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    Paris

    Rod Dreher: Aufstände in den USA und der „Kulturkampf“

    Der amerikanische Schriftsteller Rod Dreher sieht in den derzeit lodernden Straßenkrawallen die praktische Umsetzung der 68er-Kulturrevolution im Gange und befürchtet die Geburt einer neuen politischen Ordnung.

    Demonstranten in Los Angeles. Die landesweiten Proteste in den USA richten sich nach dem gewaltsamen Tod des Afroameri... Foto: Ashley Landis (AP)

    Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minnesota, der bei seiner Verhaftung durch die Polizei getötet wurde, kommt es im ganzen Land zu gewalttätigen Ausschreitungen, Brandstiftungen und Plünderungen. 

    Während die meisten US-amerikanischen Medien in dem tragischen Vorfall einen Beleg dafür sehen, dass der Rassismus - vor allem gegenüber Schwarzen – von Regierung und Behörden nicht nur nicht ausreichend bekämpft werde, sondern weite Teile der weißen Bevölkerung erfasst habe, weshalb die derzeitigen Ausschreitungen nur eine folgerichtige Konsequenz einer angestauten und verständlichen, ja sogar berechtigten Wut seien, ist Rod Dreher anderer Meinung. Der amerikanische Schriftsteller und auch hierzulande bekannte Autor der „Benedikt-Option“ Rod Dreher, der zudem für zahlreiche konservative Medien – wie „The American Conservative“, „National Review“ und dem „Wall Street Journal“ - journalistisch tätig ist, hält die Tumulte in einem Beitrag der französischen Tageszeitung Le Figaro indes für die Umsetzung eines „Kulturkampfes“, der das Land schon seit 1968 heimsucht. Diese berühmte Kulturrevolution „ist keine Metapher mehr: es handelt sich nunmehr in der Tat um einen Krieg im wahrsten Sinne des Wortes“, schreibt Dreher.

    Links und rechts gibt es nicht mehr

    Ebenso wie das Attentat von Sarajevo nur ein Vorwand dafür gewesen sei, „damit sich Europa 1914 in den Krieg stürzt, ist der tragische Mord an George Floyd durch einen Polizisten nicht der wahre Grund, der zu einem derartigen Gewaltausbruch geführt hat“. Derzeit beschleunige sich die Geschichte in den Vereinigten Staaten: „Wir wohnen dem gewaltsamen Untergang des alten liberalen Amerikas, der Auslöschung der Kluft zwischen links und rechts und der seit langem von beiden Seiten getragenen Ideale bei. Natürlich ist Donald Trump ein Katalysator für diesen Verfall, doch seine Wahl zum Präsidenten ist auch das Ergebnis des Niedergangs liberaler Werte. Auf der anderen Seite der politischen Szene hat die Linke dem Liberalismus entsagt, um auf eine Politik umzuschwenken, die sich auf die rassische und sexuelle Identität gründet. In diesem neuen Amerika wäre Martin Luther King ein Fremder“.

    Was die universitäre und mediale Linke seit Jahren predige, „insbesondere die Vorstellung, dass die Schwarzen unterdrückt seien und ihre Wut legitim sei, erfüllt sich gerade auf den in Flammen aufgehenden Straßen unserer Städte“, so Dreher. Die Linken, insbesondere in den USA, betreiben die sog. identity politics, das heißt, es wird vorausgesetzt, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen immer und grundsätzlich allein auf Grund ihrer geschlechtlichen, rassischen, religiösen, politischen etc. Identität diskriminierte Opfer des "alten, weißen, konservativen, christlichen Mannes" sind. 

    Empörte Studenten

    In diesem Sinne entschloss sich der Bürgermeister von Minneapolis, das Polizeirevier „den Demonstranten zu überlassen, die es verwüsteten und in Brand steckten“. In ähnlicher Weise agierten die Universitätspräsidenten schon seit Jahren. So sei 2015 auf dem Campus von Yale eine „lächerliche Kontroverse“ über Halloweenkostüme ausgebrochen, die für bestimmte Minderheiten eine Beleidigung dargestellt hätten. Empörte Studenten empfanden die Verkleidungen als Rassismus und richteten energische Proteste gegen eine Professorin, die anderer Meinung war. Eine vernünftige Auseinandersetzung mit den Studenten sei unmöglich gewesen, da Argumente einfach nur niedergeschrien wurden: „Es ist der Untergang der Vernunft - mitten in einer der renommiertesten amerikanischen Universitäten. Und natürlich hat die Fakultätsleitung die Partei der Demonstranten und nicht diejenige der Dozenten ergriffen“, kommentiert Dreher die Vorfälle.

    Während sich nun der Terror im ganzen Land ausbreite, seien die Medien bestrebt, „die Schilderung der Vorfälle mehr schlecht als recht zu kontrollieren, indem sie versuchen, die Randalierer in einem sympathischen Licht darzustellen“. Die Journalisten von der Linken hätten geglaubt, „dass die Demonstranten auf der Seite des Guten ständen. Sie glaubten, dass ihr einziger Feind Donald Trump hieß. Doch mittlerweile erkennen sie, dass sich die postmoderne Linke in Wirklichkeit über die Meinungs- oder Pressefreiheit mokiert“. 

    Kein Glaube an die Wahrheit

    1951 hatte Hannah Arendt, so erinnert Rod Dreher, in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ aufgezeigt, wie Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus an die Macht gekommen waren. Mehrere Faktoren seien dafür ausschlaggebend gewesen, die zu einem Totalitarismus von links oder von rechts geführt hatten. „Zunächst gibt es den Individualismus und die Atomisierung der Gesellschaft“, fasst Dreher diese Thesen Ahrendts zusammen, um sie in einen Bezug mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Phänomenen zu stellen. Vor allem aber verführe „die totalitäre Ideologie eine Masse zunehmend isolierter Individuen, die ihrer sozialen Beziehungen beraubt sind, die sie früher hatten, sowie der gemeinsamen Identität, die sich daraus ergab“. Schon seit Jahrzehnten beobachteten die Soziologen, so Dreher weiter, einen Anstieg der sozialen Anomie – einen Zustand fehlender oder schwacher sozialer Normen – in den Vereinigten Staaten. Zudem gebe es eine „Lust an der Übertretung“ von Grenzen, einen „Drang zur Zerstörung“. Überdies existiere „die Neigung alles zu glauben, was die Propaganda sagt. In einer vortotalitären Gesellschaft glaubt niemand mehr an die ‚Wahrheit‘. Man begnügt sich, an Ideen zu glauben, die ein ideologisches Weltbild bestätigen, und jeden Menschen zu verachten, der eine andere Meinung als man selbst hat. Jegliches rationale Vorgehen wird unmöglich, der öffentliche Diskurs ist nur noch ein Machtkampf. Heute gilt das sowohl für die Linke als für die Rechte“.

    Amerika sei zwar noch nicht einer Revolution ausgeliefert, meint Dreher, „aber zwischen der Pandemie und dem sich aus ihr ergebenden Wirtschaftseinbruch und nun diesen Krawallen, fürchte ich, dass wir gerade die Geburt einer neuen – entschieden illiberalen – politischen Ordnung erleben“.

    DT/ks

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