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    Paris / Wien

    Laizismus ist keine Lösung

    Nach den Attentaten in Frankreich und Österreich sprechen sich immer mehr Prominente für die strikte Trennung von Religion und Staat aus. Religionsunterricht aus den Schulen zu verbannen, könnte aber zur Folge haben, dass die Öffentlichkeit verlernt, die Grundrechte von Gläubigen zu verstehen.

    Frankreich erinnert zu Schulbeginn an getöteten Lehrer Paty
    Jean Castex (2.v.l), Premierminister von Frankreich, und Jean-Michel Blanquer (2.v.r), Bildungsminister von Frankreich, ... Foto: Thomas Coex (POOL AFP/AP)

    2. November, 11 Uhr: Frankreichs Schulen erinnern mit einer Gedenkminute an Samuel Paty. Viele deutsche Schulen schlossen sich an. Der Lehrer war am 16. Oktober auf offener Straße in der Nähe seiner Schule in Conflans-Sainte-Honorine von einem islamistischen Jugendlichen enthauptet worden. Ein Foto der französischen Nachrichtenagentur AFP zeigt Frankreichs Premierminister Jean Castex und Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer, wie sie in einer Grundschule des Pariser Vorortes am Gedenken teilnehmen. Gemeinsam mit den Kindern sangen sie die Nationalhymne.

    Wer genau hinsah, konnte erkennen, welche politische Botschaft mit dem Foto transportiert werden sollte: Auf der Tafel, vor der die Politiker standen, wurden die republikanischen Werte erläutert, denen sich Frankreich verpflichtet sieht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Redefreiheit – und „la laicité“, der Laizismus. Ein solcher findet auch hierzulande immer mehr Anhänger. So forderte Michaela Wiegel nach dem brutalen Mord an dem Lehrer in einem Leitartikel für die FAZ vom 22. Oktober, dass „jedes Kind ungeachtet seiner Herkunft und Religion Anspruch auf einen von familiären Einflüssen freien Raum hat, in dem es sich zu einem aufgeklärten mündigen Bürger entwickeln kann“. Der thüringische Bildungsminister Helmut Holter von den Linken schrieb in einem Aufruf zum 2. November, die Lehrer sollten „Botschafter demokratischer Grundwerte“ sein.

    Kein weltanschaulich neutraler Staat

    Dass Schulen die Wertordnung der Verfassung stärken, gehört zu ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag. Vorsicht bleibt aber geboten, wo religiöse Bindungen abgelöst werden sollen durch eine vermeintlich neutrale, aufgeklärte Demokratiepädagogik. Ein Staat, der religiöse Überzeugungen verleugnet, ist keineswegs neutral. Staatliche Neutralität meint Diskriminierungsfreiheit gegenüber religiös-weltanschaulichen Überzeugungen, nicht deren Nivellierung zu einer staatlich betriebenen, einheitlichen Zivilreligion. Damit wird der Staat übergriffig.

    Aus historischen Gründen sind wir in Deutschland sehr zurückhaltend, dem Staat zivilreligiöse Aufgaben zu übertragen. Diese wurden vielfach an die großen Kirchen delegiert. Mit zunehmender religiöser Vielfalt bei gleichzeitig abnehmender Kirchenbindung gerät die deutsche Tradition in die Defensive. Doch ist keinesfalls ausgemacht, dass eine vollständige Trennung zwischen Kirche und Staat das öffentliche Zusammenleben freiheitlicher oder auch nur konfliktfreier machen würde.

    Eines vorweg: Voraussetzung jeder Freiheit bleibt ein robuster Rechtsstaat, der religiösen Extremismus entschieden bekämpft. Dies scheinen Politiker in Frankreich und Österreich aktuell stärker begriffen zu haben als die Verantwortlichen hierzulande. Doch kann der liberale Verfassungsstaat seine Bürger nicht an eine für alle verbindliche Weltanschauung binden. Wollte er seine rechtlich geschützte Wertordnung sogar zunehmend zum Zweck zivilreligiöser Selbststabilisierung einsetzen, müsste er nicht allein Rechtsloyalität einfordern, sondern zunehmend die Gesinnung seiner Bürger kontrollieren. Der im vergangenen Jahr verstorbene Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde warnte vor einem staatlichen Wertordnungsfundamentalismus. Freiheit wäre auf Dauer dann nur noch als Freiheit im engen Rahmen fortwährender Gesinnungsprüfung lebbar.

    Staat sollte Interesse an religiöser Bildung haben

    Vielmehr erinnert der Gottesbezug unseres Grundgesetzes daran, dass das Gemeinwesen aus vorstaatlichen, religiösen Überzeugungen lebt, über die es selbst nicht verfügen kann. Daher sollte der Staat selbst ein Interesse an religiöser Bildung haben. Das kooperative Staat-Kirche-Verhältnis ermöglicht einen durch pädagogische Prinzipien bestimmten Religionsunterricht, den die einzelnen Bekenntnisse inhaltlich gestalten, der aber dennoch staatlicher Schulaufsicht unterliegt.

    Umgekehrt bleibt das politische System darauf angewiesen, dass die Glaubensgemeinschaften dieses auch aus religiösen Gründen anerkennen. Im Falle der großen Kirchen hat sich eine wechselseitige Anerkennung in langer Übung und unter leidvollen historischen Erfahrungen ausbalanciert. Dass Bischöfe einen Eid auf die Verfassung ablegen und damit Sorge tragen, dass diese in ihrem Amtsbereich eingehalten wird, ist keine Petitesse. Der Rückzug des Politikwissenschaftlers Hamed Abdel-Samad aus der Islamkonferenz in diesem Monat zeigt, wie konfliktreich staatliche Religionspolitik sein kann, wenn neue Akteure in den Diskurs um die zivilreligiöse Frage eintreten. Sein Vorwurf: Der Staat biedere sich radikalen Islamverbänden an und ignoriere Warnungen vor dem politischen Islam.

    Staat darf Religion nicht aus der Schule verbannen

    Religion und Politik brauchen einander, soll sich nicht eine Seite absolut setzen – was in der Geschichte noch nie gut ausgegangen ist. Die politisch denkenden Bürger sind zugleich Träger religiöser Überzeugungen im weitesten Sinne – und umgekehrt. Daher lassen sich Politik und Religion nicht trennen, wie umgekehrt letztere stets auf politische Rahmenbedingungen trifft. Bildungseinrichtungen können der Ort sein, dieses Miteinander zu reflektieren. Wohingegen der Staat Religion aus der Schule verbannt, gelingt dies nur durch starke Eingriffe in die positive Religionsfreiheit und das Elternrecht. Zur Freiheit gehört, dass Kinder vorrangig durch ihre Eltern, nicht durch öffentliche Kollektive erzogen werden – mit zunehmendem Alter nach der Formel „wachsendes Kinderrecht – schwindendes Elternrecht“. Ein friedliches Miteinander kann gelingen, wenn in der Schule religiöse Erfahrungen als Lernanlass aufgegriffen und erzieherisch Toleranz eingeübt wird. Wo Religion hingegen nicht mehr verstanden wird, erscheint sie als etwas Bedrohliches, das der Staat beständig zähmen muss. Oder der Einzelne wird orientierungslos und manipulierbar. Keine Werterziehung vermag ohne Rückgriff auf letzte Überzeugungen die verwirrende Vielzahl an Werten zu ordnen. Zur Mündigkeit gehört, dass Kinder zu einem reifen Urteil in religiösen Fragen gelangen. Die Heranwachsenden zu befähigen, über Religion angemessen reden zu können, ist ein wichtiger Teil umfassender Persönlichkeitsbildung und des allgemeinen Bildungsauftrags der Schule. Aufklärung, die Radikalisierung verhindert, braucht beides: politische und religiöse Bildung.

    Der Autor ist katholischer Sozialethiker und Erziehungswissenschaftler.

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