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    Christen in der Türkei: Von Erdogans Gnaden

    „Historisch“ in der fast hundertjährigen Geschichte der Türkei ist die Genehmigung für den Neubau einer christlichen Kirche. Von Stephan Baier

    Mit dem Prädikat „historisch“ sollte man sparsam umgehen. Hier aber ist es angebracht: Zum ersten Mal in der fast hundertjährigen Geschichte der Türkischen Republik haben die Behörden die Genehmigung für den Neubau einer christlichen Kirche erteilt. Bevor Erdogans AKP an die Regierung kam, wäre solches nicht einmal theoretisch möglich gewesen, denn das Baugesetz sah zwar Moscheen vor, aber keine Kirchen. Jede noch so kleine Renovierung, selbst notwendige technische Erneuerungen bedurften eines hürdenreichen Spießrutenlaufs durch viele Ämter. Heute renoviert der türkische Staat hunderte Kirche der Armenier und der orthodoxen Griechen, ebenso die bulgarisch-orthodoxe Stephanskirche und die jüdische Synagoge von Edirne.

    Der Neubau einer Kirche in der Türkei ist aber auch heute noch eine Sensation, die seit 1923 ohne Beispiel ist. Zwar wurde 2004 – Recep Tayyip Erdogan war damals Ministerpräsident – in Antalya ein „Garten der Toleranz“ eröffnet, in dem sich neben einer Moschee auch eine Synagoge und eine Kirche befinden. Doch dabei handelt es sich um ein touristisches Projekt. Die Kirche, für die die Behörden jetzt grünes Licht gegeben haben, ist für eine der traditionsreichsten christlichen Gemeinschaften des Landes bestimmt, für die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die auf die erste christliche Gemeinde in Antiochia zurückreicht.

    Ortstermin im Istanbuler Stadtteil Beyoglu: Kaum hat sich der Taxifahrer von der mehrspurigen Tarlabaºi Cadessi ins Gewirr der kleinen Gassen begeben, wird es mühevoll. Kaum einer scheint zu wissen, wo die „Syriani“ ihren Sitz haben. Kurz bevor der Fahrer schimpfend aufgeben will, schiebt jemand eine schadhafte Wellblechwand zur Seite – dahinter erstrahlt blitzblank der prächtige Sitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten für Istanbul und Ankara, Patriarchalvikar Filüksinos Yusuf Çetin.

    „Wir erreichten das durch Dialog, denn wir haben sehr gute Beziehungen zur Regierung“, schmunzelt der Metropolit auf die Frage nach dem Wunder einer Baugenehmigung im „Tagespost“-Exklusivinterview nicht ohne Stolz. An seiner Loyalität lässt er keinen Zweifel aufkommen: „Wir haben in der Türkei einen guten Namen. Jeder weiß, dass wir die Türkei lieben.“ Die Aramäer, zu denen die syrisch-orthodoxen Christen zählen, siedeln seit 5 500 Jahren in Anatolien. Sie sind stolz darauf, die Sprache Abrahams und Jesu zu sprechen.

    Bis 1950 lebte die große Mehrheit der syrisch-orthodoxen Christen im Südosten der Türkei, wo sie viele traditionsreiche Kirchen und Klöster besitzen. Unter den tristen Umständen jener Zeit emigrierte die Mehrheit ins Ausland. Tausende gingen nach Istanbul, wo sie heute – nach den Armeniern – die zweitgrößte christliche Gemeinschaft bilden. Während andere Konfessionen am Bosporus noch aus osmanischer Zeit viele Kirchen halten, aber einem existenzgefährdenden Schrumpfungsprozess ausgesetzt sind, haben die „Syriani“ bislang nur eine Kirche in Istanbul. Obwohl sie 17 000, nach anderen Angaben sogar 20 000 Gläubige in Istanbul zählen. Bis heute genießen sie die Gastfreundschaft anderer Konfessionen: „Wir haben jeden Tag Heilige Messe in der Kirche einer anderen Konfession“, freut sich Metropolit Çetin. „Wir haben viele Gläubige, sie haben viele Kirchen – das ist eine win-win-Situation.“

    Çetin greift zu einem Silberteller, der auf seinem massiven Schreibtisch steht. Eine Erinnerung an seinen Besuch beim damaligen Ministerpräsident Erdogan in Ankara. Erdogans Unterschrift ist eingraviert. „Ich erklärte ihm, dass wir in Istanbul eine zweite, größere Kirche brauchen. Und er versprach, den Bürgermeister von Istanbul zu beauftragen, einen Platz dafür zu finden.“ Çetin wiederholt: „Wir Syriani haben gute Beziehungen zur Regierung, denn wir haben kein anderes Heimatland. Das ist unsere Heimat!“ Die Zeit der AKP-Regierung seit 2002 sei für die Christen „die beste Zeit in der Geschichte der türkischen Republik“. Jetzt, da die Baugenehmigung erteilt wurde, habe er den heutigen Präsidenten Erdogan aufgesucht, um sich zu bedanken. Auch dafür, dass die Regierung einen Kindergarten, eine Grundschule und eine höhere Schule für die Syrisch-Orthodoxen billigte.

    Nach einem Bauplatz suchte man gezielt im Stadtteil Yeºilköy. Vor der Bevölkerungsexplosion Istanbuls, die aus der einstigen Hauptstadt des oströmischen und später des osmanischen Reichs eine Megacity mit rund 20 Millionen Einwohnern machte, war Yeºilköy („Grünes Dorf“) ein hübscher kleiner Kurort, weithin bekannt als San Stefano. Heute ist es ein hochpreisiges Nobelviertel von Istanbul. Griechen, Armenier und „Lateiner“, wie man die Katholiken des lateinischen Ritus im Orient nennt, haben hier ihre Kirchen, die alle dem Erzmärtyrer gewidmet sind. Hier lebt auch ein Großteil der syrisch-orthodoxen Gemeinde, darum suchte man hier, südlich des Atatürk-Flughafens, nach einem gut erreichbaren Grundstück. Die guten ökumenischen Beziehungen schienen das zunächst zu erleichtern: Der italienische Kapuziner, der die lateinische „Aziz Istefanos“-Kirche leitete, bot einen früheren katholischen Friedhof an. „Warum wollt Ihr nicht hier Eure Kirche bauen? Seit Jahrzehnten wurde hier niemand mehr begraben“, habe er gesagt, erinnert sich Sait Susin, der Präsident der syrisch-orthodoxen Kirchenstiftung, im Gespräch mit dieser Zeitung. Mit diesem Kapuziner habe man schnell eine Übereinkunft gefunden, und auch Spenden für seine Kirche gegeben. „Dann aber stellte sich heraus, dass das Gelände der Stadt gehört, und nicht den Kapuzinern“, sagt Susin. Drei Jahre habe man gebraucht, um von der Stadt, vom Denkmalamt und anderen Behörden alle nötigen Genehmigungen zu sammeln.

    Zwischenzeitlich jedoch wechselten die Kapuziner den Ortspfarrer aus, und der Neue habe darauf bestanden, zunächst die Rechtsverhältnisse vor Gericht zu klären. Zwar sei auch er zu einem Abkommen mit den Syriani bereit gewesen, doch wollte er vor Gericht zuerst das Eigentum an dem Friedhof zugesprochen bekommen. „Aber das hätte 20 Jahre dauern können!“, ereifert sich Susin. Also spielten die Spitzen der syrisch-orthodoxen Kirche auf dem Klavier der ganz großen Kirchenpolitik: Metropolit Çetin und Präsident Susin intervenierten beim Apostolischen Nuntius, bei den Kapuzinern in Bologna und Rom, ja sogar im Vatikan. „Ich ging zu Patriarch Bartholomaios, um ihn zu bitten, an den Papst zu schreiben“, erzählt Çetin freimütig. Auch sein Patriarch in Damaskus habe an Papst Franziskus geschrieben. Jetzt sei das Problem gelöst: Der Kapuziner betreibe sein zeit- und geldaufwändiges Restitutionsverfahren bei Gericht, aber man habe von kirchlicher wie von städtischer Seite eine Genehmigung, mit dem Bau zu beginnen.

    Schauplatzwechsel: Die katholische Stephans-Kirche von Yeºilköy ist weithin sichtbar. Der aus Polen stammende Kapuzinerpater Pawel Szymala ist ein freundlicher, auskunftsfreudiger Mann. „Komisch, etliche türkische und ausländische Medien haben über diesen Kirchenbau geschrieben, aber bei mir hat bisher keiner nachgefragt“, meint er am Ende unseres mehrstündigen Gesprächs. Die Beziehungen zwischen den Konfessionen in der Türkei beschreibt er als gut – aber auch orientalisch. „Wenn eine Konfession stärker wird, dann gibt es Kämpfe“, schmunzelt der Pole, der seit elf Jahren in der Türkei wirkt und die Landessprache beherrscht.

    Die „mächtigen Geschäftsleute“ der Syriani hätten den Bürgermeister dafür gewonnen, auf dem einstigen katholischen Friedhof zu bauen. Und ja, sein Vorgänger habe zugestimmt, jedoch eigenmächtig und ohne jede Rücksprache mit den Verantwortlichen im Orden. Aus dem Vatikan sei er angefragt worden, warum er den Kirchenbau blockiere, dabei wünsche er nichts anderes als ein rechtlich geordnetes Verfahren. Das sehe so aus: Zunächst müsse geklärt werden, ob der Grund den Kapuzinern gehöre oder der Stadt. Dann könne gebaut werden. „Wenn ich eine Genehmigung erteile, und dann stellt sich heraus, dass das Gelände der Stadt gehört, dann gehe doch ich ins Gefängnis!“, fürchtet Pater Pawel. Seine europäische Logik hielt der türkischen Wirklichkeit nicht stand – und auch nicht der vatikanischen: Mit den Arbeiten wurde bereits begonnen.

    Wir stapfen durch den Schlamm des umgegrabenen vorderen Teils des insgesamt 2 732 Quadratmeter großen Geländes. Hier standen keine Grabsteine, doch wurden einige Gebeine gefunden, die er im hinteren Teil des Friedhofs, gleich neben der Ruine einer alten Kapelle neu beisetzen ließ, erzählt der Kapuziner. Die angrenzenden Friedhöfe der Griechen und der Armenier hatte die Stadt vor Jahrzehnten konfisziert. Nur der katholische Friedhof blieb erhalten. Die Grabstätte des berühmten italienischen Künstlers Amedeo Preziosi, der 1882 in San Stefano starb, und etlicher anderer Italiener zu schleifen, hätte diplomatische Probleme gebracht. In erster Instanz hat Pater Pawel sein Restitutionsverfahren bereits gewonnen, jetzt geht es vor das Höchstgericht. In zwei Jahren könne die syrisch-orthodoxe Kirche hier stehen, sagt er ganz zufrieden. Diese Einschätzung teilen auch Metropolit Çetin und Sait Susin.

    Ob der Streit über das Vorgehen das ökumenische Klima eingetrübt habe? Pater Pawel Szymala präsentiert seine Kirche: Dreimal in der Woche feiere die syrisch-orthodoxe Gemeinde hier ihre Liturgie. Auch jetzt noch. Er sei dafür gerne Gastgeber. Sollte das Höchstgericht feststellen, dass die Kapuziner rechtmäßige Eigentümer des Friedhofs sind, und daran zweifelt der Pater nicht, dann werde er den Syriani keine Probleme machen. Die haben ihrerseits zugesagt, seine alte Friedhofskapelle zu restaurieren. Hier feiert Pater Pawel am Allerseelentag jeden Jahres ein Totengedenken. Schon bald in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer äußerst lebendigen syrisch-orthodoxen Gemeinde.

    Von Stephan Baier

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