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    Berlin

    Porträt der Woche: Thilo Sarrazin

    Vieles spricht dafür, dass sich der ehemalige Berliner Finanzsenator immer noch als Sozialdemokrat sieht. Den Ausschluss aus seiner Partei will er anfechten.

    SPD schmeißt Thilo Sarrazin raus
    Autor und Ex-PolitikerThilo Sarrazin spricht vor der SPD-Zentrale mit Journalisten über das Urteil des obersten Parteisc... Foto: Paul Zinken (dpa-Zentralbild)

    Thilo Sarrazin ist nicht mehr Mitglied der SPD, aber ist er auch kein Sozialdemokrat mehr? Vieles spricht dafür, dass sich der ehemalige Berliner     Finanzsenator immer noch als ein solcher sieht. Anders lässt sich nicht erklären, warum er die Mühe eines Parteischiedsgerichtsverfahrens, das jetzt mit seinem Ausschluss endete, auf sich genommen hat und auch diese Entscheidung anfechten will. Die SPD ist ihm in 47-jähriger Mitgliedschaft zur politischen Heimat geworden. Dabei steht der 75-Jährige für eine ganz bestimmte Spielart des Sozialdemokratischen – die heute in der Parteispitze zwar nicht mehr mehrheitsfähig ist, bei einstigen Stammwählern sicher schon. Der Fall Sarrazin ist nicht nur einfach eine Personalie, er ist ein Symptom für den Niedergang der SPD als Volkspartei.

    Sarrazin war für die SPD eine Chance

    Als Sarrazin sein Parteibuch erhielt, im Jahr 1973, da stand die Sozial-Liberale Koalition gerade in ihrem Zenit. Denn der Regierung war etwas gelungen, was nicht jede Administration schafft, sie prägte den Zeitgeist – und zwar in einer interessanten Mischung: inhaltlich ambitioniert (Willy Brandt: „Wir schaffen das moderne Deutschland) gepaart mit einem nüchtern-pragmatischen Stil in der Umsetzung (Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“). Es war wohl dieser Politik-Lifestyle, der die SPD für den späteren  Karrierebeamten Sarrazin attraktiv gemacht hat. Denn dies alles passte zu seinen Talenten: der Fähigkeit zur kalten Analyse, dem Blick des Ökonomen für die Zahlenverhältnisse, seiner Lust an der technokratischen Gestaltung.

    Und dies sind auch die Eigenschaften, die Sarrazin sensibel für die Probleme der Integration und des politischen Islam gemacht haben. Kann man die Gefahren, die hier drohen, doch schon seit langem aus den Daten ablesen. Die Macher aus der Sozi-Generation Sarrazin folgten der Devise: Zahlen lügen nicht. Und Probleme müssen gelöst werden. Dass Sarrazin dann, vertrauend auf seine alten Stärken, ans Werk ging, Vorschläge zur Lösung dieser Probleme zu formulieren – klar und kalt, wie es eben seine Art ist – zeigt, dass Pragmatismus auch mit Naivität einhergehen kann. Denn inzwischen waren in der SPD die Macher von der Generation Sozialarbeiter abgelöst worden. Sie denken nicht nur anders, sie sprechen auch so. Dass Sarrazin für sie zum Paria wurde, war abzusehen. Dass allerdings viele Stammwähler sich eher mit Sarrazin identifizieren würden als mit Kevin Kühnert, ebenfalls. Sarrazin war für die SPD eine Chance, verlorenen Boden wieder gut zumachen. Keiner hat sie genutzt. Auch nicht Sigmar Gabriel der ja neuerdings auch gerne den Sozi-Dissidenten gibt. So schreiten Sarrazin und die Genossen nun wohl endgültig nicht mehr Seit an Seit.

     

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