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    Kommentar: Unser Feind, unser Krieg

    Der Krieg, der seit vielen Jahren als Kampf um Macht wie um die Deutungshoheit über den Islam in weiten Teilen der islamischen Welt tobt, ist – wieder einmal – nach Europa geschwappt. Die Terroranschläge von Beirut und Paris stellen uns schockartig eine dunkle Seite der Globalisierung vor Augen: Das Böse sprengt die Grenzen von Staaten, Kontinenten, Kulturkreisen. Es breitet sich mit allen Mitteln und Methoden unserer Zeit aus: Die Terroristen und ihre ideologischen Führer benutzen Smartphones und soziale Netzwerke, reisen mit echten oder gefälschten Pässen, oft auch mit Diplomatenpässen. Weniger denn je kann es uns heute in Europa kalt lassen, „wenn hinten, weit, in der Türkei die Volker aufeinander schlagen“, wie Goethes „Anderer Bürger“ in „Faust I“ sagt. Nicht nur Syrien und der Irak, auch Nigeria und Eritrea sind heute vor der Haustüre Europas.

    Stephan Baier. Foto: DT

    Der Krieg, der seit vielen Jahren als Kampf um Macht wie um die Deutungshoheit über den Islam in weiten Teilen der islamischen Welt tobt, ist – wieder einmal – nach Europa geschwappt. Die Terroranschläge von Beirut und Paris stellen uns schockartig eine dunkle Seite der Globalisierung vor Augen: Das Böse sprengt die Grenzen von Staaten, Kontinenten, Kulturkreisen. Es breitet sich mit allen Mitteln und Methoden unserer Zeit aus: Die Terroristen und ihre ideologischen Führer benutzen Smartphones und soziale Netzwerke, reisen mit echten oder gefälschten Pässen, oft auch mit Diplomatenpässen. Weniger denn je kann es uns heute in Europa kalt lassen, „wenn hinten, weit, in der Türkei die Volker aufeinander schlagen“, wie Goethes „Anderer Bürger“ in „Faust I“ sagt. Nicht nur Syrien und der Irak, auch Nigeria und Eritrea sind heute vor der Haustüre Europas.

    Doch wo steht der Feind? Was sind seine Kriegsziele? Wo läuft die Front? Und wo finden wir in diesem asymmetrischen Krieg Verbündete? Die Reaktionen auf die Terroranschläge von Paris sind ein Lebenszeichen jener Solidarität, die in der Flüchtlingskrise zu verenden schien. Ja, die Anschläge galten ganz Europa: seiner Rechtsstaatlichkeit, seiner Kultur des Zusammenlebens, seinem Menschenbild und seiner Freiheit. Darum muss Europa solidarisch den Kampf wagen: Wenn wir unsere Rechtsstaaten beschneiden, um die Freiheit im Namen der Sicherheit einzuschränken, dann hat der Feind seinen Sieg errungen. Ja, es braucht eine effizientere, bessere, gemeinsame Terrorabwehrstrategie Europas, doch darf der „starke Staat“ nicht zur Abkehr von Recht und Freiheit führen. Gemeinsam müssen wir Europäer beweisen, dass der freiheitliche Rechtsstaat menschenwürdiger und auch wehrhafter ist als alle totalitären Allmachtsfantasien. Der Kampf gegen die Menschheitsgeißel des Terrorismus muss im Zeitalter der Globalisierung global geführt werden: Frankreich tat es in Mali. Europa muss es in Nigeria und Nahost tun – nicht dumm, verlogen und maßlos wie in George W. Bushs Irak-Krieg 2003, sondern präzise und mit klaren Fronten.

    Dazu braucht es geordnete Staatlichkeiten in Nahost, wofür das Ergebnis der Syrien-Konferenz von Samstag bloß ein erster, zaghafter Schritt ist. Dazu braucht es ein globales Vorgehen gegen alle Waffenlieferungen an Terroristen und gegen deren Finanzquellen, was beim G20-Gipfel nun zumindest Thema war. Mehr denn je braucht die EU eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, die den Kampf gegen die terroristisch-totalitäre Bedrohung stärker ins Zentrum rückt. In diesem Krieg braucht Europa Verbündete – gerade auch in der islamischen Welt. Wenn wir den Islam pauschal zum Feind erklären und ihre Logik des unvermeidbaren „Clash of Civilizations“ übernehmen, haben die Terroristen gewonnen. Islamische Staaten, Autoritäten und Verbände sind aufgefordert, in diesem Krieg Front zu beziehen. Von ihnen – nicht aus dem säkularen Europa – muss die klare Botschaft kommen, dass Terrorismus eine Blasphemie und Beleidigung Gottes ist.