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    Leitartikel: Gibt es den nur privaten Gott?

    Im einstmals besonders frommen Tirol soll ein Gymnasiallehrer einem Schüler das „Grüß Gott!“ mit der Begründung untersagt haben, „Fabelwesen“ hätten in einer Grußformel nicht zu suchen. Die Aufsichtsbehörde will den Fall angesichts der „wirklichen Probleme, die jeden Tag die Welt beschäftigen“, nicht überbewerten, aber mit dem Lehrer ein klärendes Gespräch führen, denn die Schule solle ein Ort der Toleranz sein. Unabhängig von der Frage, was der Lehrer gesagt und der Schüler verstanden haben will, wird das Problem so nicht gelöst, sondern verdoppelt. Der amtliche Toleranz-Appell geht an der Sache vorbei, ob er nun suggerieren will, es sei doch egal, ob und wie Schüler grüßen, oder ob er darauf zielt, eine traditionelle Grußformel nicht unnötig ideologisch aufzuladen. Es mag dem Schüler nicht bewusst gewesen sein, dass der Gruß-Klassiker „Grüß Gott!“ eine Anrufung Gottes (Invocatio Dei), ist. Dem Lehrer war es offenbar bewusst, und genau dagegen (nicht gegen Höflichkeit an sich) wandte er sich.

    Stephan Baier. Foto: DT

    Im einstmals besonders frommen Tirol soll ein Gymnasiallehrer einem Schüler das „Grüß Gott!“ mit der Begründung untersagt haben, „Fabelwesen“ hätten in einer Grußformel nicht zu suchen. Die Aufsichtsbehörde will den Fall angesichts der „wirklichen Probleme, die jeden Tag die Welt beschäftigen“, nicht überbewerten, aber mit dem Lehrer ein klärendes Gespräch führen, denn die Schule solle ein Ort der Toleranz sein. Unabhängig von der Frage, was der Lehrer gesagt und der Schüler verstanden haben will, wird das Problem so nicht gelöst, sondern verdoppelt. Der amtliche Toleranz-Appell geht an der Sache vorbei, ob er nun suggerieren will, es sei doch egal, ob und wie Schüler grüßen, oder ob er darauf zielt, eine traditionelle Grußformel nicht unnötig ideologisch aufzuladen. Es mag dem Schüler nicht bewusst gewesen sein, dass der Gruß-Klassiker „Grüß Gott!“ eine Anrufung Gottes (Invocatio Dei), ist. Dem Lehrer war es offenbar bewusst, und genau dagegen (nicht gegen Höflichkeit an sich) wandte er sich.

    Hinter dem Tiroler Schulzwist steht eine Frage, die Europa umtreibt: die Frage nach dem Platz Gottes im öffentlichen Raum. Wenn Ungarns Regierung jetzt eine „Invocatio Dei“ in der Verfassung des Landes verankern will, wenn das deutsche Grundgesetz an die Verantwortung vor Gott erinnert, wenn Frankreich und Belgien die Nennung Gottes in der Präambel des EU-Vertrags verhinderten, geht es stets um das Selbstverständnis und die Identität der Gesellschaft. Gottgläubige Menschen erflehen den Segen des Allmächtigen nicht nur für sich, sondern für ihre Familie, ihr Volk und Land. Wer an Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde, als Vater und Richter jedes Menschen glaubt, kann ihn nicht in das zeitliche Ghetto einer Stunde zwischen Sonntagsfrühstück und Stammtisch sperren. Ein Glaube, der nur das private Leben bestimmt, nicht aber das öffentliche Wirken, diminuiert Gott zum Hausgötzen oder zur Selbstfindungstherapie. Wer wirklich glaubt, dass der Allmächtige sich und seinen Willen dem Menschen geoffenbart hat, dass das Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft in der Befolgung der Gebote Gottes und der aus dem Glauben destillierten Tugenden gelingen kann, der kann Gott den öffentlichen Raum unmöglich verwehren. Genau dies wird jedoch in Europa seit 250 Jahren systematisch versucht: von der Aufklärung mit ihrem verengten Vernunftbegriff bis zum aggressiven ideologischen Atheismus, der dem Gottesglauben den offenen Krieg erklärt hat.

    Eingeklemmt zwischen radikalem Laizismus und esoterischer Patchwork-Religiosität mit ihrer Wiederkehr des irrationalen Numinosen scheinen dem Christentum in den Gesellschaften Europas nur mehr im höchst Privaten und im rein Caritativen Nischen geblieben zu sein. Und viele Christen sind – schuldbewusst ob des einstigen politischen Missbrauchs ihrer Religion – bereit, sich demütig in diese Nischen zu fügen. Die verstärkte Präsenz des Islam in Europa könnte jetzt europäische Laizisten aufschrecken und christliche Minderwertigkeitskomplexler aufwecken: Da sind Gottgläubige, für die ein Gott-freier Raum grundsätzlich Häresie ist, und die sich weigern, Gottes Gebote unter den Teppich des Säkularismus zu kehren. Jetzt und hier sind die Christen als Dolmetscher neu gefordert, denn Laizismus und politischer Islam sprechen keine gemeinsame Sprache.