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    Washington

    Kommentar um „5 vor 12“: Der nuancierte Ansatz der US-Bischöfe

    Im Umgang mit dem gewählten US-Präsidenten Joe Biden werden die amerikanischen Bischöfe ihrer Rolle als Hirten gerecht. Sie kritisieren ihn, wo es angebracht ist, verschließen sich aber nicht einer Zusammenarbeit, wo Schnittmengen bestehen.

    Nach der Präsidentschaftswahl in den USA  - Biden
    Die Differenzen in einer der Kernfragen werden die US-Bischöfe nicht davon abhalten, mit Biden zusammenzuarbeiten, wo es... Foto: Andrew Harnik (AP)

    Gläubige Katholiken in den USA stehen derzeit vor einem echten Dilemma: Mit dem Demokraten Joe Biden wird zum ersten Mal seit 60 Jahren wieder „einer der ihren“ zum US-Präsidenten gewählt – doch seine Haltung in der so wichtigen Frage des Lebensschutzes sorgt für Befremden. Nicht wenige lehnen Biden rundheraus ab, da er für ein „Recht auf Abtreibung“ eintritt, andere sind hin- und hergerissen, bietet der 77-Jährige doch in anderen Politikfeldern und im Auftreten eine willkommene Alternative zu Donald Trump.

    Bischöfe nennen Problematisches beim Namen

    In dieser Zwickmühle werden die amerikanischen Bischöfe ihrer Rolle als Hirten wahrlich gerecht. Als mehrere große US-Medien Joe Biden zum künftigen Präsidenten erklärten, zögerten sie nicht und erkannten den ehemaligen Vizepräsidenten noch am selben Tag als Wahlsieger an. Damit positionierten sie sich entschieden gegen die These des potenziellen Wahlbetrugs, wie sie noch immer von Trump und zahlreichen Republikanern verbreitet wird.

    Die Bischöfe ducken sich aber auch nicht weg, wenn es darum geht, problematische Positionen des künftigen Präsidenten beim Namen zu nennen. Indem der Vorsitzender der US-Bischofskonferenz, Erzbischof José Gomez, Biden nun öffentlich für seine Haltung zum Lebensschutz kritisierte, offenbarte er kompromisslos dessen offene Flanke. Bei Gläubigen könne es hinsichtlich der Lehre der Kirche für Verwirrung sorgen, wenn bekennend katholische Politiker Abtreibung unterstützten. Trotz gewisser Schnittmengen bei Themen wie Einwanderung, Rassismus oder Todesstrafe: der Lebensschutz habe Priorität, so Gomez. Viele US-Katholiken dürften sich solch deutliche Worte gewünscht haben. 

    Zusammenarbeit trotz Differenzen in Kernfrage

    Die Differenzen in einer der Kernfragen werden die Bischöfe jedoch nicht davon abhalten, mit Biden zusammenzuarbeiten, wo es dessen Positionen zulassen: Eine bischöfliche Arbeitsgruppe, die das Verhältnis zwischen dem künftigen Amtsinhaber und der Kirche regeln soll, wurde zu diesem Zweck nun ins Leben gerufen. Ein bemerkenswert nuancierter Ansatz in einem politischen Schauspiel, das für viele nur aus Schwarz oder Weiß besteht. 

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