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    Kiew

    In der Ukraine werden Babys zur Abholware

    In der Ukraine können mehr als 100 Babys, die von Leihmüttern geboren wurden, wegen der Corona-Krise nicht abgeholt werden.

    Leihmutterschaft in der Ukraine
    Ein Kind hat ein international geschütztes Recht darauf, nach Möglichkeit bei den leiblichen Eltern aufzuwachsen. Dieses... Foto: Fabian Strauch (dpa)

    Die Bilder haben an eine Babyfabrik erinnert: Dutzende Neugeborene, die in den vergangenen Monaten in der Ukraine von Leihmüttern geboren wurden, liegen in Reih und Glied in ihren Bettchen und schreien. Die Pflegerinnen warten darauf, dass die namenlosen Babys von ihren Bestelleltern aus dem Ausland abgeholt werden, was aber derzeit wegen der Corona-Beschränkungen nicht möglich ist. So liegen diese Babys - mehr als 100 sollen es inzwischen sein - abgenabelt von den Müttern, die sie geboren haben, ohne Beziehung zu den Eizell- und Samenspendern, von denen sie genetisch abstammen, bezahlt von den ausländischen Bestelleltern, die nicht einreisen dürfen - quasi als Abholware bereit.

    Ukraine weltweit führend bei Leihmutterschaft

    Das schockierende Video, das von den Presseagenturen weltweit übernommen wurde, stammt nicht zufällig von der ukrainischen Wunschbabyklinik BioTexCom, die international aggressiv den Markt mit geschickten Werbeveranstaltungen bewirbt. Die Ukraine - eines der ärmsten Länder Europas - ist weltweit eines der führenden Länder, wenn es um Leihmutterschaften geht. Vor allem Armut treibt Frauen dazu, sich von Agenturen anheuern zu lassen. Die Wirtschaftskrise nach Corona dürfte diese Situation noch verschärfen.

    Denn so gut wie alle Frauen treibt nicht hehrer Altruismus, sondern die pure finanzielle Not dazu, sich als Gebärmutter zur Verfügung zu stellen. Die Ukraine ist zudem bekannt für besonders unwürdige Angebote geschäftstüchtiger Privatkliniken: Es gibt Pauschalangebote von bis zu 60.000 Euro, mit "100 Prozent-Baby-Garantie", was nichts anderes bedeutet, als dass sowohl Leihmutter als auch Eizellenspenderin - falls eine nötig ist - so lange ausgetauscht werden können, bis eine Schwangerschaft hält und ein Kind geboren wird.  Die Privatklinik BioTexCom in Kiew ist ins Visier der Behörden geraten; 2018 saß ihr Leiter kurzfristig unter Hausarrest wegen möglicher Steuerhinterziehung, Kinderhandel und Dokumentenfälschung. Kritiker halten BioTexCom nun vor, dass es in der Corona-Krise das "Schicksal" (oder besser "Machsal"?) der im familiären Niemandsland geborenen Babys geschickt nutzt, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. 

    Es gibt Paare, die sich nichts sehnlicher als ein Kind wünschen. Sie sind in einer Krise. Warum soll ihnen nicht durch Leihmutterschaft geholfen werden?  Erstens, weil Leihmutterschaft immer eine Ausbeutung von Frauen - körperlich und seelisch - bedeutet. Mütter bauen über neun Monate hindurch eine tiefe Bindung zu ihrem Kind auf, Leihmütter müssen hingegen emotional, physisch und vertraglich wie eine Maschine funktionieren. Sie werden auf eine Art Brutkasten reduziert und depersonalisiert. Das ist frauenfeindlich. 

    Kinder werden als Objekte gehandelt

    Zweitens werden Kinder als Objekt, als Ware gegen Geld gehandelt: Bestelleltern bezahlen, Agenturen verdienen und die Leihmutter erhält ihren (oft kargen) Lohn erst, wenn sie das (gesunde) Kind abgeliefert hat. Drittens wird das Kindeswohl grob missachtet. 

    Ein Kind hat ein international geschütztes Recht darauf, nach Möglichkeit bei den leiblichen Eltern aufzuwachsen. Dieses Recht wird dem Kind durch Leihmutterschaft systemimmanent und aus Kindessicht ohne Notwendigkeit verwehrt. Leihmutterschaft ist ein Akt der Entpersonalisierung familiärer Beziehung und Diskontinuität, die dem Kind mit Absicht als lebenslange, zu bewältigende Bürde mitgegeben wird.

    Es ist Zeit, die blinden Flecken in der Debatte aufzudecken. Es braucht ein internationales Verbot von Leihmutterschaft und eine klare Absicherung der nationalen Verbote in Österreich und Deutschland. Weder der Körper der Frau noch die Geburt eines Kindes können in Form von Produktion und Warenaustausch gehandelt werden, ohne dass dabei die Rechte des Einzelnen grob verletzt werden. Frauen sind keine Gebärmaschinen, Kinder keine Handelsware.

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