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    „Wir haben es mit einem Krieg zu tun“:

    Die große Politik kann mitten ins Herz treffen, ins private Glück. Anna Mihailova erging es so. Die Weißrussin lebt seit vielen Jahren in der litauischen Hauptstadt Vilnius, ist dort bestens integriert. Auch privat hatte die attraktive junge Frau mit dem breiten Lächeln und wallenden blonden Haaren ebenso zarte wie feste Bande in ihrer Wahlheimat. Ihr Auserwählter arbeitete bei der litauischen Polizei. Nach Putins Angriff auf die Ukraine bekam er es mit der Angst zu tun. Um Litauen.

    US-Verteidigungsminister James Mattis besuchte im Mai den Kommandanten des deutschen Kontingents und des Bataillons der ... Foto: dpa

    Die große Politik kann mitten ins Herz treffen, ins private Glück. Anna Mihailova erging es so. Die Weißrussin lebt seit vielen Jahren in der litauischen Hauptstadt Vilnius, ist dort bestens integriert. Auch privat hatte die attraktive junge Frau mit dem breiten Lächeln und wallenden blonden Haaren ebenso zarte wie feste Bande in ihrer Wahlheimat. Ihr Auserwählter arbeitete bei der litauischen Polizei. Nach Putins Angriff auf die Ukraine bekam er es mit der Angst zu tun. Um Litauen.

    „Wenn die Russen in Litauen einmarschieren, kannst du dich einfach davonmachen und nach Weißrussland zurückgehen“, warf er Anna vor. Anfangs hielt sie es für einen Scherz. Doch bald schon war beiden nicht mehr zum Scherzen zumute. Die Politik entzweite das Paar. Sie trennten sich. Annas Lächeln verschwindet, wenn sie davon erzählt. Wie für die junge Frau ist die Angst vor einer Aggression Russlands für viele Menschen in Russland ein prägender Einschnitt in ihr Leben. Und sie wirft Gräben auf in dem kleinen Land mit 2,8 Millionen Einwohnern.

    „Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass ich Dienst an der Waffe mache, noch dazu freiwillig – ich hätte ihn für verrückt erklärt“, berichtet Mantas Adomenas und schüttelt den Kopf. Dem 44-jährigen Abgeordneten des litauischen Parlaments ist anzusehen, dass er seine Freizeit lieber in gemütlichen Kneipen verbringt als mit Panzern und Mannschaftswagen. „Vor Russlands Angriff auf die Krim gab es bei uns sehr viel Widerstand gegen Aufrüstung. Alles, was mit Militär zu tun hatte, galt als eher unwichtig. Jetzt hat sich das um 180 Grad gedreht, die Angst geht um“, berichtet Adomenas. Er ist einem Freiwilligenverband beigetreten. Zuerst lernte er drei Wochen den Umgang mit Waffen, jetzt ist er jeden Monat ein Wochenende bei Wehrübungen: „Wenn wir mit unseren Panzern über die Straßen fahren, werden wir freudig begrüßt von Passanten, das wäre früher undenkbar gewesen“, berichtet der Abgeordnete und bittet darum, aus dem Russischen ins Englische zu wechseln: „Entschuldigung, ich spreche nicht mehr oft Russisch, es fällt mir schwer!“

    2015 hat Litauen die 2008 abgeschaffte Wehrpflicht wieder eingeführt. Jährlich erhalten 7 000 Mann eine Grundausbildung: „Gegen seinen Willen muss aber niemand zum Militär, denn wir haben so viele Freiwillige, dass niemand eingezogen werden muss“, sagt Adomenas stolz. Auch die Einstellung zur NATO habe sich kolossal gewandelt, sagt der Abgeordnete: „Heute sind fast alle Litauer heilfroh, dass wir Mitglied der Allianz sind!“ Fast alle Litauer? Da scheint Adomenas zu übertreiben. Denn in der russischen Minderheit in dem baltischen Staat herrschen nach wie vor große Vorbehalte gegen die NATO – und Sympathien für Moskau. „Als wir vor wenigen Jahren aus Moskau nach Litauen emigriert sind, wurden wir von vielen Russen hier vor Ort angeschaut wie Verrückte“, berichtet Elena, eine Unternehmerin in besten Jahren, die darum bittet, ihren Nachnamen nicht zu nennen – aus Angst vor Anfeindungen, vor allem gegenüber ihrem Sohn: „Die sehen alle das Propaganda-Fernsehen des Kreml, halten Russland deshalb für das gelobte Land und konnten gar nicht verstehen, warum wir von dort weggezogen seien.“ Elena sieht sich vorsichtig um in dem Straßencafé gegenüber der prächtigen Kathedrale. Sie will nicht, dass jemand mithört, wenn sie solche Dinge erzählt.

    Ihr Sohn werde in seiner russischen Schule in Vilnius stramm auf Kreml-Kurs getrimmt, berichtet die Tochter einer Litauerin und eines Russen empört: „Nach dem Terroranschlag in Sankt Petersburg vor wenigen Monaten sagte die Lehrerin, das sei die Schuld der Demokraten, das komme davon, wenn die Menschen gegen die Regierung demonstrierten.“ Putin sei der Gute, die NATO der Aggressor, die UdSSR war ein erfolgreicher Staat ohne Arbeitslosigkeit, heute gehe es den Menschen viel schlechter, so die Hauptbotschaft in der Schule, die offiziell zum litauischen Staat gehört und auch der litauischen Schulaufsicht unterliegt. „Ich lebe jetzt zwar in der EU, aber in einer Insel der Sowjetunion mitten in derselben“, meint Elena bitter. Weil ihr Sohn nicht fließend Litauisch spricht, ist sie auf die russische Schule angewiesen.

    Die Grenze zwischen West-Orientierung und „Putinophilie“, wie Elena Sympathien für den Kreml nennt, verlaufe nicht zwischen den Nationalitäten, sondern zwischen den TV-Grenzen: „Egal, ob Russen, Polen oder Weißrussen – fast alle, die hier in Litauen das russische Propaganda-Fernsehen sehen, lassen sich gehirnwaschen, halten die NATO für eine Gefahr für die Menschheit – und ihre eigenen Landsleute für potenzielle Faschisten.“ Die Bundeswehrsoldaten, die seit Beginn des Jahres in Litauen sind, betrachten die Kreml-Anhänger als Besatzer.

    Es sei ein riesiger Fehler gewesen, dass die baltischen Staaten nach der Unabhängigkeit kein russischsprachiges Fernsehen einführten, weil sie glaubten, das würde die Integration der Russen behindern, meint Elena: „Das Gegenteil ist der Fall, man hat die Menschen der Moskauer TV-Propaganda ausgeliefert.“ Inzwischen wird Schadensbegrenzung betrieben, es gibt jetzt einen unabhängigen russischen Sender – aber es sei zu spät, meint Elena. In dem Brunnen neben ihr spielen Kinder im Wasser, die Szenerie könnte genauso gut in Spanien oder Italien sein.

    Anders als in den baltischen Nachbarländern Lettland und Estland haben die Russen in Litauen nach der Unabhängigkeit ohne Probleme schnell die Staatsbürgerschaft erhalten. Die Litauer taten sich damit leichter, weil der Anteil von Russen an der Gesamtbevölkerung mit rund sechs Prozent viel geringer ist als in Estland (25 Prozent) und Lettland (27 Prozent). Dort herrschte Angst vor einem zu großen Einfluss der früheren Besatzer. Russen in Estland und vor allem in Lettland klagen bis heute über Diskriminierung, vor allem weil sie sich schwertun, die Staatsangehörigkeit zu erhalten. Andererseits haben sie bis auf das Wahlrecht alle entscheidenden Rechte, und viele von ihnen weigern sich, für den Pass die Landessprache zu erlernen.

    Ein großer Teil der Russen in Litauen übernimmt laut Elena die Kreml-Sicht auf die Geschichte. Der zufolge wurde Litauen zum Ende des Zweiten Weltkrieges von der Roten Armee befreit und hat deshalb dankbar zu sein. Die Litauer halten dagegen, dass die Rote Armee zuvor bereits entsprechend dem Hitler-Stalin-Pakt ihr Land überfallen und besetzt hatte. Dass fast ein Prozent der Bevölkerung deportiert und eingesperrt wurden und dass die Hälfte davon starb. 1945 handelte es sich nach litauischer Sichtweise nicht nur um eine Befreiung von den deutschen Besatzern, sondern um eine neue Besatzung – durch Moskau. Massenweise wurden danach erneut Litauer deportiert und zwangsumgesiedelt. Das Land wurde russifiziert. Moskau und seine Propaganda blenden dies aus.

    Auch heute herrscht bei vielen Angst, wenn es um Russland geht. „Ich kann Ihnen dazu viel sagen, aber nur, wenn sie meinen Nachnamen nicht schreiben“, sagt Aidas, ein Fahrlehrer Anfang 40, der mit Pferdeschwanz, Dreitagebart und aufgeknüpftem Hawaii-Hemd in jedem Hollywood-Film den Frauenschwarm geben könnte. Er sieht sich vorsichtig um: „Wir sitzen hier in der Falle, auf der einen Seite die russische Enklave Kaliningrad, auf der anderen Weißrussland. Binnen zwei Stunden wären die hier“, sagt er in fließendem Russisch. In seinem Blick mischen sich Empörung und Angst: „Was glauben Sie, wie sich das anfühlt, wenn Sie wissen, dass Ihr Nachbar ständig Manöver macht, bei denen er trainiert, Sie zu überfallen. Es fühlt sich genauso übel an, dass jetzt ständig Übungen stattfinden, wo wir trainieren müssen, wie wir uns im Ernstfall wehren sollen!“

    „Wenn meine Großmutter erfahren hätte, dass ihr Enkel sich einmal freuen wird, dass deutsche Soldaten in ihr Land kommen – sie hätte das nicht fassen können“, meint Aidas in Anspielung auf die bitteren Erfahrungen, die Litauen mit der deutschen Besatzung gemacht hat: „Jetzt war es für uns ein großer Feiertag, dass dieses deutsche Bataillon hier bei uns stationiert wurde.“ Dass die rund 1 000 deutschen Soldaten im Ernstfall wenig ausrichten könnten, lässt Aidas nicht gelten: „Es geht um die Symbolik! Wenn hundert Litauer fallen, wird das kaum jemand interessieren bei euch, aber wenn auch nur ein Deutscher fällt – dann könnt ihr nicht mehr gleichgültig bleiben!“

    Vor Russlands Angriff auf die Ukraine sei Russisch wieder in Mode gekommen in Litauen, berichtet der Fahrlehrer und schlendert durch die malerische Altstadt, die mit ihren vielen Straßencafés und Geschäften südländisches Flair verbreitet: „Es kamen viele Touristen aus Russland, und viele jungen Leute lernten die Sprache, weil sie die Chancen auf einen Job erhöhte, etwa in der Gastronomie, im Handel.“ Inzwischen kämen viel weniger russische Touristen – auch, weil die Kreml-Medien Ängste schüren vor angeblichem „Russen-Hass“ im Baltikum, so Aidas. „Dabei freue ich mich über jeden Russen, der mein Land besucht, solange er nicht mit dem Panzer oder dem Fallschirm kommt.“

    „Es werden gezielt Begriffe vermischt“, klagt Sdislavas Bojzechovskis, ein litauischer Kameramann mit grauem Haar, der wie fast alle in seiner Generation fließend Russisch spricht: „Wir haben keine Russophobie, wie die russische Propaganda ständig erzählt. Wir haben eine Putinophobie, und das ist ein großer Unterschied.“ Bojzechovskis erzählt, wie sehr ihm Kultur und Menschen in Russland am Herzen liegen: „Aber nicht diese Regierung im Kreml, die auf das Schlechteste im Menschen setzt.“ So sieht es auch Vytautas Landsbergis, der große alte Mann Litauens. Er war Ende der 1980er Jahre Vorsitzender der Unabhängigkeitsbewegung und trotzte Moskau – mit hohem persönlichen Risiko. Beim „Blutsonntag von Vilnius“ kamen am 13. Januar 1994 vierzehn Menschen ums Leben, mehr als 1 000 wurden verletzt, als sie sich einem von russischen Militärs unterstützten Putschversuch moskautreuer Kräfte gegen das kommissarische Staatsoberhaupt Landsbergis entgegenstellten. Der Widerstand war erfolgreich. Bei einem Referendum einen Monat später stimmten mehr als 90 Prozent der Wähler für eine Unabhängigkeit Litauens. Das kleine Land wurde zum Sargnagel der Sowjetunion.

    Landsbergis macht ein Beinleiden zu schaffen, er geht am Stock, doch seine Energie ist ungebrochen, seine Ausstrahlung hat selbst mit 84 Jahren noch etwas Jugendliches. „Wir müssen die Dinge beim Namen nennen“, fordert er: „Wir haben es mit einem Krieg zu tun. Krieg ist Krieg. Es handelt sich um einen weltweiten Krieg gegen unsere Zivilisation, die den Diktatoren ein Klotz am Bein ist. Was wir in der Ukraine erleben, ist kein Krieg gegen die Ukraine, sondern gegen uns alle.“ Wenn der Westen von Terrorismus rede, müsse er auch den „russischen Staatsterrorismus“ mit ins Auge fassen, mahnt der gelernte Professor für Musikwissenschaften, der bis 2014 im Europaparlament saß: „Der Kreml betreibt Terror!“, sagt er betont leise: „Die wollen die Rückkehr zum Faustrecht. Recht hat bei denen der, der siegt.“

    Dass in Deutschland Umfragen zufolge die Bereitschaft gering wäre, das Baltikum bei einem Angriff Russlands im Rahmen der NATO-Beistandspflicht zu verteidigen, bringt Landsbergis in Wallung: „Was ist das dann für ein Bündnis, was ist das dann noch wert, wenn man seine wichtigste Aufgabe nicht ernst nimmt? Dann gibt es dieses Bündnis nicht mehr. Dann können wir gleich alle kapitulieren und überlaufen.“

    Michael Gahler, Europa-Abgeordneter der CDU, der gerade auf einer Konferenz in Vilnius ist, sieht die Lage optimistischer: „Man kann heute im Baltikum sehen, dass die NATO ihre Bündnispflicht ernst nimmt, die Truppen aus den USA, aus Kanada, aus Großbritannien und Deutschland, die jetzt vor Ort sind, sind im wahrsten Sinne des Wortes ein lebendiger Beweis dafür.“

    Die Beziehung der jungen Weißrussin Anna Rusinowa, die an der großen Politik gescheitert ist, wird all das nicht mehr retten. Ihren Optimismus hat sie das nicht gekostet – sie strahlt, als sei alles eitel Sonnenschein. Die Angst? Ja, die trifft man oft, meine sie. Aber sie lässt sich nicht anstecken. Doch dann verschwindet ihr Lächeln plötzlich: Bald werde die russische Armee wieder einen Angriff auf das Baltikum üben. „Westen 2017 heißt das Manöver, es beginnt im Herbst.“ Ausgerechnet in Annas Heimat, in Weißrussland. Auch wenn Anna es weglächelt – irgendwie ist sie doch ein bisschen zwischen den Fronten.