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    Habsburg – Herrschaft als Idee

    650-jährige Herrschaft der Habsburger: Vom Aufstieg des Grafengeschlecht zur mächtigsten Dynastie Europas. Von Stephan Baier

    Foto: ROMAN PLESKY (190641729)

    Am 12. November 1918 verabschiedeten die deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrates in Wien, die sich zur „Provisorischen Nationalversammlung“ erklärt hatten, ein Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich: Österreich war nun Republik, die Habsburger-Monarchie beendet, eine Epochenwende eingeleitet. Der Start war holprig: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik“, hieß es im Gesetz anschlussfreudig. Doch den „Anschluss“ an Deutschland sollte erst Adolf Hitler im März 1938 exekutieren. 1918 leisteten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs dagegen noch Widerstand.

    Das Ende der Herrschaft von Habsburg

    Andere Beschlüsse waren erfolgreicher: Die Ministerien der Monarchie wurden für aufgelöst erklärt, „alle Gesetze und Gesetzesbestimmungen, durch die dem Kaiser und den Mitgliedern des kaiserlichen Hauses Vorrechte zugestanden werden, aufgehoben“, alle Beamten und Soldaten „des dem Kaiser geleisteten Treueides entbunden“.

    Vorangegangen war der Gründung der Republik am Vortag ein Dokument Kaiser Karls, in dem er „auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften“ verzichtete. Wörtlich heißt es da: „Im voraus erkenne ich die Entscheidung an, die Deutschösterreich über seine künftige Staatsform trifft… Möge das Volk von Deutschösterreich in Eintracht und Versöhnlichkeit die Neuordnung schaffen und befestigen.“ Angesichts des verlorenen Kriegs, chaotischer Zustände in Wien und des Drucks seitens der Politiker unterschrieb der Kaiser diese Erklärung, mit der Habsburgs Herrschaft zu Ende ging.

    Von „Eintracht und Versöhnlichkeit“ konnte ebenso wenig die Rede sein wie von einer Entscheidung des Volkes. Hunderttausende versammelten sich vor dem Parlament. Die Rote Garde erschien bewaffnet. Das Hissen der rot-weiß-roten Fahne verhinderten die Kommunisten. Sie rissen den weißen Mittelstreifen heraus und hissten die roten Teile. Ein kommunistischer Parteisekretär verlas einen Aufruf zur Errichtung einer Arbeiter- und Bauernregierung nach sowjetischem Vorbild. Es kam zu Schießereien.

    Der Zerfall des Reiches

    Anfang Oktober hatte sich in Zagreb ein Nationalrat konstituiert, der meinte, die südslawischen Völker zu repräsentieren. Kaiser Karl versuchte den Zerfall des Reiches unter Umgehung der widerspenstigen Ungarn durch die Umwandlung der österreichischen Reichshälfte in einen Staatenbund zu verhindern: „Diese Neugestaltung, durch die die Integrität der Länder der heiligen ungarischen Krone in keiner Weise berührt wird, soll jedem nationalen Einzelstaate seine Selbständigkeit gewähren; sie wird aber auch gemeinsame Interessen wirksam schützen und überall dort zur Geltung bringen, wo die Gemeinsamkeit ein Lebensbedürfnis der einzelnen Staatswesen ist.“

    Es war zu spät. Demonstranten rissen in tschechischen Städten die kaiserlichen Doppeladler von öffentlichen Gebäuden. Auf dem Altstädter Ring in Prag wurde die Mariensäule gestürzt, die tschechischen Nationalisten als Erinnerung an den Sieg der Habsburger über die protestantischen Stände Böhmens galt. In Teilen des auseinanderfallenden Reichs kam es zu Kampfhandlungen und Kriegen.

    Ein präzises Datum für das Ende der Herrschaft Habsburgs lässt sich kaum benennen. Was in Jahrhunderten zusammengewachsen war, zerfiel nun binnen Tagen. „Die ruhmreiche Reihe der Habsburger, die von Jahrhundert zu Jahrhundert sich Reichsapfel und Krone von Hand zu Hand gereicht, sie war zu Ende in dieser Minute“, schrieb der Literat Stefan Zweig über die Exilierung Kaiser Karls 1919. „Die Tschechen, die Polen, die Italiener, die Slowenen hatten ihre Länder weggerissen; was übrig blieb, war ein verstümmelter Rumpf, aus allen Adern blutend.“

    Habsburgs Selbst- und Sendungsbewusstsein

    Hier kam zu einem Ende, was 645 Jahre zuvor begonnen hatte: mit der Wahl Rudolfs von Habsburg zum deutschen König im Jahr 1273. Damals endete „die schreckliche, die kaiserlose Zeit“, wie Friedrich Schiller später dichtete, das Interregnum nach dem Tod des letzten Staufer-Kaisers. Rudolf wurde gewählt, weil er unterschätzt wurde. Der ärmlich gekleidete, ältere Herr, der mit Bauern im Wirtshaus saß, schien den Kurfürsten schwächer als der machtbewusste, prunksüchtige Ottokar von Böhmen. Wie der letzte regierende Habsburger, der selige Kaiser Karl, war auch der erste sparsam, bescheiden und gottesfürchtig, trank sauren Wein und aß billiges Brot. Rudolf jedoch besiegte Ottokar zuerst bei der Wahl, dann auf dem Schlachtfeld, gewann die usurpierten Reichsgüter zurück, schuf eine Hausmacht für seine Söhne und rang die Raubritter nieder.

    Hier zeichnen sich Eigenschaften ab, die nicht alle, aber viele Habsburger bis heute charakterisieren: der bescheidene Lebensstil, ein starkes Familienbewusstsein, die Bereitschaft zum Kampf und zur Übernahme der Verantwortung für das Recht. Und, wie der Historiker Gerhard Herm schrieb: „Die Habsburger waren fast immer davon überzeugt, dass die Zeit für sie arbeiten werde – oder Gott.“ Die Kurfürsten hoben bald andere auf den Thron, doch von 1438 bis 1806 lag die kaiserliche Würde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ohne Unterbrechung bei den Habsburgern.

    Deren Sendungsbewusstsein erklärt sich aus der Idee der „translatio imperii“, der Überzeugung, dass im Heiligen Römischen Reich etwas vom Imperium Romanum und seinem universalen Anspruch fortlebt. Die mittelalterlichen Kaiser sahen sich wie die byzantinischen Kaiser als Erben des ersten christlichen Kaisers, Konstantin. Der vom Papst gekrönte Kaiser empfand sich, wie der österreichisch-jüdische Literat Joseph Roth formulierte, als „weltlicher Bruder des Papstes“. Wie der Papst in geistlicher Hinsicht, so beanspruchte der Kaiser weltlich eine grundsätzlich universale Rolle: als arbiter mundi, der das Recht zu garantieren, den wahren Frieden zu stiften, die Christenheit zu schützen und ihre Feinde zu bekämpfen hatte.

    Kaiser Karl V., in dessen Reich dank der überseeischen Besitzungen Spaniens „die Sonne nicht unterging“, verstand sich so. Als Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit sah er durch Luther die Ordnung schlechthin gestört, die religiöse wie staatliche. 1528 schrieb Karl V.: „Ich schwöre zu Gott und seinem Sohne, dass nichts in der Welt mich so bedrückt wie die Häresie Luthers, und dass ich das Meinige dafür tun werde, dass die Historiker, die von der Entstehung dieser Ketzerei in meinen Tagen erzählen, auch hinzufügen, dass ich alles dagegen unternommen habe. Ja, ich würde in dieser Welt geschmäht und im Jenseits verdammt werden, wenn ich nicht alles täte, die Kirche zu reformieren und die verfluchte Ketzerei zu vernichten.“

    Alles von Gottes Gnade

    Der Kaiser regierte „Dei Gratia“, aus der Gnade Gottes, gemäß der biblischen Maßgabe, die auf der Krone des Heiligen Römischen Reichs zu lesen ist: „Per me reges regnant“. Vollständig lautet das auf Christus hin gedeutete Zitat: „Durch mich regieren die Könige und entscheiden die Machthaber, wie es Recht ist“ (Spr 8,15). Es gab unter den Habsburgern weit- und kurzsichtige, talentierte und unbegabte Herrscher, doch keiner hätte sich – wie Frankreichs Sonnenkönig Louis XIV. – je selbst als Sonne seines Imperiums gesehen. Der Kaiser war nicht Despot, sondern Wahrer eines höheren Rechts, Garant einer vorgefundenen Ordnung, die er weder geschaffen hatte noch nach Belieben ändern durfte.

    Herrschaft war nicht Verdienst, sondern Dienst, nicht Privileg, sondern Verantwortung. Für die Frömmsten und Demütigsten unter den Habsburgern galt sie als Dienst an Gott und an jenen, die Gott dem Herrscher anvertraut hatte. Karl V. formulierte so: „Unsere vornehmste Absicht ist es, unsere gesamte Macht dem Dienst Gottes und des heiligen Apostolischen Glaubens und der christlichen Gemeinschaft zu widmen.“ Der letzte Thronprätendent, Otto von Habsburg, schrieb, Gottesgnadentum bedeute nicht, „dass eine Person oder eine Dynastie von Gott irgendwelche Vorrechte erhalten hätte oder eine besondere Berufung zum Herrschen besäße. Wahres Gottesgnadentum ist die Erkenntnis, dass alle Macht von oben kommt, dass sie daher nicht unbeschränkt sein kann, weil sie sich stets auf die obersten sittlichen Grundsätze, auf das göttliche Naturrecht beziehen muss und diesem unterworfen ist.“ So verstanden sei Gottesgnadentum „die Grundlage der legitimen Macht“ und „der sicherste Schutz jener, die der Macht unterworfen sind“. Als oberster Richter müsse der Herrscher seinem Schöpfer gegenüber Rechenschaft ablegen.

    Die Einheit des Reichs hat ein Gesicht

    Ab 1804 setzte das Kaisertum Österreich (und ab 1867 die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn) fort, was das Heilige Römische Reich bis 1806 weit ins Zeitalter des Nationalismus hinein bewahrte: ein übernationales Bewusstsein, aufgebaut auf einer Staatsidee, sichtbar durch ein Herrscherhaus. Ein österreichischer General meinte einst auf die Frage, was die Monarchie zusammenhalte: „Der Waffenrock des Kaisers.“ Das ist stark verkürzt, enthält aber einen wahren Kern. Wenn Kardinal Joseph Ratzinger einmal anmerkte, ab der Französischen Revolution sei die personale oder „monarchische Einheit durch die nationale ersetzt“ worden, so traf das auf Österreich nicht zu: Es war der Kaiser, der die Einheit des Vielvölkerreichs repräsentierte und personifizierte.

    Damit viele Völker den Kaiser als Vater annehmen konnten, legten die Habsburger auf das Erlernen vieler Sprachen größten Wert. Karl V. meinte: „Ich spreche Spanisch zu Gott, Italienisch zu den Frauen, Französisch zu den Männern und Deutsch mit meinem Pferd.“ Die letzten Habsburger-Herrscher, Franz Joseph und Karl, sprachen neben etlichen westeuropäischen Sprachen auch Tschechisch und Ungarisch. In 14 Sprachen sangen die Nationalitäten Österreichs ihre Volkshymne, die mit der Beschwörung endet „Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint“.

    Die reichische Idee stand im direkten Gegensatz zum Nationalismus. Als Napoleon die Kaiserwürde durch Selbstkrönung usurpierte, sah sich Franz II. gezwungen, das Heilige Römische Reich für erloschen zu erklären. Er fürchtete, dass der Korse nach der Reichskrone greifen würde, und wollte, wie Otto von Habsburg schrieb, der „Schändung der größten Institution des Abendlandes zuvorkommen“. Der 16. Habsburger, der die Reichsinsignien innehatte, dachte dynastisch und übernational. Er liquidierte das Reich in den Napoleonischen Wirren und regierte als Franz I. von nun an das Kaisertum Österreich.

    Der reichische Gedanke ließ es in der Spätzeit der Donaumonarchie Visionären wie Thronfolger Franz Ferdinand und Kaiser Karl logisch erscheinen, das Reich zu dezentralisieren und als Staatenbund weiterzuführen. Insofern sind sie auch Vordenker der europäischen Einigung. Der bayerische Staatsrechtler und Politiker Friedrich August von der Heydte schrieb über die Habsburger: „Ihr Denken und Fühlen war europäisch, der staatstragende Wille ihrer Herrscherpersönlichkeiten ebenso. Ihre Monarchie war mithin eine europäische Idee.“ Tu felix Austria nube!

    Das populärste Zitat des ungarischen Königs Matthias Corvinus lautet: „Bella gerant alii, Tu felix Austria nube – nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus.“ (Andere mögen Kriege führen, Du, glückliches Österreich, heirate! Denn die Reiche, die anderen Mars gibt, gibt dir Venus.) Das suggeriert, die Habsburger seien Kriegen abhold gewesen und hätten ihr Reich durch strategische Heiraten erweitert. Tatsächlich führten sie viele Kriege – gegen Franzosen und Osmanen, Preußen und Protestanten. Und es gab viele echte Liebesheiraten – glückliche wie tragische. Aber es gab auch eine Heiratspolitik, die sich an politischen Interessen, am Erwerb von Gebieten und Rechtsansprüchen, an der Außenpolitik des Reichs und der Sicherung des Besitzstands orientierten. Das Ergebnis dieser europaweiten Heiratspolitik war, dass die Habsburger ein zutiefst europäisches Geschlecht wurden, verwandt mit fast allen Dynastien des Abendlands und beheimatet in vielen Ländern Europas.

    Marianisch geformte Pietas Austriaca

    Frömmigkeit, Freigebigkeit und Milde gehörten als Teil der imitatio Christi zum mittelalterlichen Herrscherideal. Die Clementia Caesaris sei den Herren von Österreich angeboren, hieß es unter Ferdinand III. Als Herrschertugenden galten Gerechtigkeit, Milde, Sieg, Güte, Gleichmut, Stärke, Weisheit, Beständigkeit, Sicherheit, Zuversicht, Vernunft. Die Förderung der Kirchen und Klöster wie auch das Sammeln von Reliquien entsprach im Mittelalter herrscherlichen Normen. Einen eigenen Akzent bekam die „Pietas Austriaca“ durch die Konfessionalisierung des 16. Jahrhunderts und die von den Habsburgern geförderte Gegenreformation im 17. Jahrhundert. Damals sahen die Habsburger sich durch zwei Feinde des Glaubens herausgefordert: durch die muslimischen Türken und die protestantischen Fürsten.

    Zum spezifisch katholischen Glaubenseifer der Habsburger zählte die Verehrung der Eucharistie, des Heiligen Kreuzes und Mariens. Als Rudolf I. zum König gekrönt wurde, verwendete er anstelle des Zepters ein einfaches Holzkreuz. Er soll gesagt haben: „Das ist das Zeichen, das uns und alle Welt erlöst hat.“ Als bei einem Brand der Wiener Hofburg 1668 ein Kreuzespartikel unversehrt blieb, gründete die Witwe Ferdinands III., Eleonore, den Sternkreuzorden, der heute von Gabriela von Habsburg, einer Enkelin des seligen Kaiser Karl, geleitet wird. Die Teilnahme der Kaiser an der Fronleichnamsprozession war Glaubensbekenntnis und Staatsakt in einem. Ferdinand II. schrieb dem Hof die Beteiligung daran vor. Die eucharistische Frömmigkeit war so stark, dass selbst der Aufklärer Joseph II. die Fronleichnamsprozession nicht abschaffte, sondern als erster hinter der Monstranz ging.

    Eine besondere Bindung zu Maria

    Bereits Rudolf I. gründete einen Marienwallfahrtsort im Schwarzwald. Maria fühlten sich die Habsburger stets besonders verbunden – und schrieben viele ihrer Siege dem Beistand der Gottesmutter zu. Karl V. trug ein Bildnis der Gottesmutter auf der Mondsichel auf seiner Rüstung, als er 1547 gegen die protestantischen Reichsstände zu Felde zog. Die Seeschlacht von Lepanto 1571, in der der uneheliche Sohn Karls V., Don Juan de Austria, die osmanische Flotte besiegte, inspirierte Papst Pius V., das Rosenkranzgebet zu forcieren und das Fest Maria Victoria einzuführen. Nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620 wurde das Bildnis des hussitischen Königs an der Prager Teynkirche durch die Madonna mit dem Sternenkranz ersetzt. Nicht zu vergessen ist der Sieg der vereinten christlichen Truppen Österreichs, Polens, Bayerns und Sachsens bei der zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683.

    Er habe sein Reich „von der Himmelskaiserin zu Lehen“ erhalten, sagte Kaiser Leopold I. Ferdinand II. bezeichnete Maria als „Generalissima“, Ferdinand III. stellte „das gantze Land unter den schutz, schirm undt patrocinium glorwürdigster Jungfrauen Mariae“. Als Zentralort habsburgischer Marienverehrung löste Mariazell Altötting ab. Kaiser Leopold pilgerte siebenmal nach Mariazell und erklärte: „Ich will die allerheiligste Jungfrau Maria im Kriege zu meiner Befehlshaberin und bei Friedenstraktaten zur Bevollmächtigten machen.“ Der steirische Gnadenort war und ist so übernational wie das Haus Habsburg: Die Gnadenmutter von Mariazell wird nicht nur als Magna Mater Austriae angerufen, sondern auch als Magna Domina Hungarorum und Magna Mater Gentium Slavorum. Lange vor der Dogmatisierung 1854 förderten die Habsburger die Verehrung der Unbefleckten Empfängnis: 1647 weihte Ferdinand III. seine Länder der Immaculata. Leopold I. erneuerte die Weihe 1667. „Jesus und Maria!“ wurde zum Schlachtruf gegen Türken und Protestanten. Das Bild Mariens schmückte die Kriegsfahnen der kaiserlichen Heere.

    Seit Kaiser Maximilian ist der Familienchef zugleich Souverän des Ordens vom Goldenen Vlies, den Herzog Philipp von Burgund 1430 „zur Verteidigung der Kirche, die das Haus Gottes ist“ gegründet hat. Fromm und emanzipiert war Maria Theresia, die mit Recht als Kaiserin bezeichnet wird, auch wenn tatsächlich ihr Gatte, Franz I. Stephan von Lothringen, der Kaiser war. Doch er kümmerte sich – überaus erfolgreich – um die Finanzen der Familie und des Staates, um die Jagd und um schöne Frauen, während Maria Theresia ihm 16 Kinder gebar und mit starker Hand die Regierungsgeschäfte führte. Sie beanspruchte die Aufsicht über die Priesterseminare und die Bestellung von Bischöfen, verbot die Visitation der Diözesen durch Rom und der Klöster durch ausländische Ordensobere. Ihr Sohn und Nachfolger Joseph II. versuchte, die Kirche nach aufklärerischen Regeln zu reformieren: So förderte er Pfarrgründungen, hob aber Klöster auf, welche weder der Seelsorge noch der Bildung dienten. Bischöfliche Hirtenbriefe und päpstliche Lehrschreiben durften erst nach kaiserlicher Durchsicht verbreitet und verlesen werden.

    Vielfach waren Geistliche maßgeblich in der Erziehung künftiger Herrscher tätig, so der spätere Wiener Erzbischof Joseph Othmar Rauscher als Religions- und Geschichts-Lehrer des späteren Kaiser Franz Joseph. So demonstrativ die kaiserliche Familie katholisch war, verstanden sich die Habsburger doch zunehmend als Beschützer religiöser Minderheiten, etwa der Juden und der unierten Katholiken in Galizien. In der k.u.k.-Armee Franz Josephs gab es Heeresrabbiner, Heeresimame und protestantische Militärgeistliche. Das erste Islamgesetz Europas von 1912 trägt die Unterschrift Franz Josephs und sollte den Muslimen Bosniens Rechtssicherheit und Religionsfreiheit gewähren. Finis Austriae?

    Musste das Habsburgerreich untergehen? 

    Musste das Habsburgerreich untergehen? Tatsächlich waren viele Reformen eingeleitet. Thronfolger Franz Ferdinand und Kaiser Karl waren Modernisierer mit einer Zukunftsvision für Österreich. Der eine jedoch gelangte nie, der andere zu spät an die Macht. Der Erste Weltkrieg war eine Folge von Taten und Unterlassungen, Irrwegen und Irrlehren, Fehl- einschätzungen und Fehlentscheidungen. Er besiegelte das Ende der Herrschaft Habsburgs.

    Der Historiker Pieter M. Judson hat der weit verbreiteten These vom anachronistischen Vielvölkerstaat widersprochen: „Regionale, sprachliche, religiöse oder ethnische Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen, also das, was man um 1900 oft global als ‚nationale Differenzen‘ bezeichnet hat, bestimmten keinesfalls entscheidend die Politik der Habsburger in Mitteleuropa, und sie führten keineswegs dazu, dass die Geschichte des Reiches eine unausweichliche – tragische – Entwicklung nahm.“ Zu allen Zeiten hätten die Habsburger an gemeinsamen Anliegen geschmiedet. „Sie taten das auf eine bemerkenswert kreative und flexible Weise, auch im Sinne von Kompromissbereitschaft, während sie auf rhetorischer Ebene immer wieder ihre ungebrochene und unverminderte Herrschermacht betonten“, so Judson. Die Lehren aus den Tugenden wie aus der Tragik seines Hauses übersetzte der Sohn und Erbe des seligen Kaiser Karl, Otto von Habsburg, Jahrzehnte später in eine moderne Vision für Europa.

    Von Stephan Baier

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