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    Der IS ändert seine Strategie

    Die Anschläge von Paris sind im Nahen Osten – jeweils entlang der politischen Interessenslage – rege kommentiert worden. Syriens Präsident Baschar Al Assad machte den Westen am Wochenende für die Attacken mitverantwortlich. „Die fehlgeleitete Politik der westlichen Staaten, vor allem Frankreichs, hat zur Expansion des Terrorismus beigetragen“, kommentierte Assad die Anschläge und meinte dabei die gegen ihn und sein Regime gerichtete Politik Frankreichs. Die Terrorangriffe vom Freitag seien untrennbar damit verbunden, was seit fünf Jahren in Syrien passiere, so Assad. Sein Land erlebe täglich, was jetzt in Paris geschehen sei. Das ägyptische Kabinett in Kairo wiederum setzte die terroristische Bedrohung Frankreichs mit der Ägyptens gleich und rief zur Einheit bei der Bekämpfung des Gegners auf. Auch Israels Premier Benjamin Netanjahu verglich den Terror von Paris mit dem, dem die Israelis täglich ausgesetzt seien. Beide, Israel wie der Westen, müssten deshalb zusammenstehen. Einen nachdenklichen Ton stimmte Jordaniens König Abdullah II. an. Er sprach am Sonntag bei der Eröffnung des Parlaments in Amman ebenfalls davon, dass der Kampf gegen den Terrorismus eine internationale Aufgabe sei. „In ihrem Kern ist diese gemeinsame Verantwortung aber unser Kampf als Moslems gegen die, die darauf abzielen, unsere Gesellschaften und künftigen Generationen hin zu Fanatismus und Extremismus zu treiben“, so der Monarch.

    Paris wurde vom Touristenmagnet zum Ziel terroristischer Attacken. Die Anschläge von Paris markieren einen Strategiewech... Foto: dpa

    Die Anschläge von Paris sind im Nahen Osten – jeweils entlang der politischen Interessenslage – rege kommentiert worden. Syriens Präsident Baschar Al Assad machte den Westen am Wochenende für die Attacken mitverantwortlich. „Die fehlgeleitete Politik der westlichen Staaten, vor allem Frankreichs, hat zur Expansion des Terrorismus beigetragen“, kommentierte Assad die Anschläge und meinte dabei die gegen ihn und sein Regime gerichtete Politik Frankreichs. Die Terrorangriffe vom Freitag seien untrennbar damit verbunden, was seit fünf Jahren in Syrien passiere, so Assad. Sein Land erlebe täglich, was jetzt in Paris geschehen sei. Das ägyptische Kabinett in Kairo wiederum setzte die terroristische Bedrohung Frankreichs mit der Ägyptens gleich und rief zur Einheit bei der Bekämpfung des Gegners auf. Auch Israels Premier Benjamin Netanjahu verglich den Terror von Paris mit dem, dem die Israelis täglich ausgesetzt seien. Beide, Israel wie der Westen, müssten deshalb zusammenstehen. Einen nachdenklichen Ton stimmte Jordaniens König Abdullah II. an. Er sprach am Sonntag bei der Eröffnung des Parlaments in Amman ebenfalls davon, dass der Kampf gegen den Terrorismus eine internationale Aufgabe sei. „In ihrem Kern ist diese gemeinsame Verantwortung aber unser Kampf als Moslems gegen die, die darauf abzielen, unsere Gesellschaften und künftigen Generationen hin zu Fanatismus und Extremismus zu treiben“, so der Monarch.

    Auch aus christlichen Kreisen im Nahen Osten wurden die Anschläge verurteilt. Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal, und die Bischöfe des Heiligen Landes verurteilten die IS-Anschläge von Beirut und Paris in einem Atemzug und mit ihnen die Kultur des Todes, die unschuldige Seelen töte sowie göttlichem und menschlichem Recht entgegenstehe. „Die Zeit ist gekommen“, so die Bischöfe, „dass die Welt vereint gegen den Terrorismus vorgeht.“ Es müssten auch die Gründe für den Terror angegangen werden wie Unterdrückung, Hass, schlechte Ausbildung und Fanatismus, erklärten die Bischöfe. Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, meinte im Libanon, der UN-Sicherheitsrat, die Arabische Liga und die Organisation für Islamische Zusammenarbeit müssten „ihre Verantwortung im Kampf gegen Terrorismus“ wahrnehmen. „Wenn es keine politischen Lösungen für die Konflikte in Palästina, Syrien, Irak und Jemen gibt“, so der Kardinal, „wird die ganze Welt zum Tummelplatz für Terroristen“.

    Mit der konzertierten Kommandoaktion im Herzen von Paris hat der „Islamische Staat“ zweifellos einen geografischen Strategiewechsel vollzogen. Nach dem Terroranschlag auf ein russisches Passagierflugzeug wurde noch gemutmaßt, ob es sich dabei nicht um eine eigenmächtige Aktion des IS-Ablegers auf dem Sinai handeln könnte. Beobachter fragten sich, ob es tatsächlich im Interesse der IS-Führung liegen konnte, Russland durch einen derart verlustreichen Anschlag stärker gegen sich aufzubringen. Denn die russische Militärintervention in Syrien nahm seit Ende September überwiegend die Anti-Assad-Rebellen ins Visier, nicht den IS. Ziel des russischen Einsatzes scheint es in erster Line zu sein, das Assad-Regime zu stützen. IS-Ziele wurden hingegen nur in verhältnismäßiger kleiner Zahl angegriffen. Doch mit den Pariser Anschlägen sind keine Zweifel mehr möglich, dass der IS seine Strategie geändert hat und den Dschihad nun auch weltweit führen will, nicht nur regional.

    Zunächst hatte dies für die Terrorgruppe keine Priorität. Damit unterschied sich der IS von Al Kaida. Letztere Organisation konzentrierte sich vor allem auf den Kampf gegen den „fernen Feind“, wie es im dschihadistischen Jargon heißt, also westliche Mächte, allen voran die USA. Über diesen Umweg wollte man westliches Eingreifen in der arabisch-islamischen Region provozieren, durch das dann die verhassten Regime einschließlich des Hauses Saud erst destabilisiert und schließlich beseitigt werden sollten. Der IS hingegen sah seine Priorität im Kampf gegen den „nahen Feind“, das heißt die als gottlos gebrandmarkten Regime der arabischen Welt, besonders die schiitischen beziehungsweise zum schiitischen Halbmond zählenden Regime im Irak und in Syrien. Mit der Ausrufung des Kalifats in Syrien und dem Irak im Juni letzten Jahres hatte das islamische Staatsbildungsprojekt der Terrormiliz zunächst Vorrang vor globalen Ambitionen. Terror-Experten glaubten, dass der IS zwar Einzeltäter-Attacken im Wesen inspirieren könnte. Dass es aber selbst einen Guerilla-Krieg in westliche Hauptstädte tragen würde galt, so die Arbeitsannahme westlicher Sicherheitsdienste, eher als unwahrscheinlich. Das hat sich mit Paris schlagartig geändert.

    Beobachter meinen, dass den IS bei seinem Umschwung zwei Motive leiten. Zum Einen soll gezeigt werden, wie schlagkräftig die Gruppe bis hinein in europäische Hauptstädte ist, und dass sie damit fähig ist, den Westen für sein Anti-IS-Engagement in Syrien und im Irak zuhause zu „bestrafen“. Das militärische Eingreifen Frankreichs hatte der IS ja in seinem Bekennerschreiben ausdrücklich als den Hauptgrund für den „gesegneten Angriff“ in der „Hauptstadt des Lasters“ benannt. Die IS-Führung könnte damit zudem versuchen wollen, diejenigen Kreise in Europa zu stärken, die für eine anti-interventionistische Haltung plädieren und westliches Eingreifen im Nahen Osten insgesamt ablehnen.

    Entscheidend für das Kalkül des IS dürften neben Bestrafung und Abschreckung westlicher Intervention aber auch ideologische Motive sein. Der Dschihad gegen die „Nation des Kreuzes“ und die „Kreuzfahrerstaaten“ gehört zum ideologischen Standardrepertoire des IS. In seiner Apokalyptik spielt die endzeitliche Schlacht zwischen dem Islam und den Gottlosen eine entscheidende Rolle. Die IS-Führung muss deshalb eine eher realpolitische, auf Konsolidierung ihrer eroberten Gebiete ausgerichtete Strategie immer mit diesem apokalyptisch-expansiven Moment versöhnen, will sie die dschihadistische Internationale weiterhin anführen.

    Dieser nicht widerspruchsfreie Balance-Akt könnte durch die Einschätzung des IS gelingen, dass die Anschläge von Paris möglicherweise eine quantitativ, aber keine qualitativ andere Reaktion des Westens provozieren würden. Eine Vermehrung westlicher Luftschläge wie nun durch Frankreich und Kommandoaktionen treffen den IS natürlich. Das haben jetzt die schon vor dem Pariser Anschlag geplanten US-Aktionen gegen den libyschen IS-Führer und den durch Enthauptungsvideos bekannt gewordenen Terroristen „Jihadi John“ in Syrien gezeigt. Aber Bodentruppen allein würden das Kalifat existenziell bedrohen. Und dazu sind derzeit wohl weder Franzosen noch Amerikaner bereit. US-Präsident Obama, derzeit beim G-20-Gipfel in der Türkei, hat über Berater schon ausrichten lassen, dass sich auch nach Paris an der Strategie der USA nichts ändern werde. „Wir glauben nicht, dass US-Truppen die Antwort auf das Problem sind“, so Ben Rhodes, Sicherheitsberater Obamas. Das heißt: Mehr Luftschläge und Kommandoaktionen mit Spezialeinheiten ja, US-Bodentruppen nein.