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    Paris

    Macrons islamische Vision

    Wie Frankreichs Regierung die Kontrolle über Moscheen und Imame wiedergewinnen will.

    Macrons Kampf gegen den radikalen Islam
    In der islamischen Welt gibt es gegen Macron und seine Islam-Politik massive Proteste. Wie hier in Bangladesch. Foto: Imago Images

    Macron hat eine Vision. Der französische Staatspräsident glaubt an einen französischen Islam. In Deutschland würde man es „europäischen Islam“ nennen, um jeden Anflug von nationaler Kultur zu vermeiden. Diese Scheu vor der eigenen Nation haben die Laizisten um Macron nicht. Im Gegenteil, die Republik Frankreich ist das Dach, unter dem alle Platz haben und sich auch unterordnen sollen. Soweit die Ideologie. Hinzu kommt der mediale Druck, dem die Regierung Macron seit den Attentaten im Oktober und November unterworfen ist. In den Zeitungen von links bis rechts ist von der „Stunde des Krieges“ (Valeurs Actuelles) und „Kampf dem Islamismus“ (L'Express) die Rede.

    Frankreich ist tief erschüttert

    Der Mord an dem Geschichtslehrer Samuel Paty vor seiner Schule nahe bei Paris und der betenden Christen in der Kathedrale von Nizza haben das Land tief erschüttert. Schon vorher war das Unbehagen gegenüber dem immer weiter in das tägliche Leben ausgreifenden radikalen Islam so deutlich spürbar, dass Macron in einer lang erwarteten Grundsatzrede Anfang Oktober Maßnahmen ankündigte, um die Imam-Ausbildung im Besonderen und das islamische Vereinsleben im Allgemeinen in den Griff der Republik zu bekommen (siehe Tagespost vom 8. Oktober). Es war eine Kampfansage an den radikalen Islam. Aber die Ereignisse Ende Oktober und Anfang November machten sie zur Makulatur. Immer lauter wird seither der Ruf nach konkreten Taten zur Eindämmung der islamischen Gefahren.

    Macron reagierte. Er verlangt vom „Kultusrat der französischen Muslime“ (CFCM), einem Dachverband von neun islamischen Vereinen, eine „Charta der republikanischen Werte“. Statt der sechs Monate für die Ausarbeitung, die er Anfang Oktober gewährte, soll der CFCM diese Charta nun bis zum 7. Dezember vorlegen. An dieser Charta sollen sich die Imame ausrichten. Es soll eine Art Messlatte für die Loyalität zur Republik sein. Mehr noch: Es wird auch ein Imam-Rat gegründet, der die Ausbildung von Imamen überwachen und ein Register anlegen soll, ähnlich dem Register von Anwaltskammern oder für Journalisten. Anders als in Deutschland müssen Journalisten diesem Berufsverband angehören und werden von ihm zertifiziert. Wenn ein Imam künftig in Moscheen in Frankreich predigen will, soll er auch vom Imam-Rat zugelassen sein. Bisher konnte jeder predigen und drei von vier Predigern kamen aus dem Ausland, die meisten aus Marokko, Algerien und der Türkei. Ein Diplom oder Ausbildungsabschluss waren nicht nötig. Er brachte Geld mit – und seine radikalen Ansichten. Beides soll er in seinem Heimatland lassen. Diplom und Ausweis soll er vom Imam-Rat bekommen. Auch der künftige „französische“ Imam braucht keine theologische Ausbildung, allerdings muss er französisch sprechen und Kenntnisse von Land und Gebräuchen Frankreichs haben.

    Macron will die Moscheen kontrollieren

    Mit solchen Maßnahmen hofft die Regierung Macron, die rund 3.000 Moscheen in Frankreich überwachen oder zumindest unter Kontrolle halten zu können. Aber auch wenn in einer guten Woche eine Charta vorliegen sollte, Kenner der Szene wie der algerische Schriftsteller Boualem Sansal oder der Orientalist Gilles Kepel und etliche mehr halten die Vision Macrons für eine Illusion.

    Sie scheitert schon an der Uneinigkeit des CFCM. In ihm haben die türkischen Vertreter das Sagen, zum Beispiel von Milli Görüs, die auch in Deutschland aktiv sind. Sie weigerten sich etwa, den Boykottaufruf Erdogans gegen Frankreich zu verurteilen. Sansal analysiert das Denken der politischen Klasse Frankreichs in einem Zeitungsinterview so: „Ein Großteil der Linken ist davon überzeugt, dass der Islamismus ein wirtschaftlich-soziales Problem ist, das verschwindet, sobald der Reichtum gerechter verteilt und die Einwanderer besser integriert sind. Die Konservativen betrachten den Islamismus allein unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit. Sie bilden sich ein, dass es reicht, die Autorität des Staates wiederherzustellen und härter durchzugreifen, um das Problem zu lösen.“

    De Villiers meldet sich zu Wort

    Aber der Druck der Straße und der Medien auf die politische Klasse in Paris zeitigt Wirkung. Auch ein Zeitungsbeitrag des früheren Generalstabschefs Pierre de Villiers ließ aufhorchen. Darin fordert er ein härteres Durchgreifen gegen radikale Prediger und Vereine, das Ende des politischen Islam und eine Besinnung auf die christlichen Werte, die der Republik Frankreich zugrunde liegen, allen voran die Aufrichtigkeit und der Mut, die Wahrheit zu erkennen und gegenüber seinen Vorgesetzten auszusprechen. Das hat er auch gegenüber Macron getan und wurde dafür von dem Staatspräsidenten gedemütigt, woraufhin er zurücktrat und seither als Reserve der Republik gehandelt wird, als möglicher Retter aus der Krise.

    Das Ende des politischen Islam fordert auch Macron. Aber gerade das steht dem Selbstverständnis des Islam, nicht nur des Islamismus, diametral gegenüber. Die Hälfte aller jungen Muslime in Frankreich hält die Scharia für wichtiger als die Gesetze der Republik. Und die meisten Grundlagentexte, etwa der Koran, markieren den Geist der Abgrenzung zu Nicht-Muslimen. Es ist nicht zu sehen, wie sich da ein französischer Islam, loyal zur Republik, entwickeln soll. Es wäre eine andere Religion.

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