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    Istanbul

    Leitartikel: Schutzmacht der bedrängten Christen?

    Amerikas Außenminister Pompeo holt Patriarch Bartholomaios auf die Bühne der Weltpolitik und brüskiert damit gezielt den NATO-Partner Türkei.

    US-Außenminister Mike Pompeo
    Am Dienstag besuchte US-Außenminister Pompeo die Türkei – allerdings weder das staatstragende Atatürk-Mausoleum in Ankar... Foto: Pradeep Dambarage via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

    Mike Pompeo tourt durch die Welt als wollte er noch ein letztes Mal klarstellen, dass nicht Isolationismus, sondern Weltverantwortung der Grundton US-amerikanischer Politik sein muss. In Europa hatte man mit Blick auf Präsident Donald Trump nicht immer diese Gewissheit, aber der noch amtierende Außenminister Trumps setzt hier überaus deutliche Zeichen.

    "Führer der orthodoxen Welt"

    Am Dienstag besuchte er die Türkei – allerdings weder das staatstragende Atatürk-Mausoleum in Ankara noch seinen Amtskollegen Çavusoglu und Präsident Erdogan, sondern den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios. Als sei das noch nicht vehement genug, bezeichnete Pompeo in einem Tweed Bartholomaios als „Führer der orthodoxen Welt“ und das Ökumenische Patriarchat als „Schlüsselpartner“ im amerikanischen Bemühen um die weltweite Religionsfreiheit.

    In Ankara ist man über dieses Verhalten reichlich verschnupft. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete entsprechend minimalistisch über den Besuch. Pompeos Botschaft ist aber zweifellos angekommen: Der türkische Staat darf mit den Christen im Land nicht einfach willkürlich verfahren. Und der alte Mann im Phanar ist nicht – wie die früheren, kemalistischen Regierungen der Türkei gerne polemisierten – der Pfarrer der rund 2.000 Griechen Istanbuls, sondern geistliches Oberhaupt einer weltweiten Glaubensgemeinschaft, global vernetzt und von internationalem Gewicht.

    Erdogans AKP hatte das anfangs klarer gesehen als die ideologischen Laizisten in der Tradition Atatürks. Sie akzeptierte Bartholomaios in seiner historischen und globalen Rolle: ganz in osmanischer Tradition, aber auch aus strategischen Gründen. Erstens nämlich wirkte Bartholomaios diplomatisch in Felder hinein, in denen man den Emporkömmling Erdogan skeptisch beäugte (etwa als Fürsprecher des türkischen EU-Beitritts), zweitens gefiel Erdogan die Führungsrolle „seines“ Patriarchen in der weltweiten Orthodoxie (etwa im Ringen mit dem Moskauer Patriarchat um die Ukraine). Mit wachsender Entfremdung von der EU und eskalierender Feindschaft zu Athen kippte in Ankara die Stimmung. Zuletzt demütigte Erdogan den Patriarchen und die Orthodoxie durch die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee.

    Neuerliche Zeichenhandlung

    Dagegen hat die Trump-Administration unter der diskreten Regie von Vizepräsident Pence massiv protestiert. Mike Pompeos Besuch in Istanbul ist nun eine neuerliche Zeichenhandlung, die unterstreicht, dass Washington an der Seite des Ökumenischen Patriarchen steht und jede Hostilität ihm und den Christen in der Türkei gegenüber missbilligt. Im 19. Jahrhundert verstanden sich Frankreich und Österreich-Ungarn als Schutzmächte der Katholiken im Orient, Russland als Pate der Orthodoxen unter islamischer Herrschaft. Washington trat im 20. Jahrhundert immer wieder schützend und vermittelnd auf, auch für die Anliegen des Ökumenischen Patriarchats, das in den USA einflussreiche Vertreter hat.

    Früher wie heute hängt der Erfolg solcher Patenschaften nicht nur von der Vehemenz und Klarheit ihrer Zeichenhandlungen ab, sondern auch vom diplomatischen Stil und Ton. Wie Europa bei der Klarheit noch zulegen darf, können die USA bei der Diplomatie noch lernen. Denn Pompeo stieg längst wieder ins Flugzeug, um sich anderen Prioritäten zuzuwenden. Bartholomaios und seine kleine Herde jedoch müssen mit den türkischen Realitäten leben.

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