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    Eine normale Dienstleistung?

    Sexualassistenz für Senioren – was das ist und was katholische Einrichtungen darüber denken. Von Stefan Rochow

    Eine Hand halten oder zu streicheln – solche Zuwendung gehört mit zur Pflege. Aber mit der Sexualassistenz wird eine Gre... Foto: dpa

    Unter dem Thema „Partnerschaft, Intimität und Sexualität im höheren Lebensalter“ beschäftigte sich die Caritas des Erzbistums Köln vor Kurzem auf einer Tagung mit der Sexualität im Alter. Die Veranstaltung richtete sich an Menschen, die sich ehrenamtlich in der Begleitung von Bewohnern der katholischen Alten- und Pflegeheime engagieren. „Alter macht die Menschen nicht zum Neutrum. Im Sinne eines ganzheitlichen Menschenbildes wollten wir die ehrenamtlichen Betreuer für diese Fragen sensibilisieren“, sagt die Leiterin der Caritas-Abteilung Altenhilfe, Helene Maqua auf Anfrage der „Tagespost“. Das Thema dürfe nicht länger tabuisiert werden. Mit der Themenwahl habe man einen Wunsch der Teilnehmer aus dem letzten Jahr aufgegriffen. Vor allem das Thema „Sexualassistenz“ sorgte in der Vergangenheit immer wieder für kontroversen Debatten. „Nessatia“, eine Agentur, die Dienstleistungen für sexuelle Assistenz anbietet, beschreibt es auf ihrer Homepage so: „Sexualassistenz ist eine Dienstleistung, die es immobilen Menschen ermöglicht, ihre Sexualität würdevoll, diskret und mit entgegengebrachten Respekt erleben zu können.“

    Um Seriosität bemüht

    Die Begleitung, so wird betont, könne aktiv oder passiv erfolgen. „So zählen Gespräche, die persönliche Hilfe bei der Selbstbefriedigung oder eine Beratung über geeignete sexuelle Hilfsmittel zur passiven Sexualassistenz“, heißt es auf der Seite weiter. Die aktive Sexualassistenz umfasse erotische Massagen oder den Austausch von Zärtlichkeiten wie sich gegenseitig streicheln und umarmen. Sexual- und Oralverkehr wird bei der Agentur ausgeschlossen. In einem Interview mit der „Zeit-Online“ aus dem vergangenen Jahr erklärt Agenturleiterin Gabriele Paulsen, warum es diese Einschränkung gibt. „Das machen wir gezielt, um gewissen gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen“, so Paulsen. Damit fielen die Mitarbeiter nicht unter eine gesetzliche Meldepflicht und benötigten auch keine gesundheitlichen Untersuchungen. „Außerdem wollen wir unseren Bereich auf seriöse Beine stellen und durch unsere Richtlinien Vertrauen bei den Pflegern schaffen.“ Allerdings bestimme jede Sexualassistenz selber wie weit sie gehen möchte. „Für andere Kollegen ist der Geschlechtsakt durchaus möglich. Die arbeiten dann aber nicht für Nessita“, betont Paulsen. Die Grenzen sind in diesem Bereich also offensichtlich fließend. Gabriele Paulsen war Referentin auf der Tagung der Caritas. Helene Maqua von Caritas sieht beim Thema Sexualassistenz keinen Widerspruch zum Selbstverständnis des katholischen Wohlfahrtsverbandes. „Unter dem Begriff ,Sexualassistenz‘ ist nicht der Vollzug des rein sexuellen körperlichen Aktes, sondern im Wesentlichen die Erfahrung menschlicher Nähe, Geborgenheit, Akzeptanz und Intimität zu verstehen“, sagt Maqua.

    Gerade ältere Menschen, die beispielsweise lange alleine oder krank seien, würden sich oftmals schwer damit tun, ihre Wünsche nach Nähe und Intimität anderen gegenüber auszudrücken. „Und hier kann Sexualassistenz, die von hierfür geschulten Kräften sehr verantwortungsvoll und sensibel umgesetzt wird, eine Hilfe zu einem ganzheitlichen Leben sein, in dem auch Zärtlichkeit und körperliche Nähe erfahrbar bleibt.“ Leben in Beziehung zu anderen Menschen, Nähe, Akzeptanz, Geborgenheit erfahren, das sei ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das Bewohner von Pflegeeinrichtungen nicht verwehrt werden solle.

    Schwierige Abgrenzung zur Prostitution

    Kritischer sieht es Huschke Mau vom Netzwerk Ella, einer Organisation, die sich dafür einsetzt, dass Prostitution als sexuelle Gewalt anerkannt wird. Mau arbeitete selber früher als Prostituierte und sie sieht die Sexualassistenz kritisch. Die Grenze zur Prostitution ist für sie fließend.

    „Alten Menschen sollte nicht suggeriert werden, dass sie sich schämen müssen für den Sex, den sie haben. Ja, dieses Recht auf Sexualität gibt es, aber es gibt eben kein Recht darauf, dass einem oder einer ein Mensch zur Verfügung gestellt wird, der dabei mitmacht“, schreibt Huschcke in einem Artikel in der Zeitschrift „Emma“ aus dem vergangenen Jahr.

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