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    Der Arbeiterpapst Leo XIII.

    Christliche Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft – Teil IV: Papst Leo XIII. Von Thomas Dörflinger

    Ein Denkmal: Papst Leo XIII. Die Statue schmückt sein Grabmal in der Lateranbasilika. Dorthin ist er 1925 umgebettet wor... Foto: KNA

    Als Kardinal Vincenzo Giacchino Pecci im Februar 1878 zum Nachfolger von Papst Pius IX. gewählt wird und den Namen Leo XIII. annimmt, gehen viele Beobachter von einer Übergangslösung auf dem Stuhl Petri aus. Sein Vorgänger hatte 31 Jahre regiert, der neue Pontifex ist schon bei Amtsantritt nicht gesund. Die Realität wird das Gegenteil beweisen; Leo XIII. steht 15 Jahre an der Spitze der Kirche, unter seinen über 80 Enzykliken ragt „Rerum novarum“ heraus. Sie begründet erstmals umfassend die katholische Soziallehre und entfaltet eine Wirkung, die bis in die Gegenwart reicht.

    Auf der Suche nach dem dritten Weg

    Pecci wird in eine niedere Adelsfamilie in der Umgebung von Rom hineingeboren. Bereits im Jesuitenkolleg fällt er als besondere Begabung auf. Schon seine Vorfahren im 18. Jahrhundert hatten im päpstlichen Dienst gestanden, so ist sein Weg über das Studium von Theologie und Kirchenrecht in die vatikanische Diplomatie quasi vorgezeichnet. Pecci wirkt als Legat und Nuntius an verschiedenen Orten im Dienst des Heiligen Stuhls, bevor er 1846 zum Bischof von Perugia ernannt wird.

    Alleine schon Zahl und Themen der Enzykliken, die Pecci, nunmehr Papst Leo XIII., in seiner Amtszeit publiziert, lassen erahnen, wie er den Primat des Heiligen Stuhls mit Blick auf sein Vorbild Innozenz III. verstand. Schon in seiner ersten Enzyklika „Quod apostolici muneris“ erkennt Leo XIII. 1878 die Gefahr, die er durch den Sozialismus auf die Kirche wie die Gläubigen zukommen sieht. Seine Antwort ist bis auf die Notwendigkeit der Armenfürsorge noch recht vage, zumal er „die Ungleichheit im Rechte“ als durch Gott eingeführt begreift.

    Dass es einen dritten Weg zwischen Sozialismus und Liberalismus geben muss, deutet sich in der Enzyklika „Libertas praestantissimum“ (1888) an. Leo XIII. befasst sich ausführlich mit dem Begriff der Freiheit, deutet sie als Gabe Gottes und folgert (verkürzt dargestellt), dass der Liberalismus auch in seiner gemäßigten Form letztlich der Feind der Freiheit sei, weil nicht der Wille des Einzelnen oder des Volkes, sondern die Orientierung an Gott als letztinstanzlich zu begreifen sei.

    Die Jahrhundert-Enzyklika „Rerum novarum“

    Die Arbeit Wilhelm von Kettelers führt Leos Feder wesentlich, wie er selbst später feststellen wird, in der Entstehung der Enzyklika „Rerum novarum“, die 1891 veröffentlicht wird. Nach einer einleitenden Kurzkritik des sozialistischen Lösungsansatzes, in dem er insbesondere die naturrechtliche Notwendigkeit des Privateigentums und die eigenständigen Aufgaben der Familie durch die Kollektivierung gefährdet sieht, sowie der Definition der kirchlichen Rolle und deren Aufgaben zeigt der Papst detailliert ein alternatives Modell zur Lösung der Sozialen Frage auf.

    Im Besonderen widmet er sich der staatlichen Agenda. Er betont die notwendige Vereinigung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern (heute: Koalitionsfreiheit) sowie die der christlichen Arbeitervereine (heute Koalitionsfreiheit). Die letzte Instanz bei der Lohngerechtigkeit sieht Leo XIII. beim Staat, was angesichts der mehr als 100 Jahre später stattfindenden Diskussion um den Mindestlohn mindestens interessant ist. Er fordert den Schutz materieller und körperlicher Güter durch ein entsprechendes Arbeitsrecht. Zwar sieht er das Streikrecht aus ökonomischen Gründen kritisch, mahnt aber gleichwohl den Staat, auf dem Rechtsweg die Ursachen zu beseitigen, die zu Arbeitsniederlegungen führen können. Den Einfluss des Staates jedoch markiert der Papst als subsidiär, nur „soweit es zur Hebung des Übels und zur Entfernung der Gefahr nötig ist, nicht aber weiter, dürfen die staatlichen Maßnahmen in die Verhältnisse der Bürger eingreifen“.

    Mit Blick auf die Arbeiten Kolpings und Kettelers, die Fabrikrede des badischen Politikers Franz Joseph Ritter von Buß (1837), die schon detaillierte Vorschläge zur Lösung der Arbeiterfrage enthält, und die Bismarckschen Sozialreformen Ende der 1880er Jahre kommt die Enzyklika zwar spät, aber nicht zu spät. Ihre umfassende Bedeutung wird deutlich, wenn man betrachtet, dass alle päpstlichen Sozialenzykliken bis zur Gegenwart ihre wesentlichen Inhalte zwar fortgeschrieben, in ihrer Grundsubstanz aber nicht verändert haben.

    Wegweiser in die Zukunft

    Die Literatur wertet das Pontifikat Leos XIII. sehr unterschiedlich. Gilt er den einen als Kirchenfürst, der die Zeichen der Moderne zu lange ignoriert habe, feiern ihn die anderen (zu Recht) als den Papst, der der Kirche mit seiner Sozialenzyklika den Weg in die Zukunft gewiesen habe. In einem seiner letzten Schreiben „Pervenuti all'anno“, gerne als sein „Testament“ bezeichnet, warnt Leo XIII. vor zahlreichen Gefahren für Kirche und Gesellschaft, sieht die Kirche gleichwohl als „unerschütterlich vital“. Im Alter von 93 Jahren stirbt er in Rom.

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