• aktualisiert:

    Carl Friedrich Goerdeler: Den Einzelnen stärken

    Vor dem Volksgerichtshof: Goerdeler wird 1945 hingerichtet. Foto: KNA

    Wer sich auf die Spurensuche in der Entstehungsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft begibt, stößt nicht sofort auf seinen Namen: Carl Friedrich Goerdeler ist in den Geschichtsbüchern in erster Linie als Widerstandskämpfer präsent, der seinen Einsatz im Kontext zum 20. Juli 1944 mit dem Leben bezahlt hat. Doch lohnt ein kritischer Blick auf Goerdelers wirtschafts- und staatspolitische Überlegungen, die er teilweise weit vor der NS-Zeit und in seinen Gedanken für eine Nachkriegsordnung entwickelt hat.

    Tätigkeiten in der politischen Verwaltung und in der Justiz haben in der Familie Goerdeler eine lange Tradition. Generationen vor Carl Friedrich, der 1884 in der Provinz Posen zur Welt kommt, dient man bereits in preußischen Amtsstuben. Mit der Wahl zum Oberbürgermeister von Leipzig 1930 erreicht Goerdeler reichsweite Bekanntheit. Seine Leipziger kommunalpolitischen Erfolge bei der Bekämpfung der Folgen der Weltwirtschaftskrise machen ihn auch für andere interessant.

    Geprägt durch Kommunalpolitik

    Auf der Suche nach einem sogenannten Preiskommissar wird Reichskanzler Brüning auf den Leipziger OB aufmerksam. Trotz grundsätzlicher Bedenken gegen staatlich verordnete Preissenkungen tritt Goerdeler die Aufgabe an, bedingt durch den inhaltlichen Dissens bleibt seine Rolle, die er unter Brüning, später aber auch noch unter Hitler wahrnimmt, weitgehend ohne Einfluss. Obwohl er anfangs den neuen Machthabern nach 1933 nicht grundsätzlich ablehnend gegenübersteht, befördern Denkschriften, die sich kritisch mit der NS-Wirtschaftspolitik befassen und auch zu Hitler gelangen, schließlich den Bruch. Der Streit um die Entfernung des Mendelssohn-Denkmals in Leipzig ist dann nur noch der letzte Punkt, der Goerdeler 1937 zum Rücktritt als OB treibt.

    Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lässt Goerdelers Kontakte in die Widerstandskreise um Generaloberst Ludwig Beck enger werden. In deren Auftrag verfasst Goerdeler 1941 die Denkschrift „Das Ziel“: christliche Weltanschauung, Rechtsstaatlichkeit, bürgerlicher Anstand und Moral sollen die Grundpfeiler einer neuen Gesellschaftsordnung werden.

    Die Erfahrungen aus der Kommunalpolitik fließen etwa bei der Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung deutlich in die Denkschrift ein, auch die Mitarbeit an der Reform der Gemeindeordnung, die letztlich 1935 ganz anders ausfällt als an vielen Stellen von Goerdeler angedacht. Die Kommune begreift Goerdeler als die politische Schule und Basis für die Übernahme von Tätigkeiten im öffentlichen Dienst. Seine staatspolitischen Überlegungen allerdings sind von seiner Skepsis gegenüber Weimar geprägt und tragen mindestens in Teilen monarchistische, ja sogar antidemokratische Züge, weshalb seine Gedanken nicht unumstritten sind.

    Freiheit zum Risiko

    Anders seine ökonomischen Überlegungen, die in Richtung der Sozialen Marktwirtschaft weisen. Die Wirtschaftspolitik, sei so scharf wie möglich auf der Erkenntnis aufzubauen, dass der Mensch nur von dem leben kann, was er der Natur abgewonnen habe. Dabei gelte, dass höchste Leistungen durch Wettbewerb entstehen. Und, so folgert er, der Staat solle dem Einzelnen möglichst viele Risiken überlassen und möglichst wenige abnehmen. Wettbewerb aber sei nie ungehemmt zu verstehen, er müsse durch bestimmte Gebote und Verbote „anständig“ gemacht werden. Geprägt durch die Erfahrungen aus der NS-Wirtschaftspolitik fordert Goerdeler, es sei Aufgabe der staatlichen Wirtschaftspolitik, Monopolverbände zurückzudrängen und wieder in Einzelunternehmen zu zerlegen, um der schöpferischen Einzelpersönlichkeit und ihrem Verantwortungsbewusstsein Raum zu verschaffen. Die persönliche Verbindung Goerdelers zu Jakob Kaiser und Wilhelm Leuschner ist vermutlich ursächlich für sein Plädoyer für die Einheitsgewerkschaft, in deren Zuständigkeit auch die Arbeitsverwaltung fallen solle.

    Von Thomas Dörflinger

    Weitere Artikel