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    Die Frauke von der letzten Bank

    Seit dem Austritt von Frauke Petry aus der AfD versucht sie sich an einem Comeback – Ein Ortsbesuch. Von Sebastian Sasse

    Im Bundestag sitzt sie ganz hinten: Doch Frauke Petry will sich nicht geschlagen geben. Foto: dpa

    Sie hält noch Reden, aber keiner klatscht mehr. Frauke Petry sitzt im Bundestag in der letzten Reihe. Das war ganz anders, als sie in das Parlament eingezogen ist. Da stand sie im Blitzlichtgewitter. Eine neue Partei im Bundestag, zudem eine rechte, das war die Sensation. Kurz danach gab es dann noch einmal einen Knalleffekt: Petry erklärte überraschend ihren Austritt aus der AfD. Ihr Image als Hoffnungsträgerin hat sie aber für viele Konservative zunächst behalten. Denn sie kündigte an, eine neue Partei zu gründen – und diese neue Kraft sollte sich vom Radikalismus abgrenzen, kein nationaler Sozialismus a la Höcke, keine völkische Ideologie, eher schon eine Art bundesweiter CSU. Und überhaupt Partei: Von einer „Bewegung“ sprach Petry nun – Emmanuel Macron war gerade zum neuen europäischen Polit-Star aufgestiegen. Hatte der nicht auch eine eigene Bewegung jenseits der üblichen Parteistrukturen gegründet und es mit „En marche“ bis in den Élysée-Palast geschafft? Wenn Frauke Petry schon etwas Neues macht, dann baut sie dabei, quasi nebenbei, auch noch das Parteiensystem um. Das Selbstbewusstsein und der Optimismus schienen grenzenlos zu sein.

    Und heute? Petry sitzt an einem Donnerstagabend in einem Saal der Burg Hohnstein, eine Bürgerversammlung der „blauen Wende“, ihrem neuen Projekt. Es gibt zwar dazugehörig auch eine blaue Partei, aber Petry sieht die Blauen eher als Forum. Man muss nicht Mitglied sein, um mitmachen zu können. Zehn Besucher sind gekommen, eine Frau, zwei jüngere Männer, sonst nur Rentner. Sie führen das Wort. Zwischendurch gibt es Mineralwasser aus Plastikbechern. Schwer zu sagen, ob Petry sich vor eineinhalb Jahren ihre Zukunft in der Politik so vorgestellt hat. Schließlich war sie den großen Bahnhof gewohnt. Mittlerweile ist sie eine Kandidatin für die Rubrik „Was macht eigentlich ...“ geworden – zumindest für den Rest der Republik. Aber hier in ihrem Wahlkreis in Sachsen – sie ist mit beachtlichen rund 37 Prozent direkt in den Bundestag gewählt worden –, stellt sie immer noch eine öffentliche Größe dar. Wenn offenbar auch Zweifel bestehen, wie groß ihre politische Wirkungskraft tatsächlich heute noch ist und was sie effektiv erreichen kann.

    Herr Fischer meldet sich. Der Ort des Treffens, die Burg, ist in gewisser Weise symptomatisch für ganz Hohnstein: Ein Platz mit Geschichte, müsste aber insgesamt etwas aufgehübscht werden, damit sich überhaupt jemand dafür interessiert. Tourismus ist in der Sächsischen Schweiz ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Eine Burg könnte Urlauber anziehen, wenn sie denn in einem anderen Zustand wäre. Renovierung kostet Geld. Gut wären öffentliche Mittel. Wie kommt man an die? Am besten über gut vernetzte Abgeordnete.

    Freund/Feind-Denken ärgert sie

    „Ich habe sie letztens reden gesehen. Ich schaue immer die Bundestagsdebatten bei Phönix“, sagt Fischer. „Hört Ihnen da überhaupt jemand zu?“ Wäre es nicht doch besser gewesen, in der AfD zu bleiben. Dann hätte sie jetzt wenigstens eine Fraktion im Rücken. Genau der richtige Aufschlag für Petry. Jetzt kann sie ihr blaues Projekt erklären und gleichzeitig zur Kritik am existierenden Parteiensystem ausholen. Ja, in der Tat, es sei frustrierend, wenn sie nach ihren Reden von Abgeordneten aus anderen Fraktionen, freilich nur hinter vorgehaltener Hand höre, manches sei gar nicht so schlecht gewesen, aber man traue sich eben nicht zu klatschen.

    Sie erzählt, dass ganz genau von den Fraktionsführungen beobachtet werde, mit wem sie sich in den Parlamentsfluren unterhalte. Zumindest bei der Union oder der FDP, schließlich wolle niemand plötzlich einen Überläufer in den eigenen Reihen haben. Doch die Gefahr, so Petry, bestehe gar nicht. Viel zu groß sei die Angst, nach so einem Übertritt als „Verräter“ abgestempelt zu werden und im eigenen sozialen Milieu für immer geächtet zu sein. Diesem Freund/Feind-Denken stellt sie ihr Konzept der „blauen Wende“ gegenüber: „Eine wirkliche Konkurrenz zu den Parteien entsteht nur durch Nicht-Parteien. Wer sich dort engagiert, geht keine Verbindung für ein Leben ein. Er kann auch wieder gehen, ohne dass er als Verräter gilt.“ Mit solchen Ideen habe sie sich damals auch an der Gründung der AfD beteiligt. Ihre Hoffnung auch schon damals: eine Partei, die keine Partei sein will. Doch zum Schluss sei es dort auch nur um persönliche Pfründe gegangen. Auch deswegen der Bruch.

    Ihr Großvater habe sie immer vor Parteien gewarnt, seufzt Petry. Vor dem Abendtermin in Hohnstein hat sie Station in ihrem Wahlkreisbüro in Pirna gemacht. Ihr Ehemann Markus Pretzell, ebenfalls Ex-AfD und nun für die Blauen Mitglied im Düsseldorfer Landtag und im Europaparlament, hat in einem Interview mit der „Bunten“ einmal bekannt, seine Frau habe etwas „dämonenhaft Schönes“.

    Ob es ein verunglückter PR-Gag war oder ein originelles Liebesbekenntnis, wenn man Petry jedenfalls hier in ihrem Wahlkreisbüro beobachtet, wie sie zwischen zwei Terminen herumwirbelt, stellt sich ein ganz anderer Eindruck ein: Patent wirkt sie, wie sie sich ein Käsebrot macht, Kaffee kocht. Man denkt an den alten Werbespot von der Familienmanagerin. Das passt zu Petry. Sie hat fünf Kinder, vier aus der Ehe mit ihrem ersten Mann, dem evangelischen Pfarrer Sven Petry, einen Sohn mit Pretzell. Und das nächste Kind ist unterwegs, es wird im Juni erwartet. Wenn Petry spricht, streichelt sie zwischendurch immer wieder zärtlich über ihren Bauch. Familie ist ihr wichtig. Auch politisch: Die Blauen treten für die traditionelle Ehe von Mann und Frau ein, lehnen die „Ehe für alle“ ab und bekennen sich auch klar zum Lebensschutz.

    In der Familie liegt aber auch der tiefere Grund, warum sich Petry politisch engagiert: Aufgewachsen ist die 43-Jährige in der letzten Phase der DDR. Ihr war immer klar: Ihre Eltern sind dagegen, gegen dieses Regime. „Bei uns wurde immer frei und kontrovers diskutiert“, sagt sie heute. Und genau dieser Devise folge sie eben immer noch. Solche freien Debatten fehlen ihr heute in der Politik. Sie schätzt die Nonkonformisten in allen Parteien: „Wolfgang Bosbach müsste eigentlich die CDU verlassen, Sarah Wagenknecht die Linken oder Boris Palmer die Grünen. Sie sind für ihre Parteien wie ein Feigenblatt.“ Klar, dabei schwingt natürlich mit, am besten wäre, wenn sie zu uns kommen würden. Also betont sie noch: „Wir brauchen mehr unabhängige Geister, mehr Experten in der Politik.“ Denn: „Bessere Politik erfordert besseres Personal. Die Bürger geben sich teilweise schon mit sehr wenig zufrieden, weil ihnen nichts Besseres geboten wird.“ Hier zeigt sich ein zweiter Faktor, der Petry umtreibt; auch er stammt aus der Familie: Leistungswille. Kurz vor der Wende ist sie mit ihrer Familie in den Westen umgesiedelt. Auch weil die Eltern attraktiv fanden, sich hier beruflich besser entwickeln zu können. Und so war es dann auch bei Frauke Petry selbst: Sie hatte Leistungswille und wollte ihn umsetzen. Petry ist und war unternehmungslustig: Ob als Schülerin, Chemie-Studentin oder später tatsächlich als Unternehmerin. Man kann es auch so sagen: Frauke Petry ist es gewohnt, dass sie in der ersten Reihe sitzt – und dass ihre Stimme gehört wird. Wenn ihre Argumente aus sachlichen Gründen ablehnt würden, könnte sie damit leben. Aber nur aus Konformitätsdruck? Das versteht sie nicht. Das widerspricht ihrem bürgerlichen Leistungsethos. Deswegen gibt sie auch von der letzten Reihe aus nicht auf.

    Sie ist vom bürgerlichen Leistungsethos getrieben

    Und natürlich hängt die AfD-Vergangenheit an ihr und, ob sie will oder nicht, holt sie sie ein. Am Dienstag kündigte das Landgericht Dresden an, dass der sogenannte Meineid-Prozess gegen sie noch bis zum 1. April andauern werde. Ihr wird vorgeworfen, in der Sitzung des Wahlprüfungsausschusses des Sächsischen Landtages im November 2015 falsch ausgesagt und ihre Angaben beeidet zu haben. Damals ging es um ein Darlehen, dass AfD-Kandidaten ihrer Partei für die Landtagswahl 2014 gewähren wollten. Petry hat bereits ihren Irrtum eingeräumt und versichert, sie habe nicht mit Vorsatz gehandelt. Nun sieht es so aus, dass der Prozess auf eine Verurteilung wegen fahrlässiger Falschaussage hinauslaufen wird. Gute Schlagzeilen gibt das nicht.

    Zurück nach Hohnstein: Wenn Petrys „blaue Partei“ eine Chance hat, dann in den Kommunen. Hier zählt weniger die Parteibindung für die Wähler, sondern die Kompetenz der Bewerber. Wenn es den Blauen zudem gelingt, mit schon bestehenden freien Wählerinitiativen dauerhafte Kooperationen einzugehen, könnte dies ihre Existenz vorerst sichern. Kein Wunder also, dass Frauke Petry bei Bürgerversammlungen volle Energie gibt und geduldig Frage um Frage beantwortet – auch hier beweist sich der bürgerliche Leistungswille.

    Die vorerst wichtigste Zwischenetappe für ihre Partei werden die Landtagswahlen in Sachsen sein. Gelingt es den Blauen in ihrer Hochburg nicht, in das Länderparlament einzuziehen, wird es schwierig werden. Bis dahin dauert es noch etwas. Und in Hohnstein wird für Petry auch geklatscht.

    Bearbeitet von Sebastian Sasse

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