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    Warschau

    Kommentar um "5 vor 12": Das Virus der Verharmlosung

    Polen leidet unter der zweiten Corona-Welle – die Kirche ist auch betroffen.

    Coronavirus - Proteste in Polen
    Demonstrierende nehmen an dem Marsch «End The Pandemic» («Beendet die Pandemie») teil und protestieren gegen coronabedin... Foto: Leszek Szymanski (PAP)

    So makaber es klingt: Krisenzeiten waren stets gute Zeiten für die Kirche. Denn: Not lehrt nicht nur Beten, sie kann auch zum Leuchtfeuer der christlichen Tugenden werden: Hoffnung und Realismus, Einsatz aus dem Glauben heraus für den Nächsten, aus Gottes- und Menschenliebe Opfer bringen.

    Neue Krisenzeit in Polen

    In Polen, wo die Zahl der Corona-Erkrankten seit Anfang Oktober dramatisch in die Höhe schießt (ca. 8.000 Erkrankungen täglich), sodass die Regierung sogar plant, im Warschauer Nationalstadion und an anderen Stätten Feldlazarette zu errichten, ist nun eine neue Krisenzeit ausgebrochen. Doch: Ist es auch eine Chance für die dortige Kirche?

    Es war fahrlässig von den katholischen Bischöfen, sich Anfang Oktober, als man die Zeichen der Zweiten Welle schon sehen konnte, zur Generalversammlung zu treffen. Allzu sorglos wirkte es auch, dass die Hirten sich zu einem Gruppenfoto ohne Masken und Social distancing formierten. Die Bischöfe feiern eine Corona-Party, wurde in den säkularen Medien gespottet. Mittlerweile hat das Virus der Verharmlosung voll zugeschlagen. Es gibt Covid19-Bischöfe im zweistelligen Bereich. Viele Priester und Ordensleute befinden sich in Quarantäne. Einige Pfarreien und das Büro der Polnischen Bischofskonferenz haben bis auf weiteres geschlossen. Dort, wo noch Gottesdienste stattfinden können, müssen Abstandsregeln eingehalten werden. Hoffentlich penibler als in den vergangenen Monaten, da man in manchen Pfarreien beim Kommunionempfang eine gewisse Tutti-frutti-Mentalität beobachten konnte. Mund- oder Handkommunion – alles ging durcheinander. 

    Polnische Pfarreien zahlen hohen Preis

    Dabei ist der Preis, den die polnischen Pfarreien in diesem Jahr für die Pandemie zahlen, ziemlich heftig. Viele Pfarreien klagen unter großen finanziellen Einbußen. Denn anders als in Deutschland, wo die Kirche von der Virus-resistenten Steuer finanziert wird, bezahlt der katholische Gläubige in Polen seine sakramentale Versorgung in cash. Jeden Sonntag bei der Kollekte. 

    Angesichts dieser Not und der wachsenden Gefahr kann man sich wundern, dass wirtschaftliche Unternehmen wie Fitness-Studios, die auch von den Sicherheitsbeschränkungen betroffen sind, auf die absurde Idee verfallen, sich als „Kirche“ zu bezeichnen, um ihren Wirtschaftsbetrieb weiter fortzusetzen. Offenbar verbinden manche mit der Kirche weiterhin eine privilegierte Stellung in der Krise.

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