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    Bamako

    In Mali greift ein Salafist nach der Macht

    Es brodelt in Mali: Der Oppositionsführer Mahoud Dicko, ein Salafist, will nicht mit der Regierung zusammenarbeiten.

    Im Juni gab es große Demonstrationen gegen die Regierung. Hier in Bamako wurde der Rücktritt des Präsidenten gefordert. Foto: Baba Ahmed (AP)

    Die Präsidenten Nigerias, Ghanas, Nigers, des Senegals und der Elfenbeinküste waren vor kurzem in die malische Hauptstadt Bamako geflogen, um das Land, das mit vielen anderen Ländern Westafrikas eine Grenze teilt, politisch zu stabilisieren. Nach stundenlangen Gesprächen, erst mit Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keïta, dann mit dem Oppositionsführer Imam Mahmoud Dicko, erteilte der Imam dem schwergewichtigen Quintett allerdings eine klare Absage. Zu Beginn der letzten Woche wurde bei einem virtuellen Gipfeltreffen der fünf Präsidenten ein Vierpunkteplan verabschiedet, der die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit und die Wiederholung der umstrittenen Parlamentswahlen vom April vorsieht. Imam Dicko wurde sogar ein Regierungsamt angeboten, doch Präsident Keïta und sein Premierminister sollen im Amt bleiben können. Doch die Opposition um Imam Dicko, der sich „Imam des Volkes“ nennt, lehnte auch diesen Vorschlag bereits ab.

    Neben der durch Corona verschärften  Sicherheitskrise im Norden des Landes erlebt Mali jetzt eine sich verschärfende politische Krise im Zentrum des Landes. Auslöser waren die umstrittenen Parlamentswahlen vom März, deren Ergebnis von der Opposition und internationalen Beobachtern angezweifelt wurde. Präsident Keita war zwar danach auf die Opposition zugegangen und hatte Revisionen bei der Zusammensetzung des Parlaments angekündigt. Dies war den Anhängern der Oppositions-Bewegung um Imam Mahmoud Dicko jedoch nicht genug. Es kam zu Protesten, bei denen im Juni 14 Demonstranten von Sicherheitskräften erschossen wurden. Seitdem brodelt es in Mali. Imam Dicko, Malis charismatischer salafistischer Meinungsführer, bezeichnete den Dialog mit Präsident Keita bereits Anfang Juli als gescheitert.

    Der Erzbischof von Bamako macht sich für Dialog stark

    Kurz zuvor hatte sich jedoch noch der Erzbischof von Bamako, Kardinal Jean Zerbo, sowie andere muslimische Religionsvertreter für einen Dialog stark gemacht. Imam Dicko will jetzt den Rücktritt von Präsident Keita, der mit seiner Hilfe 2013 erst an die Macht gekommen war. Keitas Amtszeit dauert offiziell noch bis 2023. Sein Rücktritt oder Sturz könnte das Land mit rund 20 Millionen Einwohnern in eine weitere schwere Krise stürzen.

    Präsident Keita vermochte seine aufgewühlte Heimat selbst nach sieben Amtsjahren nicht zu stabilisieren. Noch immer wird der Norden des Landes von islamistischen Extremisten unsicher gemacht; die unter anderen von Soldaten der deutschen Bundeswehr ausgebildete Armee agiert gegen die Dschihadisten hilflos und lässt ihren Frust immer wieder an der Zivilbevölkerung aus. Die Wirtschaft liegt am Boden, dafür wächst die Korruption. Gegen diese Korruption wettern jetzt die salafistischen Eiferer um Imam Dicko, die nicht weniger korrupt sind, aber dies besser hinter religiösen Floskeln und Staffierungen verbergen können. Mit leeren religiösen Floskeln haben sie es geschafft, moralische Integrität zu gewinnen, deshalb traut nur ihnen das Volk zu, den korrupten politischen Eliten das Handwerk zu legen.

    Dicko nennt sich „Imam des Volkes“

    Mahmoud Dicko führt seit Jahren nicht etwa einen Feldzug gegen den islamistischen Terror, sondern gegen die angebliche „Verwestlichung“ seiner Heimat. Er schreibt den Niedergang Malis dem Ausverkauf muslimischer Traditionen zu. Bereits vor Jahren kämpfte Dicko, der sich jetzt gerne als Reformer gibt, erfolgreich gegen die Gleichstellung der Frauen, gegen die Einführung der Sexualkunde als Schulfach und gegen ein Schulbuch, das die Homosexualität als Thema behandelte.

    Während des Studiums in Saudi-Arabien hatte Dicko den politischen Wahhabismus und seine Ideologie, den Salafismus, kennen und lieben gelernt. Zurück in Mali predigte er eine malische Variante des Salafismus, ohne zu sagen, was das in dem Land heißt, wo eine große Mehrheit der Muslime Anhänger des sufischen, mystischen Islams ist. Ebenso, wie die im Norden Malis operierenden Extremisten, die Dicko aus seinen fundamentalistischen Koranschulen kennt, die ihre Treue entweder Al-Kaida oder dem „Islamischen Staat“ geschworen haben, lehnt Dicko den malischen Sufismus und die Heiligenverehrung ab. Manchmal bezeichnet er Erdogan als sein Vorbild, manchmal die Muslimbruderschaft.

    Französische Soldaten so schnell wie möglich zurückschicken

    Überraschenderweise hatte Dicko im Jahr 2013 die „Befreiung“ der Nordhälfte des Landes, darunter auch seiner Heimatstadt Timbuktu, von der Gewaltherrschaft der Extremisten durch die Streitkräfte der ehemaligen Kolonialmacht Frankreichs begrüßt. Die Extremisten hatten dort islamische kulturelle Werte von Hunderten von Jahren mutwillig zerstört. Jetzt will er jedoch die noch immer im Land agierenden französischen Soldaten so schnell wie möglich nach Hause schicken, wohl wissend, dass dann seine Glaubensbrüder aus dem Norden die Macht im ganzen Lande übernehmen werden.

    Der 66-jährige Dicko, der Imam einer Moschee in der Hauptstadt Bamako ist, war von Januar 2008 bis April 2019 Vorsitzender des Hohen Islamischen Rats (HCI), eine einflussreiche Position in einem Land, das zu 90 Prozent muslimisch ist. Während  sich die Mehrheit der Bevölkerung aus gemäßigten sunnitischen Malekiten zusammensetzt, verkörpert Dicko eine rigorose, vom saudischen Wahhabismus inspirierte Strömung. Der HCI, der dem saudisch geprägten Fundamentalisten nahesteht, hat unter Führung von Dicko den rigoristischen Islamismus in dem eigentlich für seine religiöse Toleranz bekannten Mali verbreitet. Seit einigen Jahren gibt sich Dicko jedoch als gemäßigt. Doch es gibt Misstrauen gegenüber dieser Wandlung: Imame mit anderer Ausrichtung werfen ihm vor, gemeinsame Sache mit den Terroristen zu machen.

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