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    Berlin

    Impfstoffdebatte: Ein unmoralisches Angebot

    Die Welt fiebert der erfolgreichen Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Virus SARS-CoV-2 entgegen. Warum dies ethisch keineswegs unproblematisch sein muss. Eine Übersicht.

    Die Suche nach einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2
    Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten derzeit mehr als einhundert Forscherteams in Unternehmen und... Foto: Friso Gentsch (dpa)

    • Noch weiß niemand, zu welchen Urteilen Wissenschaftshistoriker einmal gelangen, wenn sie den Kampf der Menschheit gegen die SARS-CoV-2-Pandemie erforscht und aufgearbeitet haben werden

    • Eines ist jedoch heute schon sicher: Die fieberhafte Suche nach einem Impfstoff wird vielen ein eigenes Kapitel wert sein. Denn sie stellt schon jetzt alles in den Schatten, was bis dato als üblich galt

    • Grund genug, Antworten auf einige der drängendsten Fragen zu geben

    Was soll ein Impfstoff überhaupt leisten?

    Ein Impfstoff soll das körpereigene Immunsystem auf die Abwehr eines Erregers vorbereiten. Bei der Entwicklung von Impfstoffen verfolgen Wissenschaftler inzwischen zwar viele verschiedene Ansätze. Letztlich zielen jedoch alle darauf ab, die körpereigene Immunabwehr so zu trainieren, dass der Organismus eine echte Infektion erfolgreich bekämpfen kann. Impfstoffe konfrontieren das Immunsystem daher entweder mit einem erregertypischen Antigen in abgeschwächter Form oder auch nur mit harmlosen Teilen des Virus. Das Immunsystem des Körpers erkennt diese als Eindringlinge und lernt, sie zu bekämpfen. Dabei wird die Immunantwort des Organismus von Mal zu Mal effizienter. Die Erfahrungen, die das Immunsystem dabei sammelt, wird im "Immungedächtnis" der Zellen gespeichert. Wird der Organismus dann tatsächlich von einem Virus diesen Typs infiziert, weiß er bereits, was zu tun ist.

    Wer arbeitet derzeit an der Entwicklung eines SARS-CoV-2-Impfstoffes?

    Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten derzeit mehr als einhundert Forscherteams in Unternehmen und an Universitäten an der Entwicklung verschiedener Impfstoffe, die das Immunsystem für den Kampf gegen das Virus SARS-CoV-2 trainieren sollen. Neun mögliche Impfstoffkandidaten werden bereits in klinischen Studien an Freiwilligen getestet. Fünf davon in China, zwei in den USA und je einer in Großbritannien und in Deutschland. In den kommenden Wochen und Monaten sollen weitere folgen. Bei der Impfstoffentwicklung kooperieren diesmal kleine Bio-Tech-Schmieden mit großen Pharmakonzernen auf der anderen Seite des Globus. So arbeitet etwa das Mainzer Unternehmen Biontech, das bereits einen potenziellen Impfstoffkandidaten in einer ersten klinischen Prüfung am Menschen testet, mit dem US-amerikanischen Pharmakonzern Pfizer und dem chinesischen Gesundheitskonzern Fosun Pharma zusammen.

    Wie lange wird es dauern, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht?

    Das kann heute niemand mit Gewissheit sagen. Die Mehrzahl der Experten geht davon aus, dass es trotz der großen Zahl der Teams, die an der Entwicklung eines Impfstoffes arbeiten und der bislang beispiellosen engen Zusammenarbeit bis Mitte oder Ende des nächsten Jahres dauern könnte, bis ein geeigneter Impfstoff-Kandidat gefunden ist. Das wäre immer noch sehr schnell. Denn bisher dauerte die Entwicklung eines Impfstoffs viele Jahre oder gar Jahrzehnte. Einige wenige Forscher halten die erfolgreiche Entwicklung eines SARS-CoV-2-Impfstoffes noch in diesem Jahr für möglich. So stellt etwa der Schweizer Immunologe Martin Bachmann die Bereitstellung eines Impfstoffes für Oktober in Aussicht. Der Leiter der Immunologie am Universitätsspital Bern setzt auf die Entwicklung einer gentechnisch zusammengebauten SARS-CoV-2-Attrappe. Diese hört auf den Namen RBD-CuMVtt und soll dem Immunsystem eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus vorgaukeln und auf diese Weise die gewünschte Immunantwort des Organismus provozieren.

    Was macht die Suche nach einem Impfstoff so kompliziert?

    Ein Impfstoff muss nicht nur wirksam sein, also eine Antwort des Immunsystems hervorrufen, mit der ein Organismus das Virus tatsächlich erfolgreich bekämpfen und besiegen kann, sondern auch verträglich sein. Beide Ziele lassen sich nicht immer in akzeptabler Weise vereinen. So gibt es zum Beispiel bis heute gar keinen Impfstoff gegen Malaria oder HIV. Der Impfstoff, der Menschen gegen Tuberkulose schützen soll, gilt als nicht sonderlich wirksam.

    Wer überprüft, ob ein Impfstoff wirksam und verträglich ist?

    Die jeweilige Zulassungsbehörde. In Deutschland ist dies das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel mit Sitz in Langen, nahe Frankfurt am Main, vielen auch besser bekannt als Paul-Ehrlich-Institut.

    Wie werden Wirksamkeit und Verträglichkeit von Impfstoffen getestet?

    Die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Impfstoffen wird normalerweise zunächst im Rahmen von präklinischen Tests im Labor in Tierversuchen und/oder an Zellkulturen erprobt. Sofern es sich dabei um Zellen handelt, die aus abgetriebenen Kindern oder im Labor erzeugten, menschlichen Embryonen gewonnen wurden, gibt es hier ein ernstes ethisches Problem (siehe dazu weiter unten).

    In den präklinischen Tests geht es in erster Linie darum, die Wirksamkeit von Impfstoffkandidaten zu erproben. Waren diese erfolgreich, schließen sich an sie   analog zur Zulassung von Arzneimitteln klinische Studien an, die in drei Phasen unterteilt werden.

    Phase 1: In ihr wird ein potenzieller Impfstoff an 100 bis 200 Probanden erprobt. Dabei handelt es sich meist um gesunde Erwachsene, die sich freiwillig und nach Aufklärung der Risiken gegen eine Aufwandsentschädigung als Testpersonen zur Verfügung stellen. Die Phase 1 dient dazu, mögliche Sicherheitsprobleme zu erkennen und erste Ideen über eine geeignete Dosierung zu entwickeln.

    Phase 2: In ihr wird der Impfstoffkandidat an bis 1000 Probanden getestet. Dabei wird versucht, die optimale Dosierung und ein geeignetes Impfschema zu finden. Bei einigen Impfungen wird die gewünschte Antwort des Immunsystems nur einmal provoziert, bei anderen in gewissen zeitlichen Abständen mehrfach.

    Phase 3: In ihr wird der potenzielle Impfstoff an einigen tausend oder wenigen zehntausend Probanden getestet, um mit statistischer Signifikanz mögliche Nebenwirkungen zu ermitteln und herauszufinden, wie es um die Wirksamkeit eines Impfstoffproduktes bei verschiedenen Personengruppen bestellt ist.

    Welche Nebenwirkungen gelten als akzeptabel?

    Bei Impfstoffen gilt, dass der Nutzen die Risiken weit überwiegen muss. Bleibende Schäden werden, auch wenn diese nicht völlig ausgeschlossen werden können, als nicht akzeptabel betrachtet. Als akzeptabel gelten Nebenwirkungen, die als "erträglich" betrachtet werden. Dazu zählen zum Beispiel vorübergehende Hautreaktionen, Druckschmerzen an der Einstichstelle sowie Kopf- und Gliederschmerzen oder Fieber.

    Was ist an der Behauptung dran, dass manche Impfstoffe unter Verwendung von Zellen hergestellt werden, die von abgetriebenen Kindern stammen?

    Bei einigen Impfstoffen trifft dies tatsächlich zu. Da sich Viren nur in lebenden Zellen vermehren, werden bei der klassischen Impfstoffproduktion abgeschwächte Aktiv-Impfstoffe in solchen vermehrt. Als Wirtszellen kommen dabei überwiegend Hefezellen, bebrütete Hühnereier oder Affennierenzellen zum Einsatz. Bei einigen Impfstoffen werden die Viren jedoch auch oder sogar ausschließlich in humanen fetalen Zellen hergestellt, die von abgetriebenen Kindern stammen. Dazu zählen die in Europa erhältlichen Aktivimpfstoffe für Hepatitis A, Röteln und Windpocken. Für Aktiv-Impfstoffe gegen Windpocken gilt das sogar weltweit. Japanische Wissenschaftler haben vor einigen Jahren alternative Aktiv-Impfstoffe für Hepatitis A und Röteln entwickelt, die ohne die Verwendung humaner Fetalzellen auskommen.

    Warum sind diese Alternativen in Deutschland nicht erhältlich?

    Die ethisch unbedenklichen Alternativen dürfen in Deutschland nicht eingeführt werden, weil das deutsche Arzneimittelgesetz den Import von Arzneimitteln aus dem Ausland verbietet, wenn sich "hinsichtlich des Wirkstoffes identische und hinsichtlich der Wirkstärke vergleichbare Fertigarzneimittel in Deutschland auf dem Markt befinden".

    Hat sich die katholische Kirche zu diesem Problem geäußert?

    Ja. In der 2008 erschienenen Instruktion "Dignitas personae" der Kongregation für die Glaubenslehre "über einige Fragen der Bioethik" wird der "Verwendung von menschlichem ,biologischen Material  unerlaubten Ursprungs sogar ein ganzes Kapitel gewidmet. Darin erinnert die Glaubenskongregation unter Berufung auf die Enzyklika "Evangelium vitae" Johannes Pauls II. daran, "dass die sittliche Bewertung der Abtreibung, auch auf die neueren Formen des Eingriffs auf menschliche Embryonen angewandt werden muss, die unvermeidlich mit der Tötung des Embryos verbunden sind, auch wenn sie Zwecken dienen, die an sich erlaubt sind. ( ) Die Verwendung von Embryonen oder Föten als Versuchsobjekt stellt ein Verbrechen dar gegen ihre Würde als menschliche Geschöpfe, die das Recht auf dieselbe Achtung haben, die dem bereits geborenen Kind und jeder Person geschuldet wird . Die Durchführung von solchen Versuchen stellt immer ein schweres sittliches Vergehen dar."

    Gibt es eine moralische Pflicht, solche Impfstoffe zu boykottieren?

    Nein, die gibt es nicht. Wie die Glaubenskongregation in "Dignitas personae" ausführt, gibt es innerhalb des "allgemeinen Rahmens differenzierte Verantwortlichkeiten". Weiter heißt es dort: "So dürfen zum Beispiel Eltern wegen der Gefahr für die Gesundheit der Kinder die Verwendung von Impfstoffen gestatten, bei deren Vorbereitung Zelllinien unerlaubten Ursprungs verwendet wurden, wobei jedoch alle verpflichtet sind, dagegen Einspruch zu erheben und zu fordern, dass die Gesundheitssysteme andere Arten von Impfstoffen zur Verfügung stellen."

    Spielt die Verwendung von Zellen von abgetriebenen Kindern auch bei der jetzigen Entwicklung eines SARS-CoV-2-Impfstoffes eine Rolle?

    Teilweise. So wandten sich mit Datum vom 17. April die US-amerikanischen Bischöfe in einem Offenen Brief an den Leiter der US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration, Stephen Hahn. Unter den Dutzenden Impfstoffen, die sich derzeit in den USA in der Entwicklung befänden, seien auch einige, die alte Zelllinien verwendeten, die aus dem Gewebe abgetriebener Babys gewonnen worden seien. So habe zum Beispiel die Firma Janssen Pharmaceuticals Inc. einen Vertrag mit dem US-Gesundheitsministerium geschlossen und arbeite an einem Impfstoff, der unter Verwendung einer dieser ethisch problematischen Zelllinien hergestellt werde, klagten die Bischöfe.

    Dankenswerterweise verwendeten andere Impfstoffe, wie jene, welche derzeit von Sanofi Pasteur, Inovio und dem Medizinischen Forschungsinstitut Johannes Paul II. entwickelt würden, Zelllinien, die keinerlei Verbindung zu unethischen Verfahren und Methoden aufwiesen, heißt es in dem Schreiben weiter.
    Es sei von entscheidender Bedeutung, dass die Amerikaner Zugang zu einem Impfstoff hätten, der ethisch produziert worden sei. Kein Amerikaner sollte gezwungen sein, sich zwischen einer Impfung gegen ein möglicherweise tödliches Virus und der Missachtung seines Gewissens entscheiden zu müssen. Glücklicherweise gebe es keine Notwendigkeit, ethisch problematische Zelllinien zu verwenden, um einen COVID-Impfstoff oder irgendeinen anderen Impfstoff herzustellen, so die Bischöfe weiter. In dem Schreiben bitten die Hirten Hahn, nicht nur sicherzustellen, dass Amerikaner Zugang zu einem COVID-Impfstoff erhielten, der ethisch unbedenklich sei, sondern auch Anreize für Pharmaunternehmen zu schaffen, bei der Herstellung von Impfstoffen ausschließlich ethische Zelllinien und Verfahren einzusetzen.

    Gibt es vergleichbare Initiativen in Deutschland?

    Nein.

    Gibt es außerhalb der USA Proteste gegen die Nutzung des Gewebes von abgetriebenen Kindern oder im Labor erzeugten Embryonen?

    Ja, die gibt es. Die meisten erregen jedoch kein größeres öffentliches Aufsehen. Der bislang mit Abstand bekannteste Protest war das Europäische Bürgerbegehren One of us ("Einer von uns"), das 2013 mehr als 1,7 Millionen Unterschriften sammelte und verlangte, dass die Europäische Union keine Forschung mehr fördere, die auf der Tötung menschlichen Lebens vor der Geburt basiere. Die EU-Kommission unter dem damaligen Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso focht dies jedoch nicht an. Drei Tage nach der Europawahl des Jahres 2014 bescherte sie dem bislang erfolgreichsten Europäischen Bürgerbegehren ein drittklassiges Begräbnis.

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