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    London

    Johnson erlebt seinen politischen Herbst

    Ein Premier im Abwärtstrend. Gerade noch fuhr er einen historischen Wahlsieg ein. Doch in der Corona-Krise ist Boris Johnson ins Straucheln geraten.

    Großbritanniens Premier Johnson bei Octopus Energy
    Sogar Tory-Medien spekulieren schon über seine Ablösung des Premierministers: Boris Johnson mit Corona-Maske. Foto: dpa

    Viel Schönes hat Premierminister Boris Johnson nicht erlebt in diesem Jahr, im Gegenteil: Die Corona-Katastrophe überschattet alles und hat ihn politisch nahe an den Abgrund gebracht. Ein paar wenige freudige Stunden brachte die Taufe seines jüngsten Sohnes Wilfred. Mitte September hat Johnson das vier Monate alte Baby, sein sechstes Kind, in kleinstem Kreise von Father Daniels in der Lady Chapel der Westminster-Kathedrale taufen lassen. Johnson ist der erste Katholik im Amt des britischen Premierministers. Knapp ein Zehntel der Bevölkerung im Königreich sind römisch-katholisch. Auch seine Verlobte Carrie Symonds, mit der er – noch unverheiratet – in der Downing Street lebt, ist Katholikin. Selbst um die Taufe von Baby Wilfred gab es dann aber Verwirrung und Misstöne, denn einige Medien meldeten und skandalisierten, Johnson sei heimlich nach Italien gereist – das beruhte aber auf einer Verwechslung.

    Ein Albtraum

    Johnsons erste fünfzehn Monate im Amt des Premierministers haben sich zum Albtraum für den 56-jährigen Politiker entwickelt. Noch im Dezember gelang ihm ein strahlender Triumph bei der Parlamentswahl. Mit dem Slogan „Get Brexit Done“ errang er eine Mehrheit von 80 Sitzen, der größte Tory-Wahlerfolg seit Thatchers Sieg 1987; Labour fiel mit dem Linksaußen-Parteiführer Jeremy Corbyn und seiner Clique von Beton-Sozialisten und Ex-Trotzkisten auf das schlechteste Ergebnis seit 1935. Der ehrgeizige Regierungschef versprach dann eine glänzende Zukunftmit Milliarden-Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Entwicklung, um das Land nach dem Brexit wirtschaftlich voranzubringen. Einige Medien sagten dem Premier damals voraus, er könne locker zehn Jahre im Amt bleiben. Doch Johnsons Wonnezeit in der Downing Street dauerte nicht lange. Im März schlug die Corona-Pandemie auch auf der Insel voll zu und seitdem ging es rapide bergab.

    Wirtschaft stürzt ab

    Mehr Infektionen und Tote, vor allem in Pflegeheimen, als in anderen europäischen Ländern waren im März bis Mai zu beklagen. Die Wirtschaft stürzte ab, auch wenn Finanzminister Rishi Sunak mit gigantischen schuldenfinanzierten Programmen dagegen hält. In Meinungsumfragen sind die Konservativen von mehr als 50 Prozent im März auf jetzt 40 Prozent abgerutscht. Einzelne Umfragen sahen Labour unter dem neuen, moderaten und seriös wirkenden Vorsitzenden Keir Starmer gar vor den Tories. Die Popularitätswerte der Regierung Johnson sind tief in den Negativbereich gefallen.

    Ihr Corona-Krisenmanagement hat viel Verwirrung gestiftet, sie vollzog mehrere Kehrtwenden. Johnsons vollmundige Ankündigungen eines „weltbesten Testsystems“ kontrastieren mit realen Pannen und Verzögerungen. Aktuell sind die Infektionszahlen wieder steil gestiegen. In Nordengland, in der Region Liverpool und Manchester, in den Midlands und in Schottland sind schon wieder fast zwanzig Millionen Briten regionalen Lockdowns unterworfen, Pubs und Restaurants müssen seit dieser Woche schließen. Einzelne Tory-Hinterbänkler revoltieren gegen die Corona-Maßnahmen. Hinzu kam der Kulturkampf der Linken und von Black Lives Matter im Sommer gegen die britische koloniale Vergangenheit, die „Churchill war Rassist“-Debatte kratzt am patriotischen Selbstbewusstsein.

    Nach der Krankheit 

    Gegen die reale Tristesse versucht der Premier wieder leuchtende Visionen zu setzen: Eine „grüne Revolution“ mit viel Investitionen in Windkraft versprach er beim (virtuellen) Parteitag der Tories Anfang Oktober, Großbritannien werde er „zum besten Ort auf Erden“ machen. Doch das rhetorische Feuerwerk zündete kaum noch.

    Johnson selbst ist nicht mehr der Alte, der fröhliche, kumpelhafte, selbstironische blonde Wuschelkopf, den die Briten einst liebten und der geliebt werden will. Er hat sich verändert, seit er Anfang April auf der Corona-Intensivstation lag und Ärzte um sein Leben kämpften. Johnson wirkt nicht mehr so energiegeladen, auch wenn er das zurückweist. „Fit wie ein Metzgershund“ fühle er sich, sagte er neulich. Er sei damals „zu fett“ gewesen, jetzt mache er mehr Sport. Doch nicht nur linke Medien ziehen mit Häme über ihn her. Auch einstige Unterstützer rechnen hart ab.

    Presse gegen Johnson

    „Das nächste Jahr sollte einen Führungswechsel für die Tories bringen“, schreibt Clare Foges in der liberalen „Times“. Im Tory-nahen „Spectator“, wo Johnson einst selbst Chefredakteur war, bevor er Londoner Bürgermeister wurde, hat Toby Young ihn jüngst brüsk zum Rücktritt aufgefordert. Der Chefredakteur des parteiintern viel gelesenen Blogs Conservative Home, Paul Goodman, ein Ex-Abgeordneter, schreibt zweifelnd, Johnson sei ein guter Wahlkämpfer, kein guter Regierungschef. Er lasse sich „wie einen Einkaufswagen“ herumschubsen, so hat es der Premier selbst einmal gesagt. „Johnson, der keine eigene feste Ideologie als Orientierung hat, kann privat so unentschlossen sein wie er in seinen öffentlichen Reden bombastisch ist“, hadert Goodman mit ihm.

    Wer wissen will, wie die Tory-Mitglieder denken, kann die aktuelle repräsentative Umfrage von Conservative Home studieren. Johnson ist in der Beliebtheitstabelle auf den vorletzten Platz gefallen, sein Netto-Rating beträgt minus 10. Dahinter liegt nur noch der unbeliebte Bildungsminister Gavin Williamson, der für ein Zeugnisnoten-Chaos verantwortlich war.

    Ein junger Kronprinz

    Auf dem obersten Platz der Beliebtheit der Parteimitglieder steht Rishi Sunak, der jugendliche und sympathische Finanzminister. Er macht die beste Figur im Kabinett. Sunak stammt aus einer Einwandererfamilie mit Wurzeln im indischen Punjab. „Rishi“, wie sie ihn in Westminster rufen, hat sich hochgearbeitet. Der gläubige Hindu ist mit einer indischen Milliardärstochter verheiratet und hat in London als Investmentbanker und Fondsmanager Millionen verdient, bevor er vor sechs Jahren in Yorkshire ein Parlamentsmandat eroberte.

    Viele Beobachter halten den 40-Jährigen inzwischen für den Kronprinzen, den wahrscheinlichsten Nachfolger, sollte Johnson abtreten. Andere tippen auf den eher rechtskonservativen Kabinettsbürominister Michael Gove, ein strategischer Kopf und Hauptunterstützer der Brexit-Kampagne. Zweimal unterlag er gegen Johnson im Rennen um den Parteivorsitz, jetzt lauert er wohl auf seine dritte Chance.

    Großbaustellen

    Der Brexit ist neben Corona die zweite Großbaustelle der Johnsons Regierung. Bislang hat sie noch kein Freihandelsabkommen mit der EU sichern können, es könnte zum Jahresende ein harter Bruch mit größerem wirtschaftlichen Schaden drohen. Johnson steht vor einem kalten Winter.

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