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    Beirut

    Libanon, quo vadis?

    Die Explosion im Hafen Beiruts setzte dem Libanon schwer zu. Die meisten Libanesen glauben, dass es sich dabei um einen Anschlag handelte und beurteilen die Lage als noch schlimmer als im Krieg. Jetzt fordern viele Libanesen einen radikalen Systemwechsel.

    Klosterschwester über Beirut
    Eine Klosterschwester schaut auf den zerstörten Hafen Beiruts. Foto: ACN/Lozano

    Zunächst waren es die Demonstrationen vom Oktober 2019, eine landesweite soziale Revolution, die politische Veränderungen und ein Ende der Korruption im Land forderten. Ein Protest, der das Land vereinte, Christen und Muslime, die des parteiischen Sektierertums und der politischen Zersetzung des Landes überdrüssig waren. Dann kam das Coronavirus und stoppte die Proteste, beschleunigte jedoch den wirtschaftlichen Absturz mit katastrophalen Folgen. Im Libanon war die Talsohle erreicht. Es schien, dass es nicht schlimmer werden konnte, als eine neue Katastrophe die Hauptstadt traf. Etwa 2 750 in einem Lagerhaus im Hafen von Beirut gelagerte Tonnen Ammoniumnitrat flogen in die Luft, verwüsteten den Hafen von Beirut, und zerstörten einen Teil der Stadt.

    „Unser Hiroshima“, so beschreibt es eine Überlebende, die an jenem schicksalhaften 4. August ihr Haus teilweise verloren hat. „Es war schlimmer als im Krieg, denn die Explosion hat uns alles auf einmal weggenommen. Die Anstrengungen von Jahren waren in sieben Sekunden zunichte gemacht“, beklagt sie. Für viele Christen bedeutet es quasi ein Schachmatt. Das Land befand sich bereits in einer schlimmen Wirtschaftskrise, aber die Explosion hinterlässt bei vielen Menschen darüber hinaus ein psychologisches Trauma. Denn in Beirut sowie im restlichen Land glaubt kaum jemand, dass es sich um eine zufällige Explosion handelte. Die Überlebenden sprechen von einer „Bombe“ oder einem „Anschlag“.

    Korruption in der Regierung ein ernstes Problem

    Obwohl sie zugeben, dass sie nicht wissen, was wirklich geschah, und dass die verschiedenen Vermutungen und Theorien wahrscheinlich nie bewiesen werden können, sind sie davon überzeugt, dass der Unfall vorsätzlich ausgelöst wurde. Alle sind sich zwar darin einig, dass die Korruption in der Regierung ein ernstes Problem darstellt, jedoch sind sie auch überzeugt, dass das Schicksal ihres Landes seit mehr als vierzig Jahren von den Interessen naher und ferner ausländischer Mächte gelenkt wurde – und weiterhin wird. Sie meinen, dass sich wie im Irak, in Syrien oder jetzt in Aserbaidschan hinter dem Unfall ein geopolitisches Interesse Dritter verbirgt. Sie fürchten, dass die Wahrheit nie ans Licht kommen wird und dies zeigt, wie allein und schutzlos sie sind. Vor allem die Christen, deren Interessen und Rechte, ihrer Meinung nach, nicht von dritten Mächten verteidigt werden.

    Wie dem auch sei, das Gefühl der Verlassenheit und Hilflosigkeit unter den Christen ist verheerend, nicht zuletzt, weil sie von der Explosion am stärksten betroffen waren. „Bis jetzt hatte ich nie daran gedacht wegzugehen, aber nach der Explosion werde ich es tun. Mein erstgeborener Sohn wurde eine Viertelstunde vor der Explosion geboren. Ich dachte, er sei tot, als das geborstene Fensterglas auf sein kleines Bettchen im Krankenhaus fiel. Ich hielt ihn mitten in Blut und Zerstörung in meinen Händen: Wie soll ich hierbleiben? Wir haben keine Stabilität, es gibt viele verborgene Interessen, und niemand ist an der Sicherheit von uns Christen interessiert“, beklagt Nabil, ein Lehrer in Beirut. „Wir lieben unser Land und würden gerne hierbleiben, aber ich muss wissen, dass jemand uns – meinen Sohn – verteidigen wird“, sagt er.

    „Die Lage ist schlimmer als im Krieg.
    Wir können nicht mehr arbeiten“

    Etwas weiter im armenischen Viertel: Bourj Hammoud, ein Ladenbesitzer, sitzt im leeren Geschäft. „Die Lage ist schlimmer als im Krieg. Damals konnten wir noch arbeiten, jetzt aber überhaupt nicht mehr. Die Revolution hat am Ende nichts gebracht, und die Pandemie hat das wenige, was noch übrig war, zunichte gemacht. Obendrein hat uns die Explosion in Angst und Schrecken versetzt“, sagt er. Seine Eltern flohen vor dem Völkermord an den Armeniern, mussten ganz von vorne anfangen und wählten dafür den Libanon. Nazareth, so sein Name, wurde hier geboren und erbte das kleine Familiengeschäft als Kaffeeimporteur. Seit zwei Monaten hat er nichts verkauft. Seine Tochter ist nach Armenien ausgewandert, aber Nazareth will nicht weg: „Meine Eltern haben den Libanon gewählt, als sie vor der Verfolgung flohen. Das Land hat uns aufgenommen, ich bin Libanese und werde als Libanese sterben.“

    An Auswanderung denken nicht nur die Menschen der armen und einfachen Viertel rund um den Hafen, die einst von christlichen Migranten und Arbeitern auf der Suche nach einem besseren Leben in der Stadt gegründet worden waren und die nun durch die Katastrophe zerstört wurden, sondern auch die in den Teilen im Zentrum Beiruts, die unter den Folgen der Explosion gelitten haben. „Zehn Prozent der Bevölkerung dieses Viertels haben es verlassen“, so Pater Nikolas, Pfarrer der Erlöserkirche, die bei der Explosion ihr Dach verlor. „Ich kann nichts tun, um sie aufzuhalten, weil ich ihnen nicht die Sicherheit geben kann, die sie möchten. Es gibt immer noch Menschen, die Hoffnung haben, aber es wird immer schwieriger. Wer über Geld und einen ausländischen Pass verfügt, geht weg, aber die Armen werden hier sterben“, bedauert der griechisch-melkitische Priester. „Denen, die bleiben wollen, müssen wir Hoffnung geben. Unsere Aufgabe ist es, ihnen in der Dunkelheit, in der wir leben, ein Licht zu geben. Es gibt kein Christentum ohne Kreuz. Unser Beispiel ist Christus. Es ist schwer, Christ zu sein, aber viele hier denken immer noch daran, dass dieses Land heiliges Land ist; wir können es nicht verlassen“, betont er. Empört über die Krise in ihrem Land wünschen sich viele einen radikalen Regimewechsel. Sie plädieren für eine Systemänderung bei der Ämterverteilung, die das fragile Gleichgewicht zwischen den Konfessionen aufrechterhält. Sie legt fest, dass der Präsident ein maronitischer Christ, der Ministerpräsident ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit sein soll. Die Menschen fordern aber ein säkulares, ein weltliches System. Die Gründe dafür sind klar. Denn das jetzige System hat ein korruptes Sektierertum hervorgebracht, in dem die Parteien italienischen Mafias ähneln.

    Manche internationale Medien propagieren, dass die Lösung in der Veränderung liege. Sie ignorieren indes die große Gefahr, die eine Systemänderung mit sich bringen würde. Der verstorbene maronitische Patriarch Nasrallah Sfeir sagte immer wieder, wenn die Frage nach der Aufhebung der Konfessionsbindung auftrat: „Ehe die Konfessionsbindung aus den Texten gestrichen wird, muss er aus den Köpfen ausgemerzt werden.“ Viele befürchten mit Recht, dass eine Änderung im libanesischen System zu einem schiitisch-muslimischen Staat führen würde. Sie halten es für naiv, zu glauben, dass die schiitischen Parteien Amal als auch Hisbollah ein echtes säkulares Land zulassen würden.

    „Der Libanon ist nicht nur
    ein Land, er ist eine Botschaft“

    Die große Gefahr für den Libanon besteht darin, dass der Westen dessen Bedeutung für den Nahen Osten und sogar für die Welt nicht erkennt. Johannes Paul II. erkannte sie deutlich, und hielt sie in Worten fest, die einem regelrechten Vermächtnis gleichen: „Der Libanon ist nicht nur ein Land, er ist eine Botschaft.“ Dieses Vermächtnis ist sowohl Stolz als auch ein Kreuz für die Christen hier. Denn sie lastet auf ihren Schultern wie ein Kreuz – das Kreuz, von dem Pater Nikolas sprach. Die 30-jährige Bankangestellte Giselle ist bereit, dieses Kreuz zu tragen: „Alles, was 2020 geschehen ist, ist ein Aufruf. Wir leiden seit 30 Jahren unter der Korruption, aber das ist eine große Chance. Die Zukunft hängt von der Gegenwart ab. Wir brauchen eine Veränderung, und ich möchte daran teilhaben. Wir brauchen die Menschen hier. Wenn sie gehen, können wir das System nicht ändern. Ich möchte einer der Menschen sein, die das Land verändern.“
    Der Libanon, der in der Bibel 72 Mal erwähnt wird, ist anteilsmäßig das Land mit der größten christlichen Bevölkerung im gesamten Nahen Osten. Sie machen zwischen 30 und 35 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Auch wenn die Statistik nicht mehr zu ihren Gunsten stimmt, weil die christliche Auswanderung zugenommen hat, besitzen die Christen im Libanon eine nicht nur zahlenmäßige Bedeutung. Das Verhältnis der Einwohnerzahlen zwischen Christen und Muslimen mag schwanken, aber die Rolle der ersten ist unentbehrlich für die Identität des Landes. Die Christen im „Land der Zedern“ befürchten, dass der Westen insgesamt – und Europa insbesondere – vergessen haben, was für ein einzigartiges Beispiel der Libanon durch die politische und gesellschaftliche Koexistenz von Christen und Muslimen ist.

    Libanon als Tor von Ost nach West

    Pater Jad, Pfarrer der maronitischen Kathedrale von Beirut, beschreibt den Libanon als das Tor von Ost nach West. „Es ist das einzige Land, in dem die Christen ein aktiver und wesentlicher Teil der Zivil- und politischen Gesellschaft sind“, betont der Priester. „Viele wollen weggehen, weil sie sich nicht sicher fühlen. Aber selbst die Muslime bitten uns zu bleiben, weil ihnen die christliche Präsenz in ihrem Verhältnis zu anderen Religionen hilft; wir sind Vermittler für Dialog und Koexistenz“, erklärt er. „Wir kennen die Sprache und die Kultur. Es ist das einzige arabische Land, in dem wir ohne Furcht und ohne Einschränkungen das Wort Gottes verkünden können. All das wird verschwinden, wenn die Christen gehen“, so der junge Priester.

    Der Libanon stellt in der arabischen Welt etwas Besonderes dar. Achtzehn verschiedene, christliche und nicht-christliche Glaubensriten haben gelernt, miteinander zu leben und sich gegenseitig zu helfen. Trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten. „Niemand sagt, dass es einfach ist, aber der Libanon zeigt, dass es möglich ist“, betont Pater Jad. Ein Beweis dafür, dass diese Koexistenz noch besteht sei, „dass am Tag nach der Explosion junge Christen und Muslime aus allen Teilen des Libanon zusammenkamen, um gemeinsam das verwüstete Gebiet von Trümmern zu räumen und den Betroffenen zu helfen“. Bisher sei der Libanon eine Enklave im Nahen Osten, in der Menschen in Freiheit leben, ein Land der Zuflucht für Exilanten und Flüchtlinge. Wenn die Christen weggehen, ginge dies verloren, dessen ist sich Pater Jad sicher.

    Die Autorin ist Journalistin der internationalen Zentrale von Kirche in Not und hat kürzlich den Libanon besucht. Das Hilfswerk unterstützt die Christen im Libanon

     

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