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    Christen in der Türkei: Aufatmen bei den Kirchen am Bosporus

    Der moderne Sultan Erdogan zeigt sich gegenüber den Christen seines Reiches großmütig. Und die danken es mit Loyalität. Von Stephan Baier

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    Bei der Prunktreppe im Ökumenischen Patriarchat in Istanbuls dörflich anmutendem Stadtteil Fener, überrascht den Besucher ein Mosaik. Es zeigt Sultan Mehmet II., den Eroberer von Konstantinopel, mit dem von ihm ernannten Patriarchen Gennadios. Wer dieses Bild zu lesen versteht, der versteht auch Erdogans Umgang mit den Kirchen in der Türkei – und die Dankbarkeit der Kirchenführer gegenüber dem Präsidenten. Sultan Mehmet machte das geistliche Herz von Byzanz, die Hagia Sophia, zu seiner Reichsmoschee, aber nicht um das Christentum zu vernichten, sondern um sich die byzantinische Reichsidee anzueignen, um sich als Erbe der oströmischen Kaiser zu positionieren. Wie vor ihm die Kaiser, ernannte 1453 nun er einen orthodoxen Patriarchen. Für die Armenier schuf er ein eigenes Patriarchat in Istanbul.

    In dieser Tradition sieht sich Recep Tayyip Erdogan: Wie vor ihm manche Sultane, ist er großzügig zu den Christen seines Reiches, denn sie danken es mit ehrlicher Loyalität. Die in Europa beliebte These, die griechischen, armenischen, aramäischen und katholischen Kirchenführer würden die AKP-Regierung aus Furcht vor Repressionen preisen, greift zu kurz. Sie haben seit der AKP-Regierungsübernahme 2002 allen Grund, aufzuatmen: Denn sie vergleichen ihre Lage nicht mit der Religionsfreiheit in Europa, sondern mit ihrer Lage von früher.

    Unter den kemalistischen Regierungen, die bei der westlichen Politik so beliebt sind, ging es den Christen in der Türkei dreckig: Die Erben Atatürks nahmen den Islam an die ganz kurze Leine des Staates, und für die christlichen Kirchen ging es ab 1923 sogar um die Existenz. Atatürks Religion war der Nationalismus, verknüpft mit einem von der Französischen Revolution inspirierten militanten Laizismus. Für die Christen, die religiöse und nationale Minderheit zugleich sind, war das eine tödliche Mischung. Die Sympathie des Westens für die kemalistische Schickeria in der Türkei quittieren die Kirchenführer am Bosporus heute mit Kopfschütteln. Unter Erdogans Führung hat die Türkei Kirchen renoviert und restituiert, den Kirchenführern Respekt gezollt, dem Ökumenischen Patriarchat durch großzügige Pass-Vergabe die Fortexistenz gesichert. Anschläge auf Kirchen – wie in Ägypten – gibt es in der Türkei nicht.

    Freilich, der Sultan gibt, wie der Sultan immer gab: mit großmütiger Geste, ohne sich rechtlich zu binden. So ist das im Orient, und auch in der Türkei: Der Mächtige ist nicht an das Recht gebunden. Er gibt, wie er auch nehmen kann. Die Bindung der Macht an das Recht unterscheidet Europa von der Türkei, Russland oder China. Der mittlerweile tiefgefrorene EU-Beitrittsprozess der Türkei war deshalb von Anfang an ein gefährlicher Irrweg. Der erhoffte Wandel durch Annäherung fand nicht statt, aber die permanente Kritik der Europäer (zuletzt in dieser Woche im Europäischen Parlament) an den türkischen Zuständen hat die Türken gedemütigt und gekränkt. Obgleich die türkische Gesellschaft vielfältig, ja gespalten ist: Auf Dauerkritik aus dem Ausland reagiert ein stolzes Volk nicht mit Anpassung, sondern mit Abwendung. Dass der türkische EU-Beitrittsprozess heute mausetot ist, ist zu begrüßen, aber der verlogene und arrogante Weg, auf dem dies herbeigeführt wurde, hat bleibenden Schaden angerichtet. Auch für die Christen in der Türkei, die sich heute vom Westen rein gar nichts mehr, von Erdogan aber weitere Wohltaten erwarten.

     

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