Netz weiter wächst, drohen dem stationären Handel erneut Einbußen – trotz guter Konjunktur. Der Grund: Die Verbraucher in Deutschland kaufen laut einer Umfrage ihre Weihnachtsgeschenke immer mehr im Internet. Dem stationären Handel drohen deshalb im Weihnachtsgeschäft trotz der guten Konsumstimmung Umsatzeinbußen. Zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung EY in der Auswertung ihrer Befragung „Weihnachtsgeschenke 2018“.

    Demnach kauft bereits gut jeder fünfte Verbraucher seine Weihnachtsgeschenke lieber online. Zum Vergleich: Vor einem Jahr war der Anteil der E-Commerce-Nutzer hier nur halb so hoch. „Die großen Online-Anbieter bauen ihre Marktmacht kontinuierlich aus und können sich ein immer größeres Stück vom Kuchen sichern – zulasten des stationären Handels, der sich in Summe auf ein leicht rückläufiges Geschäft mit Weihnachtsgeschenken einstellen muss“, prognostizierte denn auch EY-Handelsexperte Thomas Harms.

    Zwar besorgt sich eine knappe Mehrheit der Verbraucher (53 Prozent) Weihnachtsgeschenke nach wie vor am liebsten bei den Einzelhändlern vor Ort. Allerdings sinkt die Zahl der Einkaufsstraßen-Fans rapide. Vor einem Jahr gaben noch mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der Befragten an, einen Shopping-Bummel dem Einkauf im Netz vorzuziehen. Rund ein Viertel der Befragten hatten keine besonderen Vorlieben.

    Mit anderen Worten: Es ist ein Strukturwandel im Gang, der in den Ladenstraßen der Kreis- und Mittelstädte schon deutlich sichtbare Spuren hinterlässt: Voraussichtlich jedes zweite Einzelhandelsunternehmen wird in den kommenden zehn bis 15 Jahren verschwinden, fürchtet der Handelsverband.

    „Mensch, kauf doch mal wieder nebenan!“ – mit diesem Slogan wirbt deshalb der KKV, Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung, immer wieder für einen bewussten Konsum und lebendige Innenstädte. So wichtig und alltäglich die Möglichkeit des online-shoppings heute auch ist, der schnelle Klick ist nicht immer der bessere Schritt. Bewusster Konsum ist nachhaltig, fair, sozial und wo möglich auch lokal: Das schafft Arbeit vor Ort und macht lebendige, lebenswerte Innenstädte möglich. Um die Ecke gibt es nicht nur Qualität und Service, sondern auch das Plus an Menschlichkeit, das kein Klick dieser Welt ersetzen kann.

    Natürlich geht es nicht darum, den Einkauf im Internet zu verteufeln. Die Möglichkeit gehört zum Alltag und erleichtert vielen – nicht zuletzt der älteren Generation – den Einkauf. Trotzdem muss klar sein: Wer online kauft, schafft keinen Arbeitsplatz vor Ort.

    Handel und Gewerbe in den Städten aber können nicht nur davon leben, dass man sich Dinge ansieht und beraten lässt, um sie dann online zu kaufen – oder aber nach dem Kauf zur Reparatur zu kommen. Der KKV sieht die Aktion aber nicht als bloßes „Förderprogramm“ für den lokalen Einzelhandel. Wir haben den sozialen Mehrwert im Blick – ganz den Grundsätzen der katholischen Soziallehre folgend.

    Einzelhandel und Gewerbe sind ein unverzichtbarer Baustein lebendiger, lebenswerter Innenstädte – und damit auch tragende Säule der örtlichen Bürgerschaft. Wer morgen in einer lebendigen Stadt leben möchte, muss sich heute persönlich mit einbringen – auch dadurch, dass er immer wieder mal vor Ort einkauft.

    Dies hat auch einen sozialen Aspekt. Das Internet lässt uns schnell vergessen, dass hinter dem Packdienst der großen Internetanbieter letztlich Menschen stecken. Ihre teils prekären Arbeitsverhältnisse dürfen entsprechend den Prinzipien der katholischen Soziallehre nicht einfach ausgeblendet werden. Geschäfte vor Ort sind da transparenter, mitarbeiter- und kundenfreundlicher und oftmals sogar familiengeführt. In diesem Zusammenhang warnt der KKV auch vor dem Trugschluss, durch eine Ausweitung der Öffnungszeiten auf Sonn- und Feiertage dem Internethandel Paroli bieten zu können. Genau das wollte das Land NRW mit seinem „Entfesselungspaket I“ erreichen und stieß dabei auf Widerstand – auch bei der Justiz. Mit dem Gesetz sollte der stationäre Einzelhandel durch erweiterte Möglichkeiten zur Freigabe sonntäglicher Ladenöffnungen im zunehmenden Wettbewerb insbesondere mit dem Online-Handel gestärkt werden. In seiner jüngsten Weisung hat nämlich das Oberverwaltungsgericht Münster ein Urteil des Verwaltungsgerichtes Köln bestätigt, wonach die Durchführung eines kleinen Kunsthandwerkermarkts zu St. Martin („Roisdorfer Martinimarkt“) nicht gerechtfertigt sei.

    In seiner Begründung hierzu hatte es zutreffend festgestellt, „das Bestreben des Gesetzgebers, einen vielfältigen stationären Einzelhandel angesichts eines sich verschärfenden Wettbewerbs zu sichern und zu stärken, reiche ebenso wenig wie das generelle Konkurrenzverhältnis zum Online-Handel in seiner Allgemeinheit aus, weil diese in grundsätzlich gleicher Weise ganzjährig für den Einzelhandel einer jeden Kommune bestünden.“ Der Einzelhandel in den Innenstädten muss nicht untergehen, auch wenn immer mehr im Internet eingekauft wird. Händler, die das Onlinegeschäft und den Einkauf klug verbinden, haben beste Chancen. Darauf sollte sich der Handel konzentrieren. Mit anderen Worten: Der Einzelhandel sollte nicht klagen, sondern lieber neue Wege wagen.

    Der Tipp des KKV: Entdecken Sie den Einkauf um die Ecke als echte Möglichkeit zur Entschleunigung. Ein gemütlicher Kaffee, ein Plausch mit der Nachbarin, das nimmt die Hektik, die wir alle so fürchten.

    Der Autor ist ehemaliger Bundesvorsitzender des KKV, Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

     
    Von Bernd-M. Wehner

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